Seitenwechsel

Manager bezahlen für die eigene Sozialarbeit

Beim Programm "SeitenWechsel" helfen Manager Obdachlosen oder Drogensüchtigen. Für die ehrenamtliche Tätigkeit bezahlen sie selbst.

Foto: Getty Images

Gott allein weiß, wie es der Mann bis hierher geschafft hat. Durch Hamburgs Straßen weht seit Tagen ein eisiger Wind, es ist kalt und feucht. Doch der Obdachlose, der in diesem Moment die Kleiderkammer der Hilfseinrichtung Herz As betritt, trägt nur ein Paar zerschlissene Jeans und ein verdrecktes T-Shirt, das auf Höhe des Bauchnabels endet. Und wenn das, was er am Leib trägt, sein ganzer Besitz ist, dann wird er es nicht durch den Winter schaffen.

„Ich bräuchte wohl mal ein Paar Stiefel“, brummt er und schaut unsicher zu dem Mann hinterm Tresen. Der braucht nur einen kurzen Blick, um zu wissen, dass der Besucher noch einiges mehr benötigt: „Sie sind ja barfuß.“ Aus den Worten klingt ungläubige Verwunderung. Im Gegensatz zu den erfahrenen Herz-As-Mitarbeitern ist Yves Müller an einen solchen Anblick nicht gewöhnt. Die Menschen, die dem 41-Jährigen in seinem normalen Arbeitsumfeld begegnen, tragen Anzug oder Kostüm und nicht die Spuren einer Nacht in einem Hauseingang.

Sie riechen nicht, sondern duften dezent nach Rasierwasser oder Parfüm. Müller ist Vorstand bei Tchibo. Normalerweise managt er die Finanzen und das Personalwesen eines der größten deutschen Konsumgüterkonzerne mit 11.000 Mitarbeitern und einem Umsatz von 3,2 Milliarden Euro. Jetzt steht er vor der Frage, wie jemand Stiefel anprobiert, der keine Socken besitzt. Müller arbeitet eine Woche lang in einer Obdachlosentagesstätte in Hamburg. Und erlebt eine Welt, mit der er sonst wohl nie in Berührung gekommen wäre.

Seit zehn Jahren gibt es in Deutschland das Programm „SeitenWechsel“. Mehr als 1100 Manager und Führungskräfte haben seither in sieben Bundesländern für einen begrenzten Zeitraum in einer sozialen Einrichtung gearbeitet. Sie pflegen Behinderte, kümmern sich um Strafgefangene, helfen Drogensüchtigen. Die Einsätze dauern eine Woche und taugen im Gegensatz zu manchem Charity-Event nicht zum karitativen Feigenblatt. Die Seitenwechsler müssen in den Einrichtungen ernsthaft arbeiten, Presse ist in der Regel nicht dabei. Es geht hier nicht um den schönen Schein.

„Warm, wetterfest und dunkel – das sind die wichtigsten Kriterien für eine Jacke“, sagt Müller, während er in die Tiefen des Fundus mit den Kleiderspenden geht. Seine Hände arbeiten sich bei Größe XL durch die abgelegten Winterjacken des bürgerlichen Hamburgs. Des Hamburgs, dem auch er angehört.

Yves Müller ist 41 Jahre alt, Unternehmersohn, Steuerberater und Wirtschaftsprüfer. Seine Karriere führte ihn über die Prüfgesellschaft Arthur Andersen direkt zu Tchibo, wo er schon mit 35 Jahren in den Vorstand berufen wurde. Er wohnt mit Frau und Kindern in einem der vornehmen Stadtteile. Jetzt steht er in einer Nebenstraße hinterm Hauptbahnhof zwischen Alttextilien und lernt etwas über die Lage von Menschen, in deren Leben es lange nicht mehr aufwärtsgeht, sondern oft nur noch bergab.

Gemeinsam mit einer Herz-As-Mitarbeiterin sucht Müller ein paar Dinge zusammen, die passen könnten. Ein Paar Wanderschuhe, einen Pullover, eine dunkle Jacke, auf deren Rücken „DaimlerChrysler“ gedruckt ist. Der Besucher, wie die Obdachlosen hier genannt werden, studiert die Sachen genau. Um modische Kategorien geht es weniger – wer auf der Straße lebt, kann sich keine Eitelkeiten leisten. Kleidung hat hier noch eine existenzielle Bedeutung. Sie muss warm und trocken halten und davor schützen zu erfrieren. Und sie soll dunkel sein. Damit der Schmutz nicht so zu sehen ist. Und damit der Träger nicht zu sehr auffällt. Die wenigsten Wohnungslosen sind stolz auf ihren Status.

Manager bezahlen mehr als 2000 Euro

2100 Euro plus Mehrwertsteuer zahlen Seitenwechsler für ihre Einblicke. 650 Euro davon gehen an die Einrichtung, in der sie hospitieren. Ausgerichtet wird das Programm von der Patriotischen Gesellschaft, einer 245 Jahre alten gemeinnützigen Vereinigung, die einst die erste Sparkasse und das Berufsschulwesen begründete. Man müsse das als Seminarbeitrag verstehen für eine „ganz persönliche Weiterbildungsmaßnahme“, sagt Programmleiterin Doris Tito.

Ein Managementseminar im Obdachlosenhaus. Das kann man kritisch sehen. Sollen ausgerechnet die Ärmsten dabei helfen, die Gewinner der Gesellschaft noch erfolgreicher zu machen? Coaching am lebenden Objekt? „Viele sind zunächst skeptisch, wenn sie von dem Programm hören“, gibt Tito zu. Doch die Erfahrung zeige, dass von der Begegnung alle Seiten profitieren. Der Seitenwechsel ist nicht gedacht als Motivationsseminar für gelangweilte Manager, denen der Teamausflug in den Hochseilgarten keinen Kick mehr bringt.

Monate vor dem eigentlichen Beginn des Sozialpraktikums stellen sich verschiedene Institutionen den SeitenWechsel-Kandidaten vor. Es bleibt jedem selbst überlassen, wo er sich engagieren möchte. Sparkassen-Vorstand Frank Brockmann etwa hospitierte in einem Kinder- und Jugendhaus, Globetrotter-Personalchefin Katharina Benson entschied sich für eine in einer Drogenberatungsstelle, EADS-Manager Martin van der Vorst arbeitete in einer Behindertenwohngruppe.

„Mit Kindern zu arbeiten kam für mich nicht infrage. Das wäre für mich zu nah dran“, sagt Familienvater Müller. Abgesehen von einigen kirchlichen Aktivitäten bringt er keine Erfahrungen im sozialen Sektor mit. Doch das Leben von Obdachlosen, das habe ihn schon lange beschäftigt, sagt Müller. Wie fern jeglicher Aussteigerromantik dieses Leben tatsächlich ist, erlebt Müller an einem Vormittag im Hamburger Obdachlosenheim. Hier schlafen bei unwirtlichem Wetter bis zu 250 Menschen. Dann ist Deutschlands ältestes Asyl so überfüllt, dass einige nur noch einen Stuhl finden, um ein paar Stunden zu dösen.

„Eigentlich sind nur 190 Schlafplätze vorgesehen. Es gibt einfach zu viele Wohnungslose in der Stadt“, sagt Müller, der die Eckdaten nach dem ersten Briefing durch die Sozialarbeiter im Kopf hat. Mit Zahlen kann er umgehen. Mit den Bildern, die sich dem Finanzvorstand auf den Fluren der Einrichtung bieten, ist das schwieriger. An der Seite eines Sozialarbeiters geht er von Tür zu Tür und blickt menschlichem Elend ins Gesicht.

Einige der kargen Räume sind akribisch aufgeräumt und pieksauber, Zeugen eines tapferen Kampfes gegen das Chaos. Aus anderen schlägt Müller durchdringender Gestank nach Alkohol und menschlichen Ausdünstungen entgegen. Schwer gezeichnete Menschen blicken mit geröteten, leeren Augen von ihren Pritschen hoch. „Es ist furchtbar zu sehen“, sagt Müller später, „was Alkohol und Drogen aus Menschen machen können.“

1200 Obdachlose leben auf Hamburgs Straßen und Plätzen. Wer Platte macht, also in Hauseingängen oder unter Brücken schläft, hat mehr Sorgen als die um einen trockenen Schlafplatz. So kann er kein Hartz IV beziehen, wenn er keine Wohnadresse hat. 1178 Menschen sind deshalb zurzeit im Herz As postalisch gemeldet. In der Tageseinrichtung können sie außerdem duschen. Und sie bekommen eine warme Mahlzeit. Mittags füllen sich die Tische in der Einrichtung mit hungrigen Besuchern. Heute gibt es Sauerkraut. Müller bedient die Besucher am Tisch und wünscht einen guten Appetit.

Jobverlust steht am Beginn vieler Obdachlosenkarrieren

Die Gäste bedanken sich, nach dem Essen räumen sie das Geschirr ab. „Hat gut geschmeckt“, murmelt der eine oder andere. „Es hat mich anfangs überrascht, wie höflich hier alle miteinander umgehen“, sagt Müller. Die soziale Kluft, die ihn von den Menschen hier trennt, scheint keine Rolle zu spielen. Mit den Ein-Euro-Jobbern, die früher selbst obdachlos waren und sich jetzt über eine regelmäßige Tätigkeit im Herz As ins Leben zurückarbeiten, ist Müller nach kurzer Zeit auf kollegialem Fuß. Er ist für sie „der Yves“.

Es dauert nicht lange, und Müller erfährt, während er Handtücher, Shampoo und Nagelscheren ausgibt, ganze Lebensgeschichten. „Ich bin Wirtschaftsprüfer, ein Auditor. Das bedeutet: Ich kann zuhören“, sagt Müller. Das ist für viele Obdachlose vielleicht noch wichtiger als ein Stück Seife und ein warmer Pullover. Wer auf der Straße lebt, ist nie für sich und doch zumeist sehr allein. Keine Verwandten, keine Partnerin, keine Freunde. Wenn es keinen interessiert, ob man lebt oder stirbt, ist das eine schlimme Erfahrung. Umso dankbarer fangen viele an zu erzählen, wenn sie merken, dass da einer wirklich zuhört.

Da ist zum Beispiel der 51-jährige Thüringer, neben dem Müller an einem Vormittag im Kleintransporter sitzt. Seit drei Jahren lebt der Mann auf der Straße. Nach Jobverlust sei er an den Alkohol und „auf die schiefe Bahn“ geraten, erzählt er, doch jetzt gehe es ihm besser. In Zukunft wird man ihn seltener im Herz As sehen. Denn die beiden sind auf dem Weg zu einer Wohnung, die man für ihn in Eidelstedt gefunden hat, im Laderaum rumpeln Kommode, Tisch und Stühle. Nicht jede Geschichte im Herz As nimmt so ein schönes Ende.

Jobverlust, Trennung, Alkohol. Das sind die Faktoren, die am Anfang vieler Obdachlosenkarrieren stehen. Es kann nicht schaden, wenn das ein Mann weiß, der die Personalverantwortung für 11.000 Menschen trägt. „Unternehmen haben eine wichtige gesellschaftliche Funktion“, sagt Doris Tito. Es sei wichtig, gerade Menschen mit Personalverantwortung zu sensibilisieren für mögliche Probleme ihrer Mitarbeiter. „Wer bemerkt, dass ein Angestellter private Sorgen hat, ein Alkoholproblem, einen drohenden Burn-out oder eine Depression, der kann frühzeitig gegensteuern. Das hilft dem Mitarbeiter, und es ist auch für das Unternehmen von Nutzen.“

Tito ist es gewohnt, für ihr Programm zu werben. Es sei nicht immer leicht, Unternehmen dafür zu gewinnen. Zu dicht gepackt sind die Terminkalender der Manager. Doch hätten sie sich erst zur Teilnahme entschlossen, dann seien die meisten im Nachhinein dankbar für die Erfahrung. „Die Idee des Programms ist es, dass beide Seiten voneinander lernen“, sagt Tito. „Soziale Einrichtungen müssen heute auch ökonomisch agieren. Unternehmen wiederum werden auf Dauer mehr Erfolg haben, wenn sie ihre Mitarbeiter auch als Menschen wahrnehmen und verstehen.“

Yves Müller hat sich von Tito überzeugen lassen. Die Woche unter Obdachlosen habe ihn weitergebracht. „Man wird demütiger und reflektiert anders.“ Müller will Führungskräfte in seinem Unternehmen dazu ermuntern, auch einen Seitenwechsel zu wagen. Obwohl das den Finanzvorstand Geld und den Personalvorstand Ressourcen kostet. Etwas zu lernen über das Leben der anderen, ist für ihn eine sinnvolle Investition.