Libyen-Krise

Experten warnen vor dramatischen Öl-Engpässen

Der Preis für Rohöl ist auf den höchsten Stand seit August 2008 geklettert. Händler befürchten, dass sich die Libyen-Krise ausweitet.

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Bei weiteren politischen Unruhen in Ölregionen drohen nach Einschätzung der US-Bank Goldman Sachs dramatische Engpässe auf den Rohölmärkten. Die Proteste in Libyen könnten sich auf andere Ölexportländer ausbreiten und zu weiteren Lieferproblemen führen, erklärte Jeffrey Currie von Goldman Sachs. Anders als die Ausfälle in Libyen könnten diese dann nicht mehr ausgeglichen werden, so dass Rationierungen notwendig würden. Diese Sorge treibe derzeit die Ölmärkte an.

Allerdings werde die Gefahr, dass sich die politischen Unruhen auf große Ölexporteure wie Saudi-Arabien ausbreiteten, als vergleichsweise gering eingeschätzt. Der Preis für Rohöl erreichte den höchsten Stand seit August 2008. Ein Barrel der Sorte Brent wurde zeitweise zu fast 120 Dollar gehandelt. Nach den Revolten in Tunesien und Ägypten kam es zuletzt in Libyen zu gewaltsamen Auseinandersetzungen. Saudi-Arabien versucht unterdessen, den sozialen Druck hoher Jugendarbeitslosigkeit mit Finanzhilfen zu entschärfen.

Der Ölpreis nähert sich nach Einschätzung der Deutschen Bank der Marke, ab der er eine Gefahr für die Weltwirtschaft darstellt. Sollte ein Barrel (159 Liter) mehr als 120 Dollar kosten, wäre ein konjunktureller Wendepunkt erreicht, teilte das Kreditinstitut mit. Bei dieser Marke mache der Ölmarkt dann mehr als 5,5 Prozent der gesamten weltweiten Wirtschaftsleistung aus.

„Das war historisch ein Umfeld, in dem das globale Wachstum unter Druck kam“, schrieben die Experten. Allerdings müsste die Versorgung mit Öl aus Saudi-Arabien deutlich eingeschränkt sein oder es müsse zu anderen größere Störungen kommen, damit dieses Preisniveau erreicht werde, schränkten die Analysten ein.

Nachdem die libysche Ölproduktion zu großen Teilen gestoppt worden ist, sind die Preise auch für Benzin weiter gestiegen. In Deutschland kostete Superbenzin in vielen Regionen bereits 1,53 Euro, Diesel kam auf 1,43 Euro pro Liter, jeweils drei Cent mehr als am Vortag. Der letzte verfügbare Durchschnittspreis der Mineralölindustrie vom Vorabend lag bei 1,51 Euro für Super und 1,41 für Diesel. Viele internationale Ölkonzerne haben ihr Personal aus Libyen abgezogen und die Förderung eingestellt.

Die Energiekonzerne Eni und Repsol hatten am Dienstag ihre Quellen geschlossen, die deutsche BASF-Tochter Wintershall kurz danach, auch die französische Total dreht den Hahn zu. Die italienische Eni ist mit 244.000 Barrel für ein Viertel der libyschen Ölexporte zuständig, Wintershall kommt auf 100.000 Barrel pro Tag, Total auf 55.000. Libyen ist einer der größten Erdölproduzenten der Welt und hat mit 5,7 Milliarden Tonnen die größten Reserven in Afrika. Libyen ist der fünftwichtigste Lieferant von Rohöl für Deutschland. 2010 flossen 6,6 Millionen Tonnen von dort in die Bundesrepublik.