Hält die Hitzewelle in Deutschland an, müssen Bahnreisende weiter damit rechnen, dass in ihrem ICE die Klimaanlage ausfällt. Warum das so ist, erfahren sie nicht, denn die Bahn weiß es nicht. Folglich muss der Konzern die Antwort auf die berechtigte Frage seiner Kunden, wann denn wohl mit einer Behebung der Mängel zu rechnen sein könnte, ebenfalls schuldig bleiben. Die Bahn tut sich – fast eine Woche nach Beginn des Desasters – sogar noch schwer damit, klar zu sagen, bei welcher Außentemperatur die Klimaanlagen schlappmachen. Da war für ältere Modelle erst von 35 Grad die Rede, nun heißt es 32 Grad. Wenn auch die Gründe noch unbekannt sind, einen Schuldigen hat die Bahn längst ausgemacht – den Klimawandel. Niemand habe bei der ICE-Planung voraussehen können, dass in Deutschland einmal Temperaturen jenseits dieser Werte herrschen könnten. Ein schlichter Blick in die Wetteraufzeichnungen hätte die vermeintlichen Bahnexperten davor bewahrt, solchen Unsinn zu verbreiten.
Im Frühjahr hat Bahnchef Rüdiger Grube eine Qualitätsoffensive versprochen, und doch gibt sein Unternehmen wieder nur ein Trauerspiel. Mit den altbekannten Szenen: jegliche Schuld abstreiten, Anzahl der Vorfälle herunterspielen, Kundenservice hintanstellen. In Berlin stößt einem das Ganze besonders bitter auf, man glaubt an ein Déjà-vu-Erlebnis. Trudelt die Bahn mit dem ICE in ein ähnliches Chaos wie mit der S-Bahn? Wir erinnern uns: Als im Winter reihenweise Züge ausfielen, war das Wetter Schuld. Dann brach im Mai 2009 bei einem Zug ein Rad – das löste eine beispiellose Krise aus. Nach und nach mussten große Teile der S-Bahn-Flotte in die Werkstätten, Wartungsschlampereien bis hin zu gefälschten Berichten wurden offenkundig. Und es wurde ziemlich schnell klar, dass bei der S-Bahn auf Teufel komm raus gespart wurde. Rendite machen, lautete die Devise, auch für den geplanten Börsengang des Mutterkonzerns. Service, Kundenfreundlichkeit standen nicht obenan, nicht einmal Sicherheit. Selbst die Staatsanwaltschaft machte „offenkundige Fehlleistungen“ früherer S-Bahn-Manager aus, auch wenn diese strafrechtlich nicht relevant sind.
Das alles treffe auf die ICE-Klima-Krise in keiner Weise zu, beteuert die Bahnspitze. Es liege weder ein Wartungsmangel noch ein systematischer technischer Fehler vor. Bahnchef Rüdiger Grube und seine Vorstandskollegen müssen damit leben, dass ihnen das kaum noch jemand glaubt. Die Bahn hat sehr viel Vertrauen verspielt, bei Politikern und vor allem bei ihren Kunden. Dazu hat das Chaos im Berliner Nahverkehr entscheidend beigetragen. Sicherlich lief das alles schon auf einem falschen Gleis, als Grube die Führung des Unternehmens übernahm, doch ist er jetzt als Krisenmanager gefordert. Er muss dafür sorgen, das die Mängel an den ICE-Zügen schonungslos aufgedeckt und so schnell wie möglich beseitigt werden – ohne Rücksicht auf Kosten.







