Deutschland gehört zur gemäßigten Klimazone und das ist durchaus von Vorteil. Hier muss man keine Häuserfundamente in den Dauerfrostboden rammen. Man muss auch keinen ausgelaugten Wüstenböden aufwendig bewässern, nur damit ein paar Pflanzen sprießen. Man kann sich zu jeder Jahreszeit recht gefahrlos im Freien aufhalten. Allerdings: Auch in Deutschland kann es im Winter empfindlich kalt werden und im Sommer schweißtreibend heiß. Das ist alles bekannt und jetzt trotzdem ein Problem für die Deutsche Bahn AG.
Das Unternehmen, das so angestrengt um ein Image als modernes Serviceunternehmen ringt, steckt mal wieder im Schlamassel. Am Wochenende mussten drei Schnellzüge gestoppt werden. Auf ihrer Fahrt von Berlin Richtung Westen versagten Klimaanlagen ihren Dienst. Fahrgäste machten bei Temperaturen von 50 Grad Celsius in den Zügen schlapp, einige Schüler mussten im Krankenhaus behandelt werden. Nun verspricht die Bahn, mehr Getränke an Bord zu verteilen.
Montagabend musste zunächst das Technische Hilfswerk (THW) einspringen: Es verteilte nach dem erneuten Ausfall der Klimaanlage von mindestens einem ICE am frühen Montagabend im Hauptbahnhof von Hannover Wasserflaschen an Hunderte gestrandete Fahrgäste. Der Notfallmanager des Hauptbahnhofs habe das THW angefordert, weil wegen des Ausfalls von Klimaanlagen „mehrerer Züge“ und der großen Hitze die Fahrgäste mit Wasser versorgt werden mussten, sagte ein Sprecher des THW in Hannover. Betroffen waren mindestens 400 Reisende. Eine Sprecherin der Deutschen Bahn bestätigte den Ausfall der Klimaanlage und die vorläufige Außerbetriebnahme des ICE 556 von Berlin nach Koblenz. Den Ausfall weiterer Züge wollte sie „nicht ausschließen“.
Kann man gefahrlos verreisen bei Hitze?
Die Situation ist schon lange problematisch: So wurde im Winter die Strecke zwischen der Hauptstadt und München ausgedünnt. Seit mehr als einem Jahr ertragen die Berliner immer neue Hiobsbotschaften von der S-Bahn. Und dann gab es da noch, kaum jemand erinnert sich, die Probleme mit Rädern beim ICE, nicht einmal zwei Jahre sind seitdem vergangen. Zu den alten Sorgen der Bahn – Was ist mit der Wartung? Wann fährt die S-Bahn wieder regulär? Verträgt der ICE einen harten Winter? – kamen neue hinzu. Halten Züge in Deutschland Temperaturen jenseits von 35 Grad aus? Kann man bei Hitze gefahrlos mit der Bahn verreisen?
Es gibt da Zweifel. Nach den Vorfällen des Wochenendes wurden weitere Hitzepannen bekannt. So sollen in einem Intercity von Passau nach Hamburg in mehreren Wagen die Klimaanlage ausgefallen sein, ebenso in einem Intercity, der von Westerland auf Sylt nach Köln unterwegs war. Zudem gibt es Berichte, wonach schon am Freitag in ICE-Zügen von Düsseldorf nach Berlin die Kühlung versagte. Bei Morgenpost Online gingen nach dem Wochenende E-Mails und Briefe ein. Sie berichten von Pannen, schlechtem Service, von den kleinen Momenten der Wut und des Wahnsinns, den irgendwann jeder erlebt, der sich mit der Bahn in Bewegung setzt. Offenbar gibt es mit der Kühlung schon länger Probleme. So berichtet ein Leser davon, dass bereits am Freitag auf der Reise von Berlin nach Duisburg im ICE die Klimaanlage ausfiel. Er habe das Zugpersonal darauf aufmerksam gemacht. Dann hätte man ihm gesagt: „Auch wir müssen in dieser Hitze arbeiten.“ Umsetzen in die Erste Klasse, wo die Klimaanlage arbeitete, sei nicht möglich gewesen.
Anlaufestelle für Betroffene ist eingerichtet
Die Bahn schaltet nun wie so oft in den Krisenabwehr-Modus: Der sieht in der ersten Stufe vor, den Störungen das Prädikat „Einzelfall“ zu geben. So äußerte sich ein Bahnsprecher bereits am Sonntag, nachdem Bilder von den dehydrierten Reisenden durch die Republik gingen. Dann entschuldigte sich Bahnchef Rüdiger Grube bei der Klassenlehrerin, deren Schüler am Samstag völlig entkräftet in Bielefeld aus dem Zug stiegen und teils wegen Flüssigkeitsmangels ins Krankenhaus mussten. Ulrich Homburg, Vorstand für den Personenverkehr, stellte Entschädigungszahlungen in Aussicht. Zudem kündigte DB-Personenverkehrsvorstand Ulrich Homburg eine zentrale Anlaufstelle für betroffene Kunden an. Seit Montag, 19 Uhr ist dafür die E-Mail-Adresse
hitzewelle@deutschebahn.com
geschaltet. Die schriftliche Kontaktaufnahme ist möglich an: DB Fernverkehr AG, Kundendialog, Stichwort „Hitzewelle“, Postfach 10 06 13, 96058 Bamberg. Betroffene Fahrgäste können außerdem das DB-Kundenportal unter 01805 99 66 33 nutzen.
Doch das wird nicht reichen. Das Unternehmen steht wegen der Hitzepannen unter Druck. Die Bundespolizei ermittelt wegen fahrlässiger Körperverletzung. Und eine Sprecherin des Eisenbahn-Bundesamtes sagt: „Wir haben Ermittlungen aufgenommen.“ Die Aufsichtsbehörde prüft zweierlei: die Technik der Züge und die innerbetrieblichen Abläufe der Bahn.
Auch wenn die Bahn von Einzelfällen redet: Innerhalb des Konzerns scheint man sich nicht sicher. „Das ist ein ernstes Imageproblem“, heißt es. Man arbeite mit Hochdruck. Der Fahrgastverband Pro Bahn schimpft über das Krisenmanagement. Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) lässt ausrichten, er werde die Pannen zum Thema der nächsten Aufsichtsratssitzung machen. Er erwarte, dass die Züge „bei minus 40 Grad genauso zuverlässig fahren wie bei plus 40 Grad“.
Schafft die Bahn das? Diese Frage ist offenbar nicht schnell zu klären. Im Reich der DB AG sind 250 ICEs unterwegs, darunter drei verschiedene Baureihen. Die jüngsten Probleme betreffen die zweite Generation der schnellen Züge, von denen es 54 gibt. Gebaut wurden sie von einem Konsortium aus Siemens, Bombardier und Alstom. Der Gewährleistung der Hersteller, so ist zu hören, unterliegen die Hitzepannen nicht mehr.
Die technischen Mindestanforderungen an eine Bahn-Klimaanlage genügen nicht den derzeit herrschenden Temperaturen. Die europäische Norm zur „Luftbehandlung in Schienenfahrzeugen des Fernverkehrs“ (EN 13129-1:2002), ordnet Deutschland der Klimazone zwei zu. Das entspricht einer Spanne von minus 20 bis plus 35 Grad. In den vergangenen Tagen war es deutlich wärmer in Deutschland. Allerdings heißt es in Herstellerkreisen, dass gemeinhin eine Maximaltemperatur von plus 40 Grad Celsius kalkuliert wird und die Züge samt Ausstattung dementsprechend gebaut werden.
S-Bahn fährt mit weniger Waggons
In der Hauptstadt überrascht es kaum jemanden, dass nach den Pannen im ICE auch wieder die S-Bahn ins Gerede kommt. Die Hitze in der Stadt sorgt nämlich für kürzere Züge. Ein Unternehmenssprecher sagte, es fehlten der krisengeplagten Bahn-Tochter derzeit täglich etwa 20 Zwei-Wagen-Einheiten für den Linienbetrieb. Die Klimaanlagen im Führerstand der modernsten Baureihe 481 halten der Hitze nicht Stand. Die empfindliche Bordelektronik, die die Fahrzeugtechnik steuert, kann damit nicht mehr gekühlt werden und schaltet sich automatisch ab.
Das wird erst einmal eine Weile so bleiben. Der Sprecher sagt, eine Entspannung sei nicht in Sicht. Zwar fallen in den Werkstätten inzwischen auch nachts Überstunden für die Wartungsmechaniker an. Doch weil die Temperaturen in den Nächten nur wenig zurückgingen, fehlten der sensiblen Technik die „Verschnaufpausen“, wie es der Sprecher formuliert. Und weil die Hitzewelle weiter anhält, will die S-Bahn GmbH lieber keine Prognose abgeben, wann es besser wird. Dass die Technik es hergibt, trotz extremer Temperaturen Schnellzüge fahren zu lassen, beweist Spanien. Dort rasen sie gut gekühlt durch 50 Grad heiße Luft.
Mitarbeit: Da./JH







