Wirtschaftsstandort

Und plötzlich ist Berlin wieder eine Industriestadt

Siemens hat hier seinen weltgrößten Produktionsstandort, Daimler baut in Marienfelde Motoren, BMW in Spandau Motorräder. Berlin ist nicht nur Kreativmetropole und Touristenmagnet, Berlin ist auch ein Industriestandort. Der soll jetzt mit einem Masterplan vorangebracht werden.

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Norbert Geyer ist Unternehmer aus Berlin, aber er passt nicht in das Bild, das viele von der Berliner Unternehmenslandschaft haben. Geyer macht nichts mit Film, Medien oder Internet. Geyer macht was mit Metall. 350 Leute arbeiten für die Geyer-Gruppe aus Lichtenrade. Sie bauen Schaltschränke und Ladesäulen für Elektroautos, sie formen Blechgehäuse. „Aber wenn ich irgendwo im Land erzähle, ich sei Industrieunternehmer aus Berlin, dann heißt es: ‚Bist du der letzte deiner Art?'“

Das ist Norbert Geyer natürlich nicht. In der Hauptstadt gibt es viele Betriebe, die produzieren. Siemens hat hier seinen weltgrößten Produktionsstandort, Daimler baut in Marienfelde Motoren, BMW in Spandau Motorräder. Und es gibt zahlreiche Mittelständler wie Geyer. Fertigungsspezialisten, am Markt erfolgreich und in Expertenkreisen hoch geachtet. Berlin ist nicht nur Kreativmetropole und Touristenmagnet, Berlin ist auch ein Industriestandort. Der soll jetzt mit einem Masterplan vorangebracht werden.

Hindernisse aus dem Weg räumen

Groß ist die Runde im Roten Rathaus, in deren Mitte Wirtschaftssenator Harald Wolf (Linke) sitzt. Die Industrie- und Handelskammer (IHK) ist mit dabei genauso wie IG Metall, Handwerkskammer, DGB, Verbände wie Nordostchemie und die Hauptstadt-Marketingagentur Berlin Partner. Der Unternehmer Norbert Geyer sitzt auch mit am Tisch. Sie alle geloben, die Industrie zu fördern, den Fachkräftemangel zu bekämpfen, Hindernisse in Behörden wegzuräumen, geeignete Flächen für Fertigungsunternehmen aufzutreiben.

Monatelang hat man zwischen Senatsbehörden, Gewerkschaften und Unternehmensverbänden Papiere hin- und hergeschickt, sich beraten und gestritten. Nun wird der Masterplan unterzeichnet, es wirkt alles ein bisschen übertrieben feierlich. Denn konkrete Projekte werden nicht genannt, ebenso wenig, mit welchen Mitteln die Industrierenaissance Berlins in die Wege geleitet werden soll. „Den Masterplan müssen wir erst durch den Senat bringen“, sagt Wolf. Dann, wahrscheinlich im Juli, soll mehr bekannt werden.

Aber der Akt im Roten Rathaus soll einen Bewusstseinswandel einleiten. Alle wichtigen Institutionen der Stadt, ob Unis, Verwaltungen oder Unternehmen, sollen es wissen: Berlin ist eine Industriestadt, nicht nur Dienstleistungsmetropole. „Ohne Industrie schaffen wir es nicht, ein überdurchschnittliches Wachstum im Vergleich zum Bund hinzubekommen“, sagt Wolf. „Wir können nicht nur mit Kunst, Kultur und Tourismus Wachstum erzielen“, sagt Jan Eder, Hauptgeschäftsführer der IHK.

Der Hauptstadt bieten sich in der Tat gute Chancen. Zwar kann es Berlin nicht mit den großen Industriezentren der Republik wie München, Stuttgart oder Hamburg aufnehmen. Doch in wesentlichen Branchen werden die Karten gerade neu gemischt. Etwa in der Autoindustrie, wo emsig an der elektromobilen Zukunft gearbeitet wird.

Das bietet neuen Firmen Chancen, und auch für alteingesessene Autohersteller kann Berlin besonders wichtig werden. Von 2011 an werden im Daimler-Werk Marienfelde Elektroantriebe für Hybridmotoren – ein Aggregat aus Benzin- und E-Motor – gefertigt. Ähnliche Chancen gibt es in der Sonnenenergie. Schon heute produzieren und forschen namhafte Unternehmen wie Solon und Inventux in der Hauptstadt.

Zu wenig Industriejobs

Trotzdem gibt es in Berlin kaum mehr als 100.000 Industriearbeitsplätze im engeren Sinn. Für eine dynamische Stadt ist das zu wenig, wie eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) von 2009 zeigt. Es müssten den Forschern zufolge fast doppelt so viele sein. Denn jeder Industriearbeitsplatz zieht mehrere Jobs im Dienstleistungsgewerbe an.

Aus solchen Erkenntnissen heraus haben sich die Akteure zum Masterplan zusammengerauft. 34 Projekte soll es geben, von den meisten existieren bislang nur wohlklingende Überschriften. Der Umbau des Flughafengeländes in Tegel in einen Industriepark soll vorangetrieben werden. In Berlins Schulen wird künftig verstärkt versucht, Interesse für Naturwissenschaften zu wecken. Berlin Partner will mit Plakaten den Industriestandort in Erinnerung rufen. Und man will sich um „gezielte Ansiedlung“ von Schlüsselunternehmen bemühen. Fortlauf und Erfolg aller Projekte sollen genau kontrolliert werden, verspricht Wolf. Einen wohlfeilen Industrieplan ohne Inhalt könnte sich die Stadt auch kaum leisten.