Motorrad-Sparte

BMW baut in Spandau das zweimillionste Motorrad

BMW hat das zweimillionste Motorrad ausgeliefert. Das Werk in Siemensstadt ist seit mehr als 40 Jahren der einzige Standort, an dem das Unternehmen Motorräder baut. Bald soll es auch Elektro-Modelle geben.

Foto: Sven Lambert

Hermann Bohrer hat keine Zeit. Eigentlich. Praktisch jede Minute im Terminplan des Werksleiters ist verplant. Trotzdem kann er es nicht lassen: „Schau'n Sie mal hier“, sagt er, als er durch die Produktion in Berlin-Spandau geht. Er tippt mit dem Zeigefinger an den silbern glitzernden Tank aus Aluminium. Auf den ist er besonders stolz, „nur 1,2 Millimeter ist die Außenwand dick“, sagt er und spreizt Daumen und Zeigefinger, damit man sich das auch vorstellen kann, die 1,2 Millimeter, „und das muss dicht sein.“

Bohrer eilt weiter, durch die automatisierte Fertigung, wo alle 14 Modelle zusammen gesetzt werden, die BMW in der Motorrad-Sparte hat. Der Manager grüßt freundlich, zeigt hier und dort auf ein Detail, bückt sich sogar, um ein Papier aufzuheben, das im Hof des BMW-Werks liegt, an diesem Tag soll schließlich alles gut aussehen. Zwei Millionen Motorräder hat BMW auf dem Berliner Gelände mit den historischen Backsteinhäusern und den grauen Hallen seit 1969 schon gebaut, eine symbolische Zahl, die das Münchner Unternehmen mit dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD), BMW Motorrad-Chef Hendrik von Kuenheim und Stunt-Fahrer Chris Pfeiffer feiert.

Hermann Bohrer geht ins „Finish“, wie es im BMW-Sprech heißt, in die Halle also, in der die Motorräder vom Band laufen, wo sie poliert und verpackt werden, in Kisten aus Holz und Metall. Da kommt auch schon die Zweimillionste, eine R12 100 GS, das meistverkaufte BMW-Motorrad. Sie glänzt in Platinmetallic, auf dem Tank ist die Silhouette von Berlin zu erkennen. Die Maschine ist ein Unikat, das als Preis für ein Quiz verschenkt wird. Stunt-Fahrer Christian Pfeiffer schiebt die Maschine nach draußen. Mit seiner eigenen Maschine, einer BMW F 800 R, brennt er die Zahl „Zwei Millionen“ in den Asphalt, indem er scharf bremst. Es qualmt ein bisschen, die Gäste klatschen.

Hermann Bohrer ist zufrieden, mit der Jubiläumsfeier, mit den Absatzzahlen. BMW verkauft zurzeit in Deutschland die meisten Motorräder. Während die japanischen Hersteller – Honda, Yamaha und Suzuki – mit Rabatten versuchen, ihre Verkaufszahlen zu steigern, setzt BMW in seinem einzigen Motorradwerk weltweit lieber auf mehr Effizienz und weniger Produktionsüberhänge. „Rabattschlachten?“ Hermann Bohrer schaut leicht spöttisch durch seine randlose Brille mit den roten Bügeln. „Das machen wir nicht“, sagt der 55-Jährige, der selber seit über drei Jahrzehnten Motorrad fährt.

Noch 2010 waren Motorräder in Deutschland ein schrumpfender Markt, insgesamt wurden rund 122500 Fahrzeuge zugelassen, knapp elf Prozent weniger als noch 2009. „Bei den Motorrädern ist die Krise noch nicht vorbei“, sagt Hermann Bohrer. Das bestätigt auch der Industrieverband Motorrad: „Die Zweiradbranche hat sehr unter der Krise gelitten“, sagt Geschäftsführer Reiner Brendicke, „wir hoffen jetzt auf eine Konsolidierung.“ Das erste Quartal 2011 gibt dazu Anlass: die Händler verkauften in den drei Monaten mehr als 30 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. „Wenn wir ein bisschen Glück haben, verkauft BMW in diesem Jahr so viele Motorräder wie noch nie“, sagt Hermann Bohrer. Die guten Zahlen belohnen den Mut des Unternehmens, trotz der Krise Maschinen mit 193 PS und sechs Zylindern auf den Markt zu bringen.

Elektro-Zweiräder hält der Oberbayer zunächst nur in städtischen Gebieten für chancenreich. „Die Reichweite ist das Problem“, sagt er. Dazu kommt: „Motorrad fahren ist ein extrem emotionales Thema“, sagt er, „da braucht es den Sound.“ Bohrer gestikuliert, die Augen leuchten, als er über den „Sound“ spricht, den eine Maschine haben muss, damit das Fahren Spaß macht. Statt des Aufheulens ein leises Summen? Bohrer zieht die Augenbrauchen hoch. Damit ist die Frage beantwortet. „Des is koa Nachfrage“, sagt er und verweist auf den italienischen Roller-Hersteller Piaggio, der von seinem Hybrid-Roller bislang nur 200 Stück pro Jahr verkaufe. Langfristig, das weiß auch Hermann Bohrer, wird sich das ändern. „Mit den Verkehrsdichten, die wir schon heute in Rom, London und Madrid haben, sind mehr Elektro-Zweiräder unumgänglich.“ Im Dezember will BMW seinen ersten Scooter vorstellen, in zwei oder drei Jahren, so schätzt der Berliner Werksleiter, soll eine elektrisch angetriebene Version davon auf den Markt kommen.