McKinsey-Studie

Wo die neuen Jobs in Berlin entstehen können

Das Ziel klingt ehrgeizig: 500.000 neue Jobs können in Berlin bis zum Jahr 2020 entstehen. Zu diesem Ergebnis kommt die Unternehmensberatung McKinsey in der Studie "Berlin 2020". Morgenpost Online sprach mit den McKinsey-Beratern Katrin Suder und Boris Maurer.

Morgenpost Online: Worin besteht das Haupthindernis, damit Berlin wirtschaftlich durchstartet?

Boris Maurer: Alle sprechen von der aufgeblasenen Verwaltung und der überdimensionierten Versorgung in Berlin. Wahr ist jedoch: Von 100 Einwohnern sind 18 in der Grundversorgung beschäftigt. In Städten wie Hamburg oder München ist diese Zahl ähnlich. Der Unterschied ist ein anderer: Hier in Berlin arbeiten nur 14 weitere von 100 Beschäftigten in tatsächlich wertschöpfenden Bereichen – in anderen Städten sind es doppelt so viele. Deswegen ist auch die Abhängigkeit von Transferzahlungen höher als anderswo und die Exportquote der Stadt mit 13 Prozent so gering: Berlin ist zu sehr mit sich selbst beschäftigt.

Morgenpost Online: Welches Ziel sollte sich Berlin setzen?

Katrin Suder: Es muss gelingen, die Beschäftigung außerhalb der Grundversorgung auf ein Niveau wie andernorts zu bringen. Nur dann kann Berlin eine gesunde und wirtschaftlich eigenständige Metropole werden. Das bedeutet: 500000 mehr sozialversicherungspflichtige Beschäftigte für Berlin sind nötig.

Morgenpost Online: Wo und wie können so viele neue Jobs geschaffen werden?

Suder: In Berlin müssen neben dem Jobmotor Tourismus zusätzlich neue industrielle Wirtschaftskerne entstehen und wachsen, die es anderswo so nicht gibt. Aus unserer Sicht kann dies bei drei Themen gelingen: Elektroautos, Informations- und Kommunikationstechnologie und Gesundheitswirtschaft. In diesen Bereichen steckt Zukunft, hier kann Berlin Modellstadt werden.

Morgenpost Online: Sie zeigen in Ihrer Studie, wie bis 2020 rund 160000 Arbeitsplätze neu entstehen könnten. Wie kommen Sie auf eine halbe Million neuer Jobs?

Suder: Das sind Erfahrungswerte, die als Sekundär- und Multiplikatoreneffekte bezeichnet werden. Auf jeden hoch spezialisierten Job in Industrie und Forschung kommen laut Studien im Mittel drei weitere Arbeitsplätze, beispielsweise bei Zulieferern und Dienstleistern. Außerdem haben wir auch nicht alle Branchen untersucht, die 160000 neuen Jobs stammen ja allein aus den vier genannten Bereichen. Insgesamt ist es also zwar ambitioniert, aber nicht unmöglich, 500000 neue Stellen in zehn Jahren zu schaffen.

Morgenpost Online: Sie bemängeln die Gründerdynamik. Dabei rühmt sich Berlin dafür, dass hier so viele Unternehmen entstehen.

Maurer: Stimmt, Berlin ist in absoluten Zahlen die Gründungshauptstadt Deutschlands. Aber: Pro Beschäftigten gerechnet, ist die Anzahl geringer als in München oder Hamburg. Junge Firmen, die neue Technologien nutzen und deren Geschäftsideen starkes Wachstum und damit ordentliche Beschäftigungseffekte ermöglichen, gibt es in Berlin pro Beschäftigten nur halb so viele wie in München.

Morgenpost Online: Wie kann in Berlin denn nun Dynamik entfaltet werden?

Maurer: Berlin ist bislang ein Standort unter vielen, hat aber bereits vielversprechende Ansätze. Ziel muss sein, Standort Nummer eins für ein bestimmtes Thema zu werden, zum Beispiel in der Elektromobilität.

Morgenpost Online: Wer muss sich in der Stadt bewegen? Die Politik, die Unternehmen und ihre Verbände?

Suder: Letztlich müssen alle gemeinsam ran. Ich nenne Ihnen ein Beispiel: Wir brauchen ein umfassendes Konzept, wie eine neue Infrastruktur für Informations- und Kommunikationstechnologie geschaffen werden kann, konkret mit Glasfasernetzen, die Daten viel schneller übertragen, als wir es heute kennen.

Morgenpost Online: Warum haben Sie Branchen ausgespart, in denen Berlin gut ist, etwa Umwelttechnologie und die Kreativwirtschaft?

Maurer: Die Kreativwirtschaft – Computerspiele, Anwendungen oder Ideen fürs Web 2.0 – ist Teil der Informations- und Kommunikationsbranche. Sie würde als eine der ersten von einer neuen Infrastruktur profitieren. Natürlich gibt es in Berlin weitere aussichtsreiche Branchen. Uns ging es vor allem um Bereiche, in denen in naher Zukunft große Veränderungen anstehen.

Suder: In den von uns untersuchten Bereichen können wir außerdem bestehende Stärken ausnutzen. Berlin ist bereits ein attraktiver Standort für Entwickler und mit Charité und Bayer Schering ein großes Medizin-Cluster.

Morgenpost Online: Brauchen wir mehr Geld für die Wirtschaftsförderung?

Suder: Es geht uns nicht darum, den Einsatz von mehr öffentlichen Mitteln zu fordern. Das, was die Stadt ohnehin schon für Förderung ausgibt, sollte jedoch noch gezielter und durchdachter eingesetzt werden, immer mit dem Ziel, privatwirtschaftliche Kräfte freizusetzen.

Morgenpost Online: Muss ein solcher Prozess nicht zur Chefsache gemacht werden? Sollte sich also Klaus Wowereit kümmern?

Maurer: Wir brauchen Leitfiguren, die sich um die Zukunftsbranchen kümmern. Das muss nicht immer der Regierende Bürgermeister sein. Im Gesundheitssektor ist beispielsweise Günter Stock, Präsident der Akademie der Wissenschaften, sehr anerkannt, der den Masterplan HealthCapital koordiniert.

Suder: Gibt es solche Leitfiguren nicht, dann ist es schwierig. Das zeigt unsere Erfahrung in anderen Regionalentwicklungsprojekten.

Morgenpost Online: Was sollen die Branchen tun?

Maurer: Für jedes Ziel, für jeden Wachstumskern muss man einen Ansatz überlegen. Für die Gesundheitswirtschaft gibt es die HealthCapital mit Professor Stock. Der brauchte aber eine schlagkräftige Truppe, die auch etwas umsetzen kann. Für das Thema Elektromobilität brauchen wir ein Team, das ein Konzept für Berlin vorantreibt und die Industriepartner überzeugt.

Suder: I n der Informations- und Kommunikationsbranche hat Berlin in der Forschung schon beste Voraussetzungen. Das hat die EU mit ihrer Auswahl Berlins als Hauptknotenpunkt für das European Institute of Technology an der TU bestätigt. Bei der Finanzierung der Infrastruktur könnte die Investitionsbank Berlin eine Rolle spielen mit einem speziellen Finanzierungsmodell. Wir brauchen eine Idee, um die Industrie zu bewegen, das Geld für das neue schnelle Internet auf den Tisch zu legen.

Morgenpost Online: Gibt es gute politische Führung in Berlin für diese Fragen?

Suder: Die Studie ist auch auf Basis von Gesprächen mit rund 150 Entscheidungsträgern aus Politik und Wirtschaft entstanden. Wir haben teilweise offene Türen eingerannt. Und wir sehen erste Schritte. Am 3.Mai veranstaltet die Kanzlerin den Gipfel zur Elektromobilität. Wir wollen keine Fronten zur Politik aufmachen, uns geht es um Unterstützung für die Stadt.