In der Bankenbranche ist ein Streit über den richtigen Umgang mit der Finanzmarktkrise ausgebrochen. Nach Informationen von Morgenpost Online aus der Finanzbranche hat Goldman Sachs den globalen Bankenverband IIF verlassen, da es einen tief greifenden Dissens in Bewertungsfragen gibt.
Der Austritt der US-Investmentbank, der am 2. Juni dieses Jahres in einem kurzen Schreiben ohne Begründung erfolgte, bedeutet einen Rückschlag für die Branche und deren obersten Vertreter Josef Ackermann. Der Deutsche-Bank-Chef will als Vorsitzender des IIF in der nächsten Woche in Washington das Konzept vorlegen, welche Lehren die Branche aus der Finanzkrise ziehen soll. Dabei ist es Ziel des Verbands, durch Selbstregulierung der Banken schärfere Gesetze zu verhindern. Im April hatte er bereits erste Grundzüge präsentiert.
Weder Goldman Sachs noch das IIF wollten die Angelegenheit kommentieren. Ein IIF-Sprecher sagte lediglich, dass es "großen Fortschritt" beim Gesamtkonzept gegeben habe.
Der Streit innerhalb des wichtigsten internationalen Branchenverbands eskalierte dem Vernehmen nach an der Frage, ob Banken Bilanzierungsregeln eins zu eins umsetzen und folglich die meisten Wertpapiere und Kredite in ihren Beständen zu aktuellen Marktpreisen bewerten sollen. Diese Frage ist deshalb so wichtig, da dann drohende Verluste weitaus transparenter werden. Bisher zögern viele Kreditinstitute, ihre Papiere zu Marktpreisen zu bewerten. Sie hoffen stattdessen darauf, dass sich die Märkte erholen. Der IIF hatte sich für eine Lockerung ausgesprochen.
In den Augen von Kritikern führt die derzeitige Zeitwertbilanzierung zu einer gefährlichen Abwärtsspirale. Erst in dieser Woche hatte eine Studie des Hedgefonds Brightwater für Unruhe gesorgt, die die Gesamtverluste der Banken aus der Krise auf bis zu 1,6 Billionen Dollar schätzt. So sollen den halbstaatlichen Hypothekenfinanzierern Fannie Mae und Freddie Mac neue Milliardenverluste drohen. Die Investmentbank Lehman Brothers errechnete für Fannie Mae einen Kapitalbedarf von 46 Milliarden Dollar, während Freddie Mac 29 Milliarden Dollar benötigen soll. Die Aktien der Institute stürzten zeitweise auf den niedrigsten Stand seit 1992 ab. Auch deutsche Bankenaktien litten unter der Sorge vor einer Verschärfung der Krise.
Das IIF hat in seinen Eckpunkten darauf gedrungen, die vermeintlichen Schwächen in der Bilanzierung zu korrigieren. Diesen Vorstoß lehnen aber offenbar prominente Vertreter der Branche ab. Goldman-Sachs-Banker warnten bereits im Mai vor einer "Alice-im-Wunderland-Bilanzierung", falls die Standards aufgeweicht würden.
Auch die Investmentbank Morgan Stanley hat nach Informationen von Morgenpost Online deutliche Skepsis geäußert, ist aber bislang nicht aus dem IIF ausgetreten. Die Kritiker einer Korrektur fürchten um die Transparenz. "Mit einer Schönwetter-Bilanzierung verschärfen wir die Vertrauenskrise noch", sagte eine mit der Debatte vertraute Person. Auch Ackermann hatte die Banken im September dazu aufgerufen, die Belastungen aus der Finanzkrise konsequent offenzulegen.
Manager: Niedrigere Eigenkapitalquote braucht Akzeptanz der Branche
Der Streit innerhalb des IIF eskalierte Anfang Juni, als Goldman Sachs in einem Einzeiler seinen Austritt erklärte. Das führende Wall-Street-Haus, das die Krise bislang gut weggesteckt hat, hatte sich auch nicht dadurch umstimmen lassen, dass IIF-Manager Charles Dallara am 28. Mai zu beschwichtigen versuchte und weiteren Diskussionsbedarf konstatierte. "Man hatte doch schon monatelang über die Bewertung diskutiert", lästert man in der Branche. Der Bilanzierungsstreit soll allerdings nur der letzte Tropfen gewesen sein, der das Fass für Goldman zum Überlaufen brachte. "Die hatten sich schon in den Monaten zuvor zusehends vom IIF abgesetzt", heißt es.
Die Institute, die Korrekturen bei der Bewertung ablehnen, sehen zwar durchaus die Gefahr einer Abwärtsspirale. Sie setzen aber auf andere Lösungen. "Man sollte vorübergehend niedrigere Eigenkapitalquoten akzeptieren oder Banken die Refinanzierung erleichtern", sagte ein IIF-Kritiker Morgenpost Online.



