Hetz-Kommentare

Für Facebook sind blanke Brüste anstößiger als blanker Hass

Das Soziale Netzwerk geht zögerlich mit fremdenfeindlichen Kommentaren um. Wir haben beobachtet, was passiert, wenn man sie meldet.

Von Aaron Clamann
Facebook steht unter Beobachtung, weil das Soziale Netzwerk nur selten oder zögerlich offensichtliche hetzerische Kommentare entfernt.

Facebook steht unter Beobachtung, weil das Soziale Netzwerk nur selten oder zögerlich offensichtliche hetzerische Kommentare entfernt.

Foto: Jens Büttner / dpa

Berlin.  Benjamin S. empfand keine Trauer, als er das Foto des ertrunkenen Jungen sah, der am Strand der türkischen Stadt Bodrum lag. „Wir trauern nicht, sondern wir feiern es“, schrieb der 26-Jährige auf seiner Facebook-Seite. Am Sonnabend durchsuchte die Polizei seine Wohnung. Das US-Unternehmen Facebook dagegen reagierte nur zögerlich. Der Kommentar war erst dann nicht mehr öffentlich zu sehen, als eine Anzeige gegen S. eingegangen war.

Während die Behörden durchgreifen, geht das soziale Netzwerk verhalten mit dem Hass im Netz um. Auf den Facebook-Seiten von Medien, Parteien und Vereinen stellen immer mehr Nutzer ihren Hass gegenüber Flüchtlingen und Andersdenkenden unter vollem Namen zur Schau. Dass die Hasskommentatoren so offen beleidigen und drohen können, dürfte auch an der Rolle des Unternehmens Facebook liegen. Erst jüngst forderte Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) den Konzern auf, die Gemeinschaftsstandards über Umgang unter den Nutzern zu überdenken. Auf diese Standards beruft sich Facebook immer dann, wenn es darum geht, beleidigende Kommentare oder deren Verfasser zu sperren.

Facebook-Nutzer nennen Flüchtlinge „Ratten“ und „Kakerlaken“

In den vergangenen Wochen hat die Redaktion der Morgenpost mehrere beleidigende Kommentare gemeldet und Facebook empfohlen, sie zu sperren. Drei der Kommentare enthielten eindeutige Beleidigungen oder sogar eine Gewaltandrohung gegenüber Flüchtlingen. Ein Nutzer schrieb etwa zu einem Zeitungsartikel über Flüchtlingsheime: „warum nicht ne mauer mit selbstschussanlagen...aber dann bitte nach innen gerichtet“. In dem Kommentar eines anderen Nutzers heißt es über Flüchtlinge: „und die Kakerlaken asylanten dürfen eine straftat nach der anderen verrichten...“ Auf der Facebook-Seite von Pegida Dresden war vor wenigen Tagen folgender Kommentar eines Nutzers zu lesen: „Sofort ab weg aus Deutschland diese Ratten.“

In allen drei Fällen prüfte Facebook die Kommentare und kam zu dem Ergebnis, dass sie nicht zu beanstanden seien – zumindest nicht nach den eigenen Regeln.

Auf Nachfrage erklärte ein Facebook-Sprecher, dass das sogenannte Community Operations Team des sozialen Netzwerks jeden gemeldeten Kommentar prüfe. In dem Team, das im irischen Dublin sitzt, gebe es auch deutschsprachige Mitarbeiter.

Gemeldete Beiträge werden ohne Kontext geprüft

Nach Auskunft von Facebook entscheiden die Mitarbeiter nach der Lektüre, ob die Kommentare den eigenen Regeln entsprechen – gegebenenfalls werden Kommentare gesperrt oder, wie in der Stichprobe, stehen gelassen. Zur Prüfung werde den Mitarbeitern aber jeweils nur der gemeldete Inhalt vorgelegt, sagte der Firmensprecher.

Im Einzelfall kann es also sein, dass ein Facebook-Mitarbeiter neben dem Kommentar erst einmal nichts zum Kontext erfährt, in dem dieser steht. Dieses Vorgehen erklärt auch, warum Bilder von blanken Busen schneller und häufiger gesperrt werden als Beleidigungen. Eine entblößte Brust oder ein Geschlechtsteil braucht keinen Kontext, der eine Sperrung nötig werden lässt.

In einem schriftlichen Statement von Facebook ermutigt das Unternehmen seine Nutzer dennoch, bedenkliche Inhalte weiter zu melden. „Diese Möglichkeit, Inhalte zu melden, gibt Nutzern weitaus mehr Kontrolle darüber, was sie sehen, als das im Internet generell der Fall ist“, heißt es dort.

Flüchtlings-Kommentare schnell im Bereich der Volksverhetzung

Wie Bundesjustizminister Maas sieht auch der Anwalt Christian Solmecke Facebook in der Pflicht. Wenn ein Nutzer einen Kommentar melde, in dem er selbst beleidigt oder bedroht werde, müsse Facebook handeln – vor allem, wenn das Opfer der Beleidigung Strafanzeige gestellt habe. Der Anwalt sagte dem Mediendienst „Meedia“, dass Kommentare auch dann strafrechtlich relevant würden, wenn sie Schmähkritik oder Beleidigungen enthalten. Wenn es um Flüchtlinge oder Asylbewerber gehe, sei schnell der Straftatbestand der Volksverhetzung erfüllt. Der Aufruf zur Gewalt gegen diese Gruppe sei ein Fall für die Polizei und Gerichte. „Das ist alles andere als ein Kavaliersdelikt. Es droht den Äußernden bis zu fünf Jahren Freiheitsstrafe“, sagte Solmecke.

Ein Facebook-Sprecher erklärte, man werde die Einladung von Bundesjustizminister Maas zu einem Gespräch über Hasskommentare annehmen.