EHEC-Quelle

Lückenlose Indizienkette weist zu Bio-Sprossen

Wochenlang suchten Forscher die Verbindung zwischen an EHEC Erkrankten und dem Infektionsherd. Jetzt sind sie sich sicher: Es sind die Sprossen. Beim Aufspüren der Quelle halfen Digitalbilder.

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Wissenschaftler aus Münster versuchen, den aktuellen EHEC-Ausbruchsstamm HUS EC041 zu entschlüsseln.

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Die Erleichterung ist groß. Sehr groß sogar. Auch wenn Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) noch etwas angespannt in die Kameras schaut. „Das Schlimmste haben wir hoffentlich hinter uns“, sagt Bahr an diesem Morgen. Die Zahl der Neuerkrankungen geht langsam zurück. Und endlich herrscht auch mehr Klarheit, wie es zu der schweren EHEC-Epidemie in Deutschland kommen konnte. Eine lückenlose Indizienkette weist zu dem Gemüsehof im niedersächsischen Bienenbüttel. Dort werden 18 verschiedene Sorten von Sprossen produziert, die unter dem dringendem Verdacht stehen, mit dem EHEC-Erreger kontaminiert gewesen zu sein. Ein Verdacht, der schon bald zur Gewissheit werden soll.

Der Betrieb in Bienenbüttel ist mittlerweile komplett gesperrt. Mehr als 500 Proben wurden gezogen. Geräte, Maschinen, Wasser, Arbeitsflächen, Schläuche und natürlich das Saatgut werden untersucht. Bislang konnte der EHEC-Erreger vor Ort zwar nicht nachgewiesen werden. Und doch sind sich die EHEC-Ermittler sicher, die Hauptquelle der Epidemie entdeckt zu haben. „Es sind die Sprossen“, sagt Reinhard Burger, Direktor des Berliner Robert-Koch-Instituts (RKI), und lässt keinen Zweifel. Zu erdrückend ist die Indizienlage. Lieferbeziehungen des Betriebs führen zu den großen Ausbruchsorten der Epidemie. Niedersachsens Agrarminister Gert Lindemann (CDU) nennt den Hof vielsagend „die Spinne im Netz“.

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Immer neue Spuren wiesen in den vergangenen Tagen nach Bienenbüttel. So waren zwei Mitarbeiter des Betriebs an EHEC erkrankt. Bei einer dritten Mitarbeiterin wurde der besonders aggressive EHEC-Erreger O104 nachgewiesen. Dieser Erregertyp gilt als Auslöser der aktuellen Epidemie. Bundesweit haben sich bislang mehr als 2100 Menschen infiziert, mindestens 31 Patienten sind an den Folgen der Darminfektion gestorben. Seit das RKI am 19. Mai über eine ungewöhnliche Häufung von EHEC-Fällen in Norddeutschland informiert wurde, fahnden Epidemiologen fieberhaft nach der Infektionsquelle. So ergaben zunächst detaillierte Befragungen, dass EHEC-Patienten besonders viel Rohkost und Salate verzehrt hatten – woraufhin vor dem Verzehr von rohen Tomaten, Gurken und Salaten gewarnt wurde. Ende vergangener Woche geriet erstmals der Bienenbütteler Gemüsehof ins Visier der Ermittlungen. Seither beteiligt sich eine Bund-Länder-Taskforce an der Spurensuche.

Dabei konzentrieren sich die Ermittlungen auf Erkrankungsorte mit besonders vielen Patienten. Mehr als 40 solcher sogenannten Cluster werden untersucht, in 26 Fällen konnte eine Verbindung mit Bienenbüttel nachgewiesen werden. Aus epidemiologischer Sicht ist allein das schon ein erdrückendes Indiz. Die belastenden Indizien für den Sprossenverdacht aber brachte ein neues Ermittlungsverfahren – die sogenannte rezeptbasierte Restaurant-Kohortenstudie, die erstmals zum Einsatz kam. Die Seuchenfahnder haben insgesamt fünf Gruppen von Besuchern verschiedener Restaurants befragt; so erfassten sie 112 Personen, von denen sich 19 mit EHEC infiziert hatten. Die Analyse dessen, was die Besucher des jeweiligen Restaurants verzehrt hatten, ging weit über die Abfrage persönlicher Erinnerungen hinaus. Es wurden Bestellzettel und Abrechnungen ausgewertet. Köche und Servicepersonal machten detaillierte Angaben zu den Zutaten der einzelnen Gerichte und Menüs – bis hin zur Garnierung. Den Studienteilnehmern wurden Fotografien der Gerichte vorgelegt, um es ihnen zu erleichtern, sich an das zu erinnern, was sie bestellt hatten.

Umgekehrt konnte anhand von Fotografien, die beim Besuch des Restaurants von den verschiedenen Gruppen gemacht worden waren, rekonstruiert werden, welches Gericht vor einem späteren EHEC-Patienten gestanden hatte. In allen 19 Fällen hatten Sprossen auf den Tellern gelegen, und von allen Restaurants führte die Spur zu dem Hof in Bienenbüttel.

Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) wertet die Ermittlungsarbeit der Taskforce als „große Leistung“, ermahnt aber die Verbraucher, auch weiterhin in der Küche penibel auf Hygiene zu achten. Vor dem Verzehr der verdächtigen Sprossen wird weiterhin gewarnt. Die Warnung vor rohen Gurken, Tomaten und Salaten aber muss nach Einschätzung des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) nicht mehr aufrechterhalten werden. BfR-Präsident Andreas Hensel fordert die Bevölkerung sogar dazu auf, wieder frische Gurken, Tomaten und Salate zu essen, „weil es gesunde Lebensmittel sind“.

Für die deutschen Gemüsebauern kommt diese Entwarnung gerade noch rechtzeitig. Ihre Verluste summieren sich nach Schätzungen des Deutschen Bauernverbands bereits auf mehr als 60 Millionen Euro. Der spanische Gemüsehändler Frunet leitet unterdessen in Hamburg gerichtliche Schritte gegen die zuständigen Behörden ein, weil zu Beginn der EHEC-Krise in Deutschland spanische Gurken fälschlicherweise als Ursache der Epidemie in Verdacht geraten waren – lange bevor die Sprossen als die wahren Schuldigen identifiziert wurden.

Noch ist der EHEC-Ausbruch nicht vorbei. Und noch immer ist unklar, wie der EHEC-Erreger auf den Bienenbütteler Hof gelangt sein könnte. Denkbar ist, dass importiertes Sprossen-Saatgut kontaminiert war und auch die drei Mitarbeiter infizierte. Als wahrscheinlicher gilt, dass einer der erkrankten Mitarbeiter den gefährlichen Darmkeim eingeschleppt und unwissentlich im Betrieb verteilt hat.

Unklar ist weiterhin auch die Herkunft des EHEC-Erregers vom Typ O102. Bislang galten vor allem Wiederkäuer wie Rinder, Schafe und Ziegen als Reservoir für Darmkeime, die dem Menschen gefährlich werden könnten. Zu Beginn der Epidemie standen daher zunächst Tiere im Verdacht, den EHEC-Erreger ausgeschieden zu haben. Über ausgebrachte Gülle, so wurde spekuliert, sei Gemüse mit dem Keim kontaminiert worden. Bislang haben Mikrobiologen den aktuell grassierenden Erreger vom Typ O104 aber nur beim Menschen nachgewiesen.

Weil die Übertragungswege des EHEC-Erregers noch nicht geklärt sind, empfiehlt die Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannover ihren 1400 Gemeinden, beim Abendmahl jetzt Einzelkelche zu verwenden. Wo keine Einzelkelche oder Einmalbecher vorhanden sind, sollte im Zweifel auf den Wein verzichtet und nur die Oblate genommen werden. Das RKI hat davor gewarnt, die Oblaten in den Wein einzutunken, weil möglicherweise kontaminierte Hände den Wein in einem Gemeinschaftskelch mit dem EHEC-Keim verunreinigen könnten.

Die Aufklärung der EHEC-Epidemie vergleicht Helmut Tschiersky-Schöneburg, der Präsident des Bundesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL), mit einem „Kriminalfilm, wo es darum geht, aufgrund einer Indizienkette den Täter zu überführen“. Und diese Indizienkette sei so belastend, dass der EHEC-Ausbruch in einen unmittelbaren Bezug zu dem Hof in Bienenbüttel gebracht werden kann. Die Ermittler fühlen sich der Lösung des Falls ganz nahe.

Was am Freitagmorgen noch ein schwerer Verdacht auf Basis von Indizien ist, wird bereits am Freitagnachmittag zur Gewissheit. Die entscheidende Nachricht kommt aus Nordrhein-Westfalen. Das Düsseldorfer Verbraucherministerium meldet den Fund einer Packung Sprossen. Sie war geöffnet und lag schon einige Tage in der Mülltonne einer dreiköpfigen Familie im Rhein-Sieg-Kreis; zwei der drei Familienmitglieder waren Mitte Mai an EHEC erkrankt. Der gesunde Familienvater hat die Packung aus dem Müll geholt und den Behörden übergeben.

Auf diesen Sprossen konnte der gefährliche EHEC-Erreger vom Typ O104 nachgewiesen werden. Sie stammen nach den bisherigen Erkenntnissen aus Bienenbüttel. Damit ist nicht nur eine Indizienkette, sondern erstmals auch eine lückenlose Verbindung zwischen dem Gemüsehof in Niedersachsen und EHEC-Patienten hergestellt worden. Der Beweis ist damit erbracht. Der EHEC-Keim wurde über Sprossen aus Bienenbüttel verbreitet.