Überlebenschance

Nierenschäden - EHEC-Kranke brauchen Organe

Spenderorgan oder lebenslange Dauerdialyse. Das scheinen die Optionen für viele schwerkranke EHEC-Patienten zu sein. Und die Warteliste für eine neue Niere ist lang, 8000 Kranke hoffen auf eins von 3000 Organen.

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Viele EHEC-Kranke werden lebenslang unter den Folgen der Epidemie leiden. „Etwa 100 Patienten sind so stark nierengeschädigt, dass sie ein Spenderorgan brauchen oder lebenslang zur Dauerdialyse müssen“, sagte SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach der „Bild am Sonntag“. Ärzte hatten zudem über schwere neurologische Schäden berichtet. Am Samstag machten Behörden zweifelsfrei Sprossen als EHEC-Infektionsquelle aus.

Bundesweit stehen etwa 8000 Menschen auf der Warteliste für eine neue Niere – wegen ganz unterschiedlicher Krankheiten. Zum Vergleich: Im vergangenen Jahr wurden nach Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation keine 3000 Nieren verpflanzt.

Der Darmkeim tötete weltweit inzwischen 35 Menschen, wie die Weltgesundheitsorganisation (WHO) mitteilte. Darunter seien 34 Todesfälle in Deutschland und einer in Schweden. WHO-Expertin Zsuzsanna Jakab betonte, es sei der heftigste jemals in der Region Europa registrierte EHEC-Ausbruch.

Lauterbach warnte vor weiteren Infektionswellen in Deutschland: „EHEC-Erreger sind weltweit auf dem Vormarsch. Auch in Deutschland wird es künftig immer wieder zu EHEC-Ausbrüchen kommen.“

Er kritisierte, dass die Erkrankungen teils per Post gemeldet würden und kündigte eine Untersuchung im Gesundheitsausschuss an. „Die Kliniken müssen in Zukunft jeden EHEC-Fall direkt per Mail an das Robert Koch-Institut melden.“ Die bisherige Meldekette vom Gesundheitsamt vor Ort über das Landesgesundheitsamt an das Robert Koch-Institut (RKI) dauere mindestens eine Woche.

Auch Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr forderte bessere Meldeverfahren. „Nach Abklingen des EHEC-Ausbruchs werden Länder und Bund gemeinsam die Arbeit bewerten. Mir ist dabei der Informationsfluss zwischen den Beteiligten besonders wichtig. Das Meldeverfahren gehört auf die Tagesordnung“, sagte Bahr der „Bild am Sonntag“. Forderungen nach einer zentralen Stelle zur Seuchenbekämpfung erteilte der FDP-Politiker erneut eine Absage.

Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) kündigte in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ Konsequenzen für die Lebensmittelüberwachung an. „Ich habe die Länderbehörden gebeten, bundesweit schwerpunktmäßig Produzenten und Importeure von Sprossen und deren Produkte zu überprüfen“, sagte sie. „Einbezogen werden müssen hierbei natürlich auch Importe von Samen aus dem Ausland.“ Sie werde auf schärfere Vorschriften für die Sprossenzucht drängen.

Die EHEC-Fahnder hatten am Samstag neue Beweise gegen die hoch verdächtigen Sprossen aus Bienenbüttel gefunden. Zwei weitere Mitarbeiterinnen des Biohofs in Niedersachsen sind demnach mit dem lebensbedrohlichen Darmkeim infiziert. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) bestätigte zudem, dass der EHEC-Erreger an den Sprossen zweifelsfrei vom selben Typ ist wie die Bakterien, an denen in Deutschland mehr als 4000 Menschen nachweislich erkrankten oder eine Infektion angenommen wird.

Auch die Fälle im Ausland haben laut WHO fast alle eine Verbindung nach Deutschland. Es gebe bislang nur fünf Ausnahmen.

Im EHEC-Puzzle fehlen noch Teile. Der nordrhein-westfälische Verbraucherschutzminister Johannes Remmel (Grüne) betonte in einem WDR-Interview, die Lieferkette vom Biohof zu den Erkrankten in NRW sei bislang unklar. Ebenso offen ist, wie der Keim auf das Gelände in Bienenbüttel kam, sagte Niedersachsens Landwirtschaftsminister Gert Lindemann (CDU) der „Rhein-Neckar-Zeitung“.

EU-Agrarkommissar Dacian Ciolos erwartet am Dienstag die Zustimmung der Mitgliedstaaten für das 210-Millionen-Euro-Hilfspaket der Kommission für Landwirte. „Dann könnten wir die ersten Hilfen im Juli abwickeln und auszahlen“, sagte er der „Passauer Neuen Presse“.

Russland beobachtet die Lage vor einem möglichen Aufheben des Gemüseboykotts weiter. „Wir haben keinen Grund zur Sorglosigkeit“, sagte der oberste Amtsarzt Gennadi Onischtschenko am Samstag in Moskau. Russland will die Einfuhr einzelner Gemüsesorten aus den 27 EU-Staaten erst erlauben, wenn diese auf EHEC geprüft wurden und mit einem entsprechenden Laborzertifikat versehen sind.