Suche nach der Quelle

Ein Teil fehlt noch im großen EHEC-Puzzle

Es waren die Sprossen – so viel ist klar. Doch eines ist noch nicht heraus: Wie genau kamen die gefährlichen Bakterien an Pflanzen eines niedersächsischen Biohofes? Die Antwort auf diese Frage ist ernorm wichtig.

In Niedersachsen wird intensiv nach der Ursache für das Auftreten des in dieser Region ungewöhnlichen EHEC-O104-Keimes gesucht. Es sei nicht geklärt, ob Mitarbeiter den Keim eingeschleppt hätten oder dieser durch Saatgut oder andere Quellen in den betroffenen Betrieb in Bienenbüttel gelangt sei und die Mitarbeiter dadurch selbst infiziert worden seien, sagte der niedersächsische Landwirtschaftsminister Gert Lindemann (CDU) am Sonntag in Hannover. Diese Aufklärung sei aber wichtig, um Vorsorgesysteme zu entwickeln, damit solche Ereignisse in der Zukunft verhindert werden könnten.

Bisher wurden den Angaben zufolge etwa 1100 Proben bei den zuständigen Instituten in Oldenburg, Braunschweig und Hannover eingesandt. Bei etwa 1000 abgeschlossenen Vorgängen habe es noch keinen positiven Befund gegeben. In dieser Gesamtprobenzahl enthalten sind fast 300 Proben vom Gärtnerhof Bienenbüttel, von denen auf etwa 290 bislang der EHEC-Erreger nicht nachgewiesen werden konnte. Die weiteren Ermittlungen bei dem Sprossenerzeuger in Bienenbüttel würden in den nächsten Tagen mit Hochdruck weitergeführt, hieß es.

Der Darmkeim tötete weltweit inzwischen 35 Menschen, wie die Weltgesundheitsorganisation (WHO) mitteilte. Darunter seien 34 Todesfälle in Deutschland und einer in Schweden. Nach Angaben des RKI und des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) ist es der heftigste jemals registrierte EHEC-Ausbruch auf der ganzen Welt.

Die EHEC-Fahnder hatten am Sonnabend neue Beweise gegen die verdächtigen Sprossen aus Bienenbüttel gefunden. Zwei weitere Mitarbeiterinnen des Biohofs sind demnach mit dem lebensbedrohlichen Darmkeim infiziert. Das BfR bestätigte zudem, dass der EHEC-Erreger an den Sprossen zweifelsfrei vom selben Typ ist wie die Bakterien, an denen in Deutschland mehr als 4000 Menschen nachweislich erkrankten oder eine Infektion angenommen wird. Auch die Fälle im Ausland haben laut WHO fast alle eine Verbindung nach Deutschland. Es gebe bislang nur fünf Ausnahmen.

Um die EHEC-Quelle zu finden, hatte das Robert Koch-Institut (RKI) unter anderem ein neues Verfahren eingesetzt: eine sogenannte rezeptbasierte Restaurant-Kohortenstudie. Ausgehend von fünf Personengruppen, von denen 19 Teilnehmer nach einem Besuch im selben Restaurant erkrankten, befragten die Forscher insgesamt 112 Menschen danach, was sie gegessen hatten. Gleichzeitig analysierten die Experten Rezepte, Bestelllisten sowie Abrechnungen an und sprachen mit Küchenpersonal, um herauszufinden: Wie genau wurde welches Menü zubereitet? Welche Mengen welcher Zutat wurden benutzt? Auch Fotos der befragten Restaurantgäste wurden nach RKI-Angaben ausgewertet – auf einigen der Aufnahmen waren die Teller der späteren Patienten zu sehen und das, was darauf serviert worden war – und wohl anschließend die EHEC-Infektion auslöste.

Diese Informationen wurden in einem sogenannten „Kohortenansatz“ ausgewertet: Mit diesen Verfahren ist es möglich, im Rückblick das jeweilige Erkrankungsrisiko für die Restaurantgäste zu berechnen. Die Analyse ergab: Die Wahrscheinlichkeit, dass die befragten Personen an blutigen Durchfall erkrankten oder eine bestätigte EHEC/HUS-Infektion aufweisen würden, war immer dann besonders groß, wenn die betreffenden Personen irgendetwas in Verbindung mit Sprossen gegessen hatten. Umgekehrt bedeutet dies: Wer Sprossen aß, hatte ein 8,6-fach höheres Risiko einer EHEC-Infektion als jemand, der etwas ohne Sprossen zu sich nahm.

Mit diesem Verfahren war es dem RKI zufolge erstmals möglich, auf epidemiologischem Wege die Ursache des Ausbruchs mit großer Wahrscheinlichkeit auf den Verzehr von Sprossen einzugrenzen. Das allerdings dauerte. Die rezeptbasierte Restaurant-Kohortenstudie konnte erst vergangene Woche durchgeführt werden, weil es zuvor nicht genug zu befragende Restaurantgäste gab, um ein statistisch einwandfreies Ergebnis zu gewährleisten.

Nach Ansicht des RKI kann das Meldewesen bei Epidemien wie EHEC verbessert werden. „Das soll ja auch auf der politischen Ebene überprüft werden“, sagte RKI-Sprecher Günther Dettweiler. Man müsse darüber sprechen, sobald die Krise vorbei ist. Er räumte ein, dass Informationen auf elektronischem Wege den Empfänger schneller erreichen könnten. Insgesamt gebe es aber „keinen Anlass, sich zu beschweren. Das hat gut funktioniert“.

Mit Blick auf Neuinfektionen wollte Dettweiler noch keine Entwarnung geben. „Die Zahlen bewegen sich auf niedrigerem Niveau als zu Beginn. Es ist aber noch zu früh, um von einem stabilen Trend zu sprechen.“ So würden die Krankheitsfälle möglicherweise nur sinken, weil die Träger des Keimes nicht mehr verzehrt würden. Der Sprecher bezeichnete die Epidemie und die schwere Verlaufsform HUS (hämolytisch-urämisches Syndrom) in Deutschland als bislang einzigartig. „Es gibt keine vergleichbaren Ausbrüche weltweit.“

Anfang Mai waren Infektionsdaten von vier schwedischen Touristen erst verspätet an die Landesbehörden in Mecklenburg-Vorpommern weitergegeben worden. Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach hatte zudem den Meldeweg von EHEC-Erkrankungen per Post kritisiert.

Die Behandlung von Patienten, die am lebensgefährlichen hämolytisch-urämischen Syndrom (HUS) nach einer EHEC-Infektion leiden, ist zudem problematisch. HUS ist die Folgeerkrankung, die bei einer EHEC-Infektion auftreten kann und die insbesondere Nierenversagen verursachen kann. Viele EHEC-Kranke werden ihr ganzes Leben unter den Folgen der Epidemie leiden. „Etwa 100 Patienten sind so stark nierengeschädigt, dass sie ein Spenderorgan brauchen oder lebenslang zur Dauerdialyse müssen“, sagte Lauterbach der „Bild am Sonntag“. Und so verschärft sich ein bekanntes Problem: Bundesweit stehen etwa 8000 Menschen auf der Warteliste für eine neue Niere – wegen ganz unterschiedlicher Krankheiten. Weniger als 3000 Nieren wurden allerdings im vergangenen Jahr verpflanzt, wie aus Zahlen der Deutschen Stiftung Organtransplantation hervorgeht. Außer Nierenversagen löst EHEC laut Ärzten schwere neurologische Schäden aus. Mediziner berichteten etwa von Sprachstörungen wie bei einem Schlaganfall oder Zuckungen bis hin zu epileptischen Anfällen.

Lauterbach kündigte eine Untersuchung im Gesundheitsausschuss an. „Die Kliniken müssen in Zukunft jeden EHEC-Fall direkt per Mail an das Robert Koch-Institut melden.“ Die bisherige Meldekette vom Gesundheitsamt vor Ort über das Landesgesundheitsamt an das RKI dauere mindestens eine Woche. Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr forderte ebenfalls bessere Meldeverfahren. „Nach Abklingen des EHEC-Ausbruchs werden Länder und Bund gemeinsam die Arbeit bewerten. Mir ist dabei der Informationsfluss zwischen den Beteiligten besonders wichtig“, sagte Bahr der „Bild am Sonntag“. Forderungen nach einer zentralen Stelle zur Seuchenbekämpfung erteilte der FDP-Politiker erneut eine Absage.