Auf einem Gurkenrest in einer Mülltonne in Magdeburg haben Experten die mutierte Form des EHEC-Keims nachgewiesen. Die Mülltonne gehöre einer Familie, die an EHEC erkrankt ist. Gleichzeitig hat sich der EHEC-Verdacht gegen den Sprossenerzeuger im niedersächsischen Bienenbüttel nach Angaben des Verbraucherschutzministeriums in Hannover durch neue Indizien erhärtet.
Bei der mit dem mutierten EHEC-Bakterium entnommenen Probe aus einer Mülltonnen in Magdeburg handelt es sich nach Angaben des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) nicht um eine Lebensmittelprobe. „Es handelt sich um einen Gurkenrest, der längere Zeit im Müll lag“, sagte BVL-Sprecherin, Nina Banspach. Damit sei bisher auf keinem Lebensmittel der gefährliche EHEC-Stamm 0104 festgestellt worden, fügte sie hinzu.
Die belastete Probe wurde aus dem Bio-Abfall einer am 19. Mai erkrankten dreiköpfigen Familie aus Magdeburg entnommen. Ein Angehöriger hatte auf den Verzehr von Gurken hingewiesen. Am 30. Mai konnte der Erreger auf dem Reststück einer Gurke nachgewiesen werden. Die Familie habe sich zuvor nicht in Norddeutschland aufgehalten, hieß es. Ein Sprecher des Gesundheitsministeriums in Sachsen-Anhalt sagte, bei dem gefundenen Bakterium handele es sich um den Stamm O104:H4 - die mutierte Form, die in Norddeutschland grassiert und die schweren EHEC-Erkrankungen auslösen kann. Da der Abfall aber zwei Wochen in der Tonne lagerte, könnten keine Rückschlüsse gezogen werden, wann und wie das Bakterium in die Tonne gelangte, sagte er.
Laut Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU) sind bisher Erkrankungswellen an acht Orten in Deutschland identifiziert worden, die bis nach Bienenbüttel zurückverfolgt wurden. Zurzeit werde noch geprüft, ob weitere Krankheitshäufungen auf diesen Betrieb zurückzuführen seien. Was Pflanzensprossen als mögliche Infektionsquelle angeht, gibt es neue Hinweise Im Falle des Sprossen produzierenden Betriebs Auch 18 EHEC-Patienten aus dem Landkreis Cuxhaven hätten in einer Kantine Sprossen aus dem Betrieb verzehrt, sagte Ministeriumssprecher Gert Hahne. Zudem habe sich herausgestellt, dass dort eine dritte Mitarbeiterin Anfang Mai an Durchfall gelitten habe. Die bundesweite EHEC-Welle könne aber weiterhin auf mehrere Ausbruchsherde zurückgehen, betonte er.
Nach Angaben des Ministeriumssprechers wurden in dem Betrieb im Landkreis Uelzen mittlerweile über 750 Proben gezogen, um sie auf EHEC zu untersuchen. Bislang sei der Erreger in Proben aus dem Betrieb noch nicht nachgewiesen worden, sagte Hahne. Fest stehe nunmehr aber, dass dort drei im selben Bereich tätige Frauen nacheinander am 6., 11. und 12. Mai an Durchfall erkrankten. Bei einer dieser Mitarbeiterinnen habe man definitiv EHEC festgestellt.
Möglicherweise habe eine der Frauen, "den Erreger in den Ablauf des Betriebes eingespeist“, sagte der Ministeriumssprecher weiter. Dafür spreche der frühe Zeitpunkt der Erkrankungen. Zudem hätten die teilzeitbeschäftigten Frauen auch Sprossen verpackt. Sie könnten sich aber auch erst in dem Betrieb mit dem Erreger infiziert haben. Insgesamt könne man mittlerweile EHEC-Ausbrüche in vier Kantinen und drei Restaurants auf Lieferungen des Sprossenbetriebes zurückführen. An den sieben Orten hätten sich dabei etwa 100 der bundesweit über 2.000 EHEC-Patienten infiziert. Allerdings hatten die EHEC-Fahnder bislang direkten keinen Erfolg auf dem Hof: In den ersten 23 von 40 Proben fand sich keine EHEC-Erreger. Auch eine alte, im Kühlschrank vergessene Sprossenpackung eines EHEC-Patienten war frei von den Bakterien.
>>> Hintergrund: Wie EHEC ins Gemüse kommt
Aigner verwies in der Regierungsbefragung des Bundestags darauf, dass in 75 bis 80 Prozent aller EHEC-Fälle der Auslöser der gefährlichen Darmkrankheit nicht gefunden werde. Dennoch gebe es eine Indizienkette, die zu dem Sprossenerzeuger im niedersächsischen Bienenbüttel führe, sagte Aigner. Deshalb bleibe es bei der Warnung, dass Sprossen derzeit nicht verzehrt werden sollten. Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) sagte, auch die Warnung vor Gurken, Salaten und Tomaten im Raum Norddeutschland werde aufrechterhalten. „Es kann keine Entwarnung gegeben werden“, sagte Bahr. Aigner betonte, es falle niemandem leicht, einen solche Warnung auszusprechen. „Aber vorsorgender Verbraucherschutz hat einfach höchste Priorität“, fügte sie hinzu. Gesundheit habe Vorrang vor wirtschaftlichen Interessen.
Bislang 25 Todesopfer
Die Zahl der EHEC-Todesfälle in Deutschland ist weiter gestiegen. Bislang seien 25 Menschen im Zusammenhang mit dem gefährlichen Darmkeim gestorben, teilte Bahr nach dem Spitzentreffen mit. "Es ist leider auch nicht auszuschließen, dass noch weitere Todesfälle zu verzeichnen sind“, fügte er hinzu. Auch sei nicht auszuschließen, dass in den kommenden Tagen weitere Infektionen festgestellt würden.
Dennoch gibt es Bahr zufolge auch eine positive Entwicklung. Die Anzahl der Neuinfektionen sei in den vergangenen Tagen fortwährend rückläufig gewesen. „Das heißt nicht, dass in einzelnen Regionen nicht ein Anstieg zu verzeichnen ist“, fügte er hinzu. Die Verzehrs- und Hygieneempfehlungen des Robert Koch-Instituts würden weiterhin aufrecht gehalten. Der Verbraucherschutz und die Gesundheit der Bürger hätten oberste Priorität, betonte der Minister.
EU-Verbraucherkommissar John Dalli lobte die Bekämpfung der EHEC-Infektionswelle in Deutschland. EU- Experten hätten sich in den vergangenen Tagen ein Bild gemacht und seien von den Anstrengungen beeindruckt gewesen, sagte Dalli nach einem Sondertreffen der Gesundheits- und Verbraucherminister von Bund und Ländern in Berlin. Nun sei nicht der Moment für Kritik. Nach dem Ende der Krise solle aber über mögliche Lehren gesprochen werden. Nötig sei eine enge Koordination und Kooperation. Die europäischen Verbraucher hätten ein Recht auf gute Qualität der Lebensmittel.
Salat, Tomaten, Gurken sind praktisch unverkäuflich
Allerdings ist wegen der EHEC-Krise der Handel mit Salat, Gurken und Tomaten nach Angaben des Deutschen Fruchthandelsverbands „nahezu vollständig zusammengebrochen“ . „Die wirtschaftlichen Auswirkungen auf unsere Mitgliedsunternehmen sind beträchtlich“, teilte Geschäftsführer Andreas Brügger mit. Konkrete Zahlen nannte der Verband aber nicht. Brügger forderte nicht nur Entschädigungen für die Produzenten, sondern auch für den Handel. Es sei zu befürchten, dass es lange dauern werde, bis die Verbraucher wieder Vertrauen in diese Produkte fassen. Das Gesundheits- und Verbraucherministerium bekräftigten hingegen am Mittwoch, dass die Empfehlung, auf rohe Gurken, Tomaten, Salat und Sprossen zu verzichten, weiterhin gelte, weil die Infektionsquelle nach wie vor nicht gefunden sei.
Der deutsche Lebensmittel-Einzelhandel leidet erheblich unter der EHEC-Seuche: „Wir haben Umsatzeinbrüche von 30 bis 40 Prozent bei Obst und Gemüse“, sagte der Sprecher des Handelsverbands Deutschland (HDE), Kai Falk, der „Bild“-Zeitung (Mittwochausgabe). Auch bei anderen Lebensmitteln gingen die Umsätze deutlich zurück. „Der Handel spürt die große Verunsicherung der Kunden.“ Den Behörden warf Verbandsgeschäftsführer Brügger vor, „undifferenziert vor dem Verzehr von Salat, Gurken und Tomaten ohne einen wissenschaftlichen Nachweis für die tatsächliche Gefährdung der Verbraucher“ zu warnen.
Auch Gemüsebauern fordern die Aufhebung der pauschalen Warnung vor Gurken, Tomaten und Salat. Das Bundesverbraucherministerium und die zuständigen Bundesbehörden hätten bisher kein Indiz dafür präsentiert, dass von den betreffenden Gemüsesorten eine generelle Gesundheitsgefährdung ausgehe, teilte die Bundesvereinigung der Erzeugerorganisationen Obst und Gemüse (BVEO) mit. „Eine differenzierte Verzehrsempfehlung der zuständigen Stellen würde dazu beitragen, die enormen wirtschaftlichen Schäden zu begrenzen“, hieß es.
>>> Tipps: So schützen Sie sich vor EHEC
Der Verband verwies darauf, dass das von den deutschen Erzeugerorganisationen freiwillig untersuchte Gemüse in allen Fällen EHEC-frei war. Bislang seien über 1000 Proben von 144 verschiedenen Gemüsearten auf eine mögliche Kontamination mit dem Darmkeim untersucht worden. Zudem seien Kühlhallen, Verpackungen, Waschwasser und Bodenproben analysiert worden. Diese Proben seien ebenso wie die amtlichen Proben durch die Behörden EHEC-frei gewesen, erklärte die BVEO. Bei allem Verständnis für die vorsorgliche Verzehrsempfehlung der Bundesbehörden sei eine „undifferenzierte Aufrechterhaltung der pauschalen Warnung“ für solche Waren, die nachweislich frei von dem Erreger sind, „nicht länger nachvollziehbar“, kritisierte der Gemüsebauern-Verband.
Nach Angaben des Deutschen Bauernverbandes (DBV) belaufen sich die durch EHEC entstandenen Umsatzverluste für die deutschen Gemüsebauern bislang auf 50 Millionen Euro. Produzenten im Inland, aber auch im Ausland müssen einen erheblichen Teil ihrer Ernten vernichten, weil es für die Waren keine Abnehmer gibt. Auch der Einzelhandel verbucht gravierende Einbußen. Der Sprecher des Handelsverbandes Deutschland (HDE), Kai Falk, sagte der „Bild“-Zeitung vom Mittwoch, es gebe Umsatzeinbrüche „von 30 bis 40 Prozent bei Obst und Gemüse“.
Noch keine Proben von Berliner Sprossen
In Spanien haben Bauern in Madrid tonnenweise Gemüse kostenlos verteilt. Mit der Aktion wollten sie auf ihre schwierige Lage aufmerksam machen. Hunderte Menschen standen Schlange, um Tüten oder Kisten mit Feldfrüchten wie Tomaten, Paprika, Melonen oder Aprikosen mitzunehmen. Spaniens Landwirte haben ein Hilfsangebot der EU über insgesamt 150 Millionen Euro für europäische Bauern als unzureichend zurückgewiesen. Auch der Zeitpunkt wurde kritisiert. Zunächst müsse die Quelle der Verunreinigung mit dem Keim gefunden werden, forderten die Landwirte. Außerdem müsse das Vertrauen der Verbraucher in Gemüseprodukte wieder hergestellt werden.
Das Berliner Landeslabor hat bisher noch keine Sprossen auf eine mögliche Belastung mit EHEC-Keimen hin untersucht. "Wir haben die Bezirke gebeten, vorsorglich Sprossenproben zu nehmen“, sagte die Sprecherin der Gesundheitssenatsverwaltung, Marie-Luise Dittmar. Bis Dienstagabend seien jedoch noch keine Proben eingetroffen. "Denn sie sind fast überall schon aus den Sortimenten genommen worden.“ Der einzige Berliner Sprossenbetrieb hat seine Produktion mangels Nachfrage bis auf weiteres eingestellt. Nach Berlin wurden gar keine Sprossen aus Bienenbüttel geliefert.
dpa/dapd/nbo/dino


