EHEC-Verdacht

Edeka, Rewe, Metro verbannen spanische Gurken

Deutschland größte Handelskonzerne nehmen spanische Gurken aus dem Angebot: EHEC-Erreger konnten auf Import-Salatgurken aus Spanien nachgewiesen werden. Das Gemüse stammte aus Malaga. Spanien ist einer der größten Gemüse-Importeure Deutschlands. In Berlin werden nun in Restaurants, Kantinen, Supermärkten gezielt Gemüseproben gesammelt und anschließend untersucht.

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In Hamburg wurde der Errger außerdem identifiziert. Es ist ein Typ, der in Deutschland nur sehr selten vorkommt.

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Die größten deutschen Lebensmittelhändler haben spanische Salatgurken vorsorglich aus den Gemüseregalen geworfen, nachdem bei Proben EHEC-Keime gefunden wurden. Verbraucher müssten nun bewusst darauf achten, deutsche Gurken zu kaufen, empfahl der Fachgruppen-Chef Gemüsebau Norddeutschland, Axel Boese. Die Gemüsebauern im Norden zeigten sich nach dem Fund des EHEC-Bakteriums in spanischen Salatgurken erleichtert, fürchten aber weiter mögliche Einbußen. In Berlin sammeln Mitarbeiter der Lebensmittelaufsicht Proben in Restaurants und Kantinen

Zuvor waren Forscher auf der Suche nach dem gefährlichen Durchfallerreger EHEC einen bedeutenden Schritt vorangekommen. Das Bakterium wurde in Hamburg an vier Salatgurken nachgewiesen. Drei davon stammen den Angaben zufolge aus Spanien. Ob es sich bei dem Erregerstamm um jenen handelt, der für den aktuellen Ausbruch verantwortlich ist, war zunächst aber unklar. Forscher hatten zuvor einen gegen mehrere Antibiotika resistenten Erregertyp als Ursache für den Ausbruch identifiziert. Mittlerweile sind alle Bundesländer betroffen und auch in Europa breitet sich das Darmbakterium aus.

Die belasteten Gurken stammen vom Hamburger Großmarkt, wie der Leiter der Lebensmittel- und Mikrobiologie des Hamburger Instituts für Hygiene und Umwelt, Anselm Lehmacher, sagte. Drei der Gurken kommen von zwei spanischen Zulieferern, die dem Hygieneinstitut bekannt sind. Bei einer der Gurken handelt es sich um ein Bio-Erzeugnis. Die Herkunft von drei der Gurken lässt sich nach Angaben der Behörde vom Donnerstag bis zu Unternehmen aus Malaga und Almeria in Spanien zurückverfolgen.

Belastetes Gemüse kam aus Malaga

Die Gurken stammen von Unternehmen mit Sitz in Malaga und Almeria, sagte ein Behördensprecher in Hamburg. Der Ursprung der vierten belasteten Gurke sei weiterhin unbekannt. Die Bundesländer wurden den Angaben zufolge über die genaue Herkunft der kontaminierten Gurken informiert. Darüber hinaus seien auch die EU-Länder in Kenntnis gesetzt worden. Es könne derzeit noch nicht gesagt werden, an welche Lebensmittelläden in Deutschland die Gurken der betroffenen Unternehmen geliefert wurden, hieß es weiter.

Deutschlands größter Handelskonzern Metro hat inzwischen spanische Salatgurken aus dem Gemüseangebot gestrichen. Die Tochterunternehmen Real und Metro-Großhandel hätten am Donnerstag spanische Bio-Salatgurken aus ihren Sortimenten genommen, teilte ein Sprecher des Düsseldorfer Konzerns mit. Die Warenhaus-Tochter Kaufhof habe ebenfalls spanische Bio-Salatgurken und eine Restmenge konventionell erzeugter Salatgurken aus Spanien aus den Regalen genommen.

Supermärkte werfen spanische Gurken aus dem Sortiment

Neben dem Metro-Konzern kündigten die beiden führenden Supermarkt-Gruppen Edeka und Rewe Veränderungen im Sortiment an. Auch ihre Discounttöchter Netto und Penny folgen. Die Handelsketten betonten jedoch, es handele sich um eine reine Vorsichtsmaßnahme. Es sei noch nicht klar, welche Lieferungen aus Spanien genau betroffen seien, sagte ein Metro-Sprecher. „Wir arbeiten daher eng mit den Behörden zusammen, um eine schnelle Aufklärung zu ermöglichen“. Auch die internen Kontrollen seien verstärkt worden. Der Discounter Aldi Süd sieht keinen Handlungsbedarf. Kaufland ist nach derzeitigem Kenntnisstand nicht betroffen, wie das Unternehmen der Schwarz-Gruppe mitteilte. Vom Discounter Lidl war zunächst keine Stellungnahme zu erhalten.

Forscher aus Münster und Hamburg hatten bei EHEC-Patienten den Erregertyp HUSEC 41 des Sequenztyps ST678 identifizieren können, auch Stereotyp O104 genannt. Der Bakterienstamm gehört zu 42 EHEC-Typen, die seit 1996 bei Patienten in Deutschland aufgetreten sind, wie der Direktor des Instituts für Hygiene des Klinikums, Helge Karch, mitteilte. Dieser EHEC-Typ sei bislang aber weltweit noch nicht „auffällig in Erscheinung getreten“. Ein Test für eine schnelle Bestätigung des Erregers solle in wenigen Tagen zur Verfügung stehen. Die Identifizierung sei „ein wichtiger Schritt auf der Suche nach den Übertragungswegen“, sagte Karch.

Spanien exportiert Hunderttausende Tonnen Gemüse nach Deutschland

Das Robert-Koch-Institut (RKI) hatte wegen des gefährlichen Erregers davon abgeraten, Tomaten, Salatgurken und Blattsalate roh zu verzehren. Diese Lebensmittel waren von Erkrankten in Hamburg laut einer Studie besonders häufig konsumiert worden. Norddeutschland ist am stärksten von dem Ausbruch betroffen. Die Verzehrempfehlung sollte nach dem Fund der Gurken überprüft werden, hieß es beim Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz.

Spanien exportiert jedes Jahr Hundertausende Tonnen gerade solcher Gemüse nach Deutschland, vor denen jetzt etwa die Experten des Robert-Koch-Instituts warnen - Gurken, Tomaten, Salat. 558.000 Tonnen Gurken - rechnerisch 6,8 Kilo pro Kopf - verbrauchten die Deutschen in Deutschland von April 2009 bis März 2010. Rund 500.000 Tonnen wurden importiert - vor allem aus den Niederlanden (rund 250.000 Tonnen) und aus Spanien (192.000 Tonnen). Über 2 Millionen Tonnen Tomaten wurden im Berichtsjahr 2009/2010 in der Bundesrepublik verbraucht, importiert wurden 2010 mehr als 681.000 Tonnen - aus den Niederlanden (rund 375.000 Tonnen) und aus Spanien (etwa 145.000 Tonnen). Und an kopfsalat verspeisten die Deutschen 2009/2010 rund 218.000 Tonnen, pro Bundesbürger rechnerisch etwa 2,7 Kilo. 2009 wurden rund 108.000 Tonnen Kopfsalat nach Deutschland importiert. Mit mehr als 60.000 Tonnen stammte der Großteil davon aus Spanien.

Bis zu einer Entwarnung für die deutschen Bauern müsse zunächst aber feststehen, dass das Gemüse aus Spanien wirklich der einzige Träger des Bakteriums ist: „Erst dann werden sich alle Verdächtigungen als unberechtigt herausgestellt haben,“ erklärte Boese. Auch die Gemüsehändler bangen um ihre Einnahmen. „Die Auswirkungen sind katastrophal“, sagte Andreas Brügger vom Deutschen Fruchthandelsverbandes (DFHV). Es habe viele Stornierungen gegeben.

Inzwischen neun EHEC-Verdachtsfälle in Berlin

Der Lebensmitteleinzelhandel forderte die Gesundheitsbehörden auf, genauer über die Herkunft des EHEC-Bakteriums zu informieren. „Die Spur muss deutlicher und konkreter werden, damit der Handel die Lieferkette gezielter zurückverfolgen kann“, sagte Branchensprecher Christian Böttcher. Martin Müller, Vorsitzender des Bundesverbands der deutschen Lebensmittelkontrolleure, sagte: „Schauen Sie in einer Stunde in die deutschen Märkte – Sie werden keine Schlangengurken mehr sehen. Das Problem erledigt sich von selbst. So wie der Teufel das Weihwasser, so wird der Verbraucher die Gurken jetzt meiden.“

Bislang werden fünf Todesfälle mit dem Darmbakterium in Verbindung gebracht. Das RKI meldete bislang zwei Todesfälle. Bei einem in Hamburg tot aufgefunden Mann hatte am Donnerstag die Obduktion ergeben, dass der 38-Jährige an einer Durchfallerkrankung gelitten hat. Laut RKI erkrankten von der zweiten Maiwoche bis 25. Mai 214 Menschen am gefährlichen Hämolytisch-Urämischen Syndrom (HUS), das Nierenschäden verursacht. Normalerweise treten in Deutschland jährlich bis zu 60 HUS-Fälle auf. HUS ist eine schwere Komplikation, die bei Infektion mit EHEC auftreten kann.

In Berlin besteht inzwischen bei neun Patienten der Verdacht auf eine EHEC-Infektion. Fünf davon haben einzelne, aber nicht alle Symptome eines HUS. Die übrigen vier haben sich mit EHEC infiziert, zeigen aber bislang keine Anzeichen von HUS. Alle Erkrankten sind über 18 Jahre alt, sagte Sylvia Kostner, Sprecherin des Landesamtes für Gesundheit und Soziales (Lageso). In Berlin werden nun Gemüseproben gesammelt.

Lebensmittelämter sammeln Gemüseproben

Die Veterinär- und Lebensmittelaufsichtsämter in den zwölf Berliner Bezirken sind angewiesen, "gezielt Proben von Tomaten, Gurken und Salat zu nehmen“, sagt die Sprecherin der Berliner Gesundheitsverwaltung, Regina Kneiding. Mitarbeiter der Behörden nehmen in Restaurants, Geschäften und Kantinen täglich etwa drei Proben pro Bezirk. Das Berliner Landeslabor untersucht diese Proben. „Die Gemüse-Proben werden vom Landeslabor derzeit vorrangig getestet“, sagte Kneiding. In etwa drei Tagen könnten erste Ergebnisse geliefert werden.

Am 25. April ist der erste Berliner an HUS erkrankt, zuletzt erkrankte ein Patient am 22. Mai. Einige EHEC-Verdachtsfälle konnten nicht bestätigt werden, waren zum Teil auf Noro-Viren zurückzuführen. In der Vivantes Klinik Friedrichshain ist deshalb eine Patientin am Donnerstag entlassen worden.

Am Donnerstagmorgen wurde in Dänemark nach Angaben des Gesundheitsministeriums der erste EHEC-Fall bestätigt. Verdachtsfälle gibt es zudem in Schweden, Großbritannien und den Niederlanden. Die Erkrankten seien kürzlich in Deutschland gewesen, sagte der Sprecher des EU-Kommissars für Gesundheit, Frederic Vincent, in Brüssel. Das gefährliche Darmbakterium erreichte am Donnerstag als letztes Bundesland Rheinland-Pfalz. Die zwei Frauen sollen sich vermutlich in Norddeutschland angesteckt haben.

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