re:publica 2010

Wie man im Internet erfolgreich Spenden sammelt

Im Rahmen des Berliner Internet- und Bloggerkongresses re:publica hat am Freitag die Subkonferenz re:campaign begonnen. Experten diskutieren, wie Kampagnen von Nichtregierungsorganisationen im Netz erfolgreich sein können. Die Politik stand am dritten Veranstaltungstag im Vordergrund - bei Miriam Meckel mit der Frage, warum der Zufall wichtig ist für eine Demokratie.

Das Erstaunliche ist eigentlich, dass die Laptops der meisten Konferenzteilnehmer diesmal geschlossen blieben. An diesem dritten Tag des Internet- und Bloggerkongresses re:publica in Berlin geht es vor allem um Politik. Und da kommen ganz analoge Arbeitstechniken zum Vorschein. Notizbücher werden aufgeschlagen, um während der Vorträge Notizen zu machen. Oder die Besucher lehnen sich ganz einfach zurück und tun das, was von Zuhörern erwartet wird. Sie hören einfach zu. Und warten einmal ab, was der Zufall in ihren Köpfen mit dem Gehörten macht.

Menschen, ganz nach dem Geschmack von Rednerin und Medientheoretikerin Miriam Meckel ( www.miriammeckel.de ). Was der Titel ihres Vortrags allerdings zunächst nicht vermuten ließ: Die Lebensgefährtin von Journalistin und TV-Moderatorin Anne Will sprach über "die Grenzen menschlichen Ermessens und das Ermessen menschlicher Grenzen".

Furchtbar – dabei geht es schlicht darum, wie viel uns ein Computer vorschreiben kann. Und warum es für eine demokratische Gesellschaft wichtig ist, sich frei zu bewegen und nicht nur mit vorgefilterten Informationen in Berührung zu kommen. Der Zufall sei das entscheidende Element der Evolution; die Freiheit, Dinge unüberwacht zu tun, Bedingung für eine freiheitliche Gesellschaft, sagt die Professorin unter anderem der Universität St. Gallen.

Frau Meckel schätzt Kontrolle nicht – und auch keine vorgeschriebenen Antwortmöglichkeiten. Dass das soziale Netzwerk Facebook ihr beispielsweise einmal untersagte, eine grafische Geburtstagstorte zu mögen, empört sie: "This object cannot be liked", verlautete die Fehlermeldung, übrigens der Haupttitel ihres Vortrags. "Ich fand, dass das jetzt zu weit ging", so Meckel und erntet zustimmendes Lachen im Auditorium des Friedrichstadtpalastes. Sie habe bis dahin gedacht, dass sie selbst entscheiden könne, was sie mag. Mitunter offenbar ein Irrtum. Dann zumindest, wenn eine Maschine die Reaktionsmöglichkeiten vorbestimmt.

Auch dem gerade herausgekommenen Tablet-PC iPad schreibt sie einen eher einschränkenden Charakter zu. Es biete eine Art geführter Sightseeing-Tour durch das Internet. Von Zufall keine Spur: "Das Konzept des freien Internets wird in Frage gestellt." Hersteller Apple ziehe vielleicht neue Menschen ins Netz, mache sie aber in erster Linie zu Konsumenten, aber nicht zu Produzenten."Worüber haben wir dann eigentlich die letzten Jahre so begeistert diskutiert", fragt sie rhetorisch.

Eine Gefahr, auf die auch der Berater des US-amerikanischen Präsidenten Barack Obama, Cass Sunstein hingewiesen habe: Das Internet berge das Risiko, dass sich die Menschen nur noch mit dem beschäftigten, was ihnen ohnehin schon nahe liegt und segmentiere stark. Das ist vor allem politisch ein Problem.

Andererseits zeigt die am Freitag ebenfalls begonnene Subkonferenz re:campaign in der Kalkscheune, dass diese Problemstellungen auch positiv genutzt werden, wenn man etwas erreichen will. Spenden sammeln zum Beispiel. Justin Perkins ( www.Care2.com ) gibt Nicht-Regierungsorgansisationen (NGOs) konkrete Handlungstipps, wie sie im Netz erfolgreich sein können. Zum Beispiel lieber direkte E-Mails zu verschicken als auf ein soziales Netzwerk zu vertrauen.

Eifrig notieren seine Zuhörer seine Daten im Notizbuch: Wie groß das Potenzial in Deutschland in dieser Hinsicht noch sei. Dass man mit Hilfe von E-Mails 50 bis 200mal so viel Geld sammeln könne als mit Facebook. Dass ein eigenes Netzwerk zu gründen erst ab einer E-Mail-Liste ab einer Million Einträge zu empfehlen sei.

Daraus folgert er: Für jeden Zweck immer das richtige Werkzeug anwenden. Das Wichtigste aber sei, das Bedürfnis der Unterstützer im Auge zu behalten. Wer diesen Ratschlag beherzigt, kann den von Miriam Meckel vertretenen Zufall allerdings nicht gebrauchen – sonst wird das nichts mit den astronomisch hohen Spendensummen, über die Perkins spricht.

Perkins demonstriert, was der Amsterdamer Professsor Geert Lovink, Gründer von www.tacticalmediafiles.net , zuvor kritisiert hatte. Dass NGOs an Bürokultur leiden. Passend, dass Marketing-Mann Perkins im blauen Hemd und Jacket vor dem Publikum stand, während der Niederländer im hochgekrempelten Hemd antrat. "Diese Art der Zentralisierung funktioniert nicht auf Dauer", sagte Lovink.

Lovink vertritt die These, dass organisierte Netzwerke wie Wikipedia die Arbeit der NGOs letztlich übernehmen werden. Auch er gibt konkrete Tipps: Er empfiehlt den Aktivisten ihre Ziele immer mit persönlichen Schilderungen von Zeugen zu verbinden, Bilder zu zeigen, mobile Dienste zu nutzen, das Ganze dann mit ein wenig Humor zu würzen – und vor allem auf die Fragen der Interessierten einzugehen. Twitter und Facebook sollten eher gemieden werden, wenn man langfristig etwas erreichen möchte – dort könne man zwar sehr schnell große Gruppen ansprechen, aber genauso schnell auch wieder verlieren.

Sein Vortrag ist eigentlich längst zu Ende, da knien und stehen noch immer Zuhörer rund um Lovents Stuhl, um ganz direkt weitere Fragen zu stellen. Eigentlich könnten sie ihm ja auch mailen. Aber der direkte Kontakt scheint wichtig. Auch für Heinrich Strößenreuther, früher bei Greenpeace, jetzt Geschäftsführer von Deutsche Bus, einem Berliner Busunternehmen. Strößenreuther verteilt eifrig Visitenkarten und weist darauf hin, dass seine Busse nach Krümmel fahren würden, wo am 24. April eine Menschenkette die Atomkraftwerke Krümmel und Brunsbüttel verbinden soll. Lovent steckt die Karte allerdings eher desinteressiert ein.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.