iPad-Verkaufsstart

Verheißung, Faszination und Wahnsinn in New York

| Lesedauer: 7 Minuten

Eine Welle um Big Apple: Die ganze Nacht über campen Menschen vor den New Yorker Apple Stores und warten auf die jüngste Verheißung aus dem Hause Apple: das iPad. Genügend Zeit, um im Dunkel der Nacht nach den Gründen für den Hype um die Produkte des Steve Jobs zu forschen.

Mitternacht – 0 Uhr – noch 9 Stunden. Diese Nacht ist anders. Auf den Straßen südlich des Central Parks in Manhattan passiert sonst um diese Uhrzeit nichts mehr. Die Geschäfte sind geschlossen, die New Yorker haben sich längst in ihre Wohnungen verzogen.

Wer feiert, treibt sich unterhalb der 14. Straße herum. Doch nicht heute: In neun Stunden verkauft der erste Apple Laden das erste iPad. Eine Sensation. Vor dem Shop an der 5th Avenue stehen die Leute schon Schlange. Allerdings weniger wegen der neusten Technik sondern eher wegen des Hypes.

Die Nummer eins in der Schlange ist Greg Packer aus Huntington, der meist interviewte Mann der Staaten. Packer lässt kein Großereignis aus. Er hat schon am Dienstag seinen blauen Campingstuhl vor dem Laden aufgestellt.

Und er hat sich vorgenommen, sich nicht von der Stelle zu bewegen. Höchstens mal zum Essen oder Zähneputzen im Burgerladen um die Ecke. Turnschuhe, Jeans und die graue Fleecejacke hat er seit Tagen nicht gewechselt. Nach dem Rest fragt man besser gar nicht.

“Ich wollte unbedingt der Erste sein”, sagt Packer. Wofür er das iPad so dringend braucht? “Um damit ins Internet gehen zu können.”

Auch beim Verkaufsstart des iPhone 2007 tauchte er schon Tage vorher hier auf. Bei Leuten wie ihm kommt einem eigentlich nur noch Andy Warhol in den Sinn, der schon Ende der 60er-Jahre sagte: “Irgendwann bekommt jeder seine 15 Minuten Ruhm.”

3 Uhr – noch 6 Stunden. Die Gruppe ist auf 40 Leute angewachsen. Sie vergraben sich unter ihren Decken und Schlafsäcken, trinken Cola aus Halbliterbechern, dämmern mit halb geöffneten Augen vor sich hin. Nummer zwei in der Schlange ist Sunage Bravo aus den New Yorker Stadtteil Brooklyn.

In eine Papptüte hat sie so viele Lebensmittel gepackt, dass sie damit zu einer strammen Bergtour aufbrechen könnte - Sandwiches, kalte Chicken Wings und Limo. Schon in der Nacht vom Donnerstag hat sie hier für ihre Schwester Position bezogen, die als Buchhalterin arbeitet und keine Zeit für Camping hat.

Wozu braucht die Schwester das iPad? “Zum Spielen“, sagt die 30-Jährige. Faszination und Wahnsinn liegen um diese Stunde eng beisammen.

6 Uhr – noch drei Stunden. Der Hotdoghändler ist verschwunden, dafür haben die Fernsehstationen ihre Übertragungswagen aufgebaut. An die 100 Leute stehen für ein Produkt an, das sie überhaupt nicht kennen und das sie mindestens 499 Dollar (369 Euro) kosten wird.

Was sie so sicher macht, dass das iPad sich lohnt? “Steve Jobs”, sagt Komlan Egoh, ein Informatikstudent aus Queens. “Er hat ein Gespür dafür, was ein gutes Produkt ist.”

Ende Januar stellte der Firmengründer und Apple-Chef das iPad vor. Seitdem kennt der Aktienkurs, der ansonsten mit den Gerüchten um Jobs Gesundheitszustand auf und ab schwankt, nur noch eine Richtung: die nach oben.

Das iPad ist Jobs Baby. Er soll sogar daran gearbeitet haben, während er sich von einer Lebertransplantation erholte.

Susanne Hanford studiert BWL an der Universität Lüneburg. Sie besitzt schon einen iPod Touch und ein Macbook von Apple. Wieso sie künftig noch ein drittes Gerät mit sich herumtragen will?

„Um besser Dokumente für die Uni lesen zu können“, sagt die 25-Jährige. Es sind nicht nur die Technikfans, die sich an diesem Frühlingsmorgen hier eingefunden haben. Sie alleine könnten diese Welle gar nicht auslösen. Steve Jobs stellt Geräte für Menschen her, die den Umgang mit Technik ansonsten als persönliche Zumutung empfinden.

An die 200 Leute stehen jetzt hier, jede Minute kommen neue dazu. Sie werden in die Schlange für die Vorbestellungen oder in die deutlich längere für Kunden ohne Reservierung gelotst.

Bislang konnte sich kein einziger Tablet-Computer erfolgreich am Markt durchsetzen. Und auch das iPad lebt bis jetzt nur von dem offenbar grenzenlosen Vertrauen, das Fans in Apple haben.

Hunderttausende haben im Internet ein iPad vorbestellt. Die Analysten überboten sich in ihren Prognosen als wären sie auf dem Basar. Demnach könnte Apple bereits im ersten Jahr fünf Millionen iPads verkaufen.

Carlo Tagliavini hat seinen Urlaub extra so gelegt, dass er den Tablet-Computer in New York kaufen kann. „Bis jetzt war ich mit jedem Gerät von Apple zufrieden“, sagt der Grafikdesigner aus Basel.

“Irgendetwas machen sie immer besser als die anderen.“ Er besitzt bereits iPod, iPhone und Mac Book. Mit dem iPad will der 26-Jährige vor allem Bücher und Zeitungen lesen. „Ein bisschen weniger als den normalen Abopreis wäre ich bereit, dafür zu zahlen“, sagt er.

9 Uhr – Verkaufsstart. Die Apple Mitarbeiter in ihren blauen T-Shirts zählen die Sekunden rückwärts, bis sie die ersten in den Laden lassen. Der letzte in der Schlange ist Jack Cheng. Der 26-jährige Webdesigner aus New York will ein iPad haben, weil er dann immer einen Blick auf seine Arbeit werfen kann, wenn er will.

Egal ob dies abends auf dem Sofa oder tagsüber im Cafe ist. „Das fühlt sich dann auch nicht wie Arbeit an, weil ich nicht extra den Laptop oder einen Stapel Papier mit mir herumtragen muss.“

Irgendwann wird es diesen Satz: “Bist Du gerade online?” nicht mehr geben. Wenn Steve Jobs Recht behält, ist das iPad der nächste Schritt, um sich dauerhaft mit dem weltweiten Netz zu umgeben.

Denn Apple schafft es mit seinen Produkten, Lebensgewohnheiten zu ändern. Das gelingt nur wenigen Konsumgütern. Bei den meisten merkt man nach einer Weile, dass man auch ganz gut ohne sie leben könnte.

Das war bei iPod und iPhone genau umgekehrt. Je länger man die beiden Geräte hat, desto weniger mochte man auf sie verzichten. Allein aus dem Grund ist es das iPad schon wert, es zumindest einmal in die Hand zu nehmen.

Auch Morgenpost-Online-Redakteur Kritsanarat "Toto" Khunkham berichtet aus New York, wo er im Apple Store an der 67. Straße zwei iPads reservieren ließ. Anschließend wird er eines der Geräte testen und hier darüber berichten.