Ulrike Folkerts

„Ich möchte in Berlin leben, seit ich 14 Jahre alt bin“

Schauspielerin Ulrike Folkerts feiert gleich drei Jubiläen: Seit fünf Jahren engagiert sie sich für „Kulturvoll“, seit 25 Jahren spielt sie im „Tatort“ und genau so lange wohnt sie in Berlin.

Foto: Krauthöfer

Manchmal, so sagt Ulrike Folkerts, wache sie morgens auf und frage sich, warum sie neben ihrem zeitaufwändigen Job als Schauspielerin vor fünf Jahren auch noch die Idee hatte, eine nicht weniger zeitintensive Stiftung für benachteiligte Kinder zu gründen. Dann lacht sie und fängt an zu erzählen. Von der Idee, Kindern Kunst nahe zu bringen, von den kleinen Veränderungen, die sich bei den Kindern bereits nach zwei Wochen im jährlichen Sommercamp zeigen und von dankbaren Briefen, die sie auch noch Monate später erreichen. Über „Kulturvoll“, so scheint es, könnte Ulrike Folkerts ewig reden. Ganz anders als über ihr 25-jähriges „Tatort“-Jubiläum im kommenden Oktober. Ein Gespräch im Kiez der 53-Jährigen in Wedding.

Berliner Morgenpost: Wie lange sind Sie schon in Berlin?

Ulrike Folkerts: Seit 25 Jahren, fast die Hälfte meines Lebens. Ich war mit 14 Jahren zum ersten Mal hier und wollte ab diesem Zeitpunkt immer in Berlin leben. Eigentlich hatte ich mich auch hier für die Schauspielschule beworben, aber ich bin durch die Prüfung gefallen.

Warum engagieren Sie sich für Kinder?

Erstens finde ich Kinder cool. Zweitens habe ich selber in der Jugend erfahren, wie es ist, betreut mit anderen Kindern Blödsinn machen zu dürfen und wie wichtig das war. Kinder sind das schwächste Glied in unserer Gesellschaft und aus dem Grund müssen wir uns alle besonders um sie kümmern! Wir arbeiten mit Berliner und Brandenburger Institutionen zusammen, die uns Kinder für die Ferienstipendien vorschlagen. Wir fördern Kinder, die aus sozial benachteiligten Familien stammen. Sozial schwach bedeutet für uns, dass die Lebensumstände, in denen die Kinder sich befinden, nicht optimal unterstützend für die kindliche Entwicklung sind. Manchmal schaffen Eltern es nicht, ihren Kindern tolle Ferien zu ermöglichen, weil sie alleinerziehend und berufstätig sind. Unsere Partner sind das SOS Kinderdorf Moabit, Neuköllner Talente, Gelbe Villa, die Erika-Mann-Grundschule Berlin und die Grundschule Im Rosengarten aus Werneuchen. Mein Engagement für Burundikids war der Auslöser, warum ich gesagt habe, ich möchte nicht mehr so weit weg für eine Projekt. In Berlin gibt es genug zu tun. Hier gibt es auch Kinder, denen man eine schöne Zeit bereiten und etwas mit auf den Weg geben kann. Zusammen mit meiner Freundin habe ich 2006 den Verein gegründet. Mit Hilfe von Freunden/innen haben wir Inhalt und Konzept ausgearbeitet. Dann haben wir aber noch mal drei Jahre gebraucht, bis wir richtig loslegen konnten, weil es doch inhaltlich einer großen Auseinandersetzung bedarf. Was heißt es, einen Verein zu gründen? Was für Regeln muss man einhalten? Wo kommt das Geld her? Das erste Jahr habe ich noch komplett selber finanziert. Dann haben wir Anträge gestellt und an unserem Profil gefeilt. Mittlerweile haben wir neben privaten Spendern Förderer wie Aktion Mensch, die Robert Bosch Stiftung, Weihnachtszauber Berlin, LionsClub Klein-Machnow und viele andere.

Wie kann man sich Ferien mit Kulturvoll vorstellen?

Wir geben jedes Jahr ein Thema vor, das von den Kindern erarbeitet wird. Wir arbeiten mit vier Pädagogen zusammen, die die Kinder betreuen. Dazu zwei Künstler, die Workshops für die Kinder anbieten. Unsere Stipendiaten sind zwölf Tage richtig im Stress. Dieses Jahr lautete das Thema „Hör mir doch mal zu“. Wir hatten den Rapper LMNZ, der mit den Kindern Texte erarbeitet, gerappt hat und die Fußballerin Melinda, die den Kindern Fußballakrobatik näher gebracht hat. Am Ende der Ferien gibt es immer eine Aufführung für Eltern, Freunde, Helfer, Sponsoren und Interessierte. Für die Kinder ist es ganz wichtig, dass sie zeigen können, was sie gelernt haben.

Und Sie sind auch vor Ort?

Ja, wir begleiten die ganzen Tage, auch, um zu sehen, wie sich die Kinder entwicklen.

Bekommen Sie viel von den Problemen der Kinder mit?

Das bleibt nicht aus. Deshalb ist es auch wichtig, dass wir so ein starkes pädagogisches Team haben. Es gibt immer wieder Kinder, die besondere Aufmerksamkeit brauchen. Weil sie einfach reden wollen. Vielleicht ist das, was wir tun, nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Aber ich habe das Gefühl, dass sich die Kinder bereits nach den zwölf Tagen wirklich verändern. Man kann sich gar nicht vorstellen, was die Pädagogen da leisten. Ich könnte das selber gar nicht. Wir hoffen, dass wir den Kindern etwas auf den Weg geben können und wir haben gute Rückmeldungen durch die Institutionen und von Kindern, die uns danach schreiben.

Wenn Sie sehen, dass ein Kind besondere Probleme hat, versuchen Sie also auch, danach noch etwas zu tun?

Ja. Wir sind oft noch in Kontakt mit den Eltern oder Lehrern und den Institutionen.

Wie ist die Idee zu Kulturvoll entstanden?

Wir sind 17 Freunde, die den Verein gegründet haben. Und jeder von uns hat in seiner Kindheit eine Geschichte erlebt, in der es besondere Begegnungen mit besonderen Menschen gab, die uns gezeigt haben, dass wir etwas Besonderes sind. Und das war der Auslöser, so etwas wollen wir für die Kinder schaffen. Ich hatte zum Beispiel eine Lehrerin, die in der elften Klasse angefangen hat, mit uns ins Theater zu gehen. Dann haben wir auch zusammen Theaterstücke gelesen, darüber diskutiert und über die Charaktere gesprochen. Dadurch ist bei mir der Wunsch entstanden, Schauspielerin zu werden. Wenn es diese Frau nicht gegeben hätte, wäre ich jetzt vielleicht Biologin.

Wie wichtig war Kunst und Kultur bei Ihnen zu Hause?

Das hielt sich in Grenzen. Ich bin auf dem Dorf bei Kassel aufgewachsen und habe jeden Nachmittag draußen gespielt. Meine Mutter hat geschaut, dass wir Sport machen. Ich war im Schwimmverein, davon profitiere ich heute noch. Es ging zu Hause um andere Dinge, Kultur spielte nicht so eine große Rolle. Nach Berlin fahren und in die Schaubühne gehen, das habe ich dann mit einer Klassenkameradin gemacht, deren Eltern da anders gestrickt waren.

Haben Sie durch Ihre Freundin noch mal einen anderen Bezug zur Kunst bekommen oder hat Sie das von Anfang an verbunden?

Das war noch mal eine Riesentür, die da für mich aufgegangen ist. In meiner Kindheit fand ich Museen ziemlich schrecklich. Ich konnte damit gar nichts anfangen. Katharina hat für mich eine ganz andere Dimension aufgemacht, weil sie mir so viel erzählen konnte. Und weil sie mir beigebracht hat, dass man durch ein Museum auch schnell gehen kann und nur dort stehen bleibt, wo mir etwas auffällt. Wir waren oft zusammen auf der Documenta in Kassel oder auf der Biennale in Venedig – und das macht mit ihr richtig großen Spaß.

Wissen die Kinder denn, wer Sie sind?

Nein, die kennen mich nicht, die gucken keinen „Tatort“. Die Eltern erkennen mich. Vielleicht weckt das auch Vertrauen?!

Sie feiern in diesem Jahr 25-jähriges „Tatort“-Jubiläum. Kommt es Ihnen so lange vor?

Nein, das ist schon ein bisschen verrückt. Man weiß ja vorher nicht, dass es so eine lange Zeit wird und es geht so schnell rum. Es ist einfach viel passiert und natürlich hat der „Tatort“ mein Leben geprägt. Am Anfang war ich die einzige Frau, das war ziemlich spektakulär. Ich bin damit berühmt, berüchtigt geworden und habe eine bestimmte Position in der Branche.

Der 60. Tatort mit Ulrike Folkerts wird anlässlich des 25. Jubiläums von Lena Odenthal am 09. Oktober um 20.15 Uhr im Kino Babylon in Berlin in einer Premiere gezeigt und am 26. Oktober 2014 zum Jubiläum in der ARD ausgestrahlt.