Fernsehen

„Tatort“-Kommissarin Sabine Postel hadert mit der TV-Quote

Die Schauspielerin wird 60 und kommende Woche wird ihr 30. „Tatort“ ausgestrahlt. Ein Gespräch übers Älterwerden, Veränderungen der Branche und wie man durch die Stadt läuft, in der man ermittelt.

Foto: joerg landsberg / Radio Bremen-Foto Jörg Landsberg 2014

Wir treffen uns in der Bremer Landesvertretung. Eine sinnige Adresse. Sabine Postel ist ja seit 1997 „Tatort“-Kommissarin für Radio Bremen. Und einen Tag zuvor gab es hier in der Hiroshimastraße eine Preview ihrer jüngsten Folge „Alle meine Jungs“.

Jetzt sitzt sie ganz allein in dem riesigen Saal des Gebäudes. Und wir haben die einmalige Chance, einmal eine „Tatort“-Kommissarin zu verhören. Es gibt ja ein doppeltes Jubiläum. „Alle meine Jungs“, der am 18. Mai 2014 ausgestrahlt wird, ist Sabine Postels 30. Fall.

Am heutigen 10. Mai wird sie 60 Jahre alt.

Berliner Illustrirte Zeitung: Frau Postel, wo sind Sie Sonntag abends um 20.15 Uhr?

Sabine Postel: Zuhause, auf dem Fernsehsofa. Da bin ich ganz konservativ-spießig. Da werde ich schon sauer, wenn einer anruft. Macht auch keiner mehr.

„Alle meine Jungs“ ist Ihr 30. Tatort. Ist das etwas Besonderes für Sie, wird das zelebriert?

Nö. Das war mir auch gar nicht so klar, als wir gedreht haben. Es ist jetzt auch nicht so, dass wir gedacht haben, zum 30. müssten wir etwas ganz Besonderes machen. Die Messlatte liegt bei uns immer sehr hoch. Bei zwei Tatort-Ausstrahlungen im Jahr wollen wir keine Flops leisten.

Hätten Sie je gedacht, als Sie 1997 anfingen, dass Sie es mal auf so viele Folgen bringen würden?

Nö, klares Nein. Soweit denkt man doch gar nicht als Schauspieler. Man freut sich immer, wenn man ein schönes Angebot bekommt. Aber es denkt doch keiner in solchen Perspektiven! Wenn ich mir heute meine ersten Fälle angucke, denke ich auch: ganz schön steif und behäbig. Ich musste mich in die Rolle erst hineinfinden.

Es wird ja immer gern kritisiert, dass es, gemessen an den realen Verhältnissen, viel zu viele Kommissarinnen gibt im deutschen Fernsehen.

Da gibt es ja auch Nachholbedarf. Man hat Frauen im Krimi lange sträflich vernachlässigt, weil man ihnen den Ermittler nicht zugetraut hat. Und die ersten Kommissarinnen Karin Anselm und Nicole Heesters waren zwar sehr gut, haben sich aber nicht halten können. Weil die Zeit dafür noch nicht reif war. Als ich angefangen habe, gab es nur Ulrike Folkerts. Sonst nur Kerle. Und nach mir kam auch ewig nichts. Als ich das Angebot bekam, habe ich zuerst gezögert: Ich als „Tatort“-Kommissarin, will das irgendjemand sehen? Da war ich mir nicht sicher. Aber natürlich war es erstens ein Kompliment und zweitens eine Herausforderung.

Derzeit ist im „Tatort“ ein richtiger Umbruch zu erleben. Den Berlinern wurde gekündigt, den Leipzigern auch. Radio Bremen hält fest zu Ihnen?

Durch die hohe Akzeptanz, die wir im Moment haben, von der Quote wie von der Kritik, ist das kein Thema. Dass gewisse Umstrukturierungen stattfinden, halte ich aber auch für normal. Der „Tatort“ hatte immer eine gewisse Vorreiterposition. Gerade was die filmische Erzählweise angeht. Und Konkurrenz belebt das Geschäft.

Aber es hat noch nie so viele Neuanfänge gegeben. Und die Kommissare werden immer jünger. Damit wird klar auf eine jüngere Publikumsschicht gezielt. Schadet das womöglich der Marke „Tatort“?

Ja, ich sehe da eine gewisse Gefahr. Wir reden hier ja nicht nur vom „Tatort“. Es gibt unzählige andere Krimiformate, im Moment mehr als je zuvor. Sowohl bei den etwas heitereren Vorabendserien als auch in der neuen Samstagabendschiene im ZDF. Das sind alles gute Kollegen. Aber man muss aufpassen, dass nicht irgendwann eine gewisse Übersättigung eintritt wie bei den Talkshows und Kochshows. Dem widersprechen allerdings die Quoten der Krimis. Die sind so hoch wie nie.

Da ich schon nach dem Sonntagabend gefragt habe: Was machen Sie denn Montag früh? Wartet man auf die Quote, die man am Vorabend gemacht hat? Steht man da unter Druck?

Natürlich gucke ich morgens in den Quotenmeter. Ja leider! Ich sage wirklich: leider. Mittlerweile ist die Quote ja maßgeblich daran beteiligt, was produziert wird oder ob Formate überhaupt fortgesetzt werden. Wobei ich die Aussagefähigkeit der Quote manchmal sehr bezweifle. Nichts gegen Hochrechnungen, aber dass da letzten Endes 3000 Zuschauer über das deutsche Fernsehen entscheiden, ist doch verrückt. Wer macht sowas denn mit? Da kommen die mit ihrem Kabelsalat und ihren schwarzen Boxen. Das designoriente junge Ehepaar sagt da schon mal Nein, sieht ja furchtbar aus. Eltern von Kindern sagen, das tu ich mir nicht auch noch an. Werktätige, die den ganzen Tag arbeiten, wollen abends nicht auch noch eine Vorgabe haben. Wer bleibt da eigentlich übrig, wie repräsentativ ist das denn? Das möchte ich mal so in den Raum stellen. Und wer entscheidet über das Wohl und Wehe unserer Fernsehlandschaft? Ich finde gerade die Öffentlich-rechtlichen Anstalten sollten sich davon nicht so abhängig machen. Wir sollten viel mehr über den Zaun schauen und mutiger werden. Eine Serie wie zum Beispiel „Sherlock“ lief anfangs auch nicht so besonders in der BBC. Die ging dann erst ab, als die jungen Leute die DVDs gekauft haben. Und dann wurde sie weiter produziert fürs Fernsehen.

Ist das deutsche Fernsehen dafür zu...

… behäbig? Ja, schon, oder? Auf jeden Fall nicht mutig genug. Ich persönlich kann mich nicht beschweren. Die Redakteure, mit denen ich arbeite, zum Beispiel für den „Tatort“ und für „Der Dicke“, was künftig als „Die Kanzlei“ fortgeführt wird, sind großartig. Aber vielleicht gibt es einfach zu viele Bedenkenträger in unserer Branche.

Angenommen, Radio Bremen ist weiter mit Ihnen zufrieden: Wie lange würden Sie selbst denn gern die Inga Lürsen spielen?

Ich sage immer: So lange ich kann. Das beinhaltet erstens, dass man gesund bleibt und Lust dazu hat. Und zweitens, dass auch die Akzeptanz da ist. Wenn eins von beiden nicht funktioniert, ist Schluss. Aber Gott sei Dank haben wir ja alle einen Beruf, der keine Deadline hat. Wenn die Angebote kommen und die Bücher weiter gut sind, kann man das ewig machen. Was einen auch angstfrei macht.

Sie feiern ja nicht nur den 30. Tatort. Eine Woche davor gibt es noch ein anderes Jubiläum...

Es gibt überhaupt kein Jubiläum! Das wird ignoriert.

Keine Angst vor dem Rentenalter?

Iwo. Sehen Sie sich doch Hannelore Hoger an, Iris Berben, Hannelore Elsner, Senta Berger. Das sind doch alles tolle Frauen. Und alle sind noch gut im Geschäft. Wenn man es bis Mitte 40 geschafft hat, sich in dem doch sehr harten Gewerbe über Wasser zu halten, dann kehrt auch eine gewisse Gelassenheit ein. Man verliert auch die Panik, die man hatte, als man jung war. Wo man noch Angst hatte, ob man damit je seinen Lebensunterhalt bestreiten kann. Irgendwann fällt das von einem ab. Da wird man demütiger. Ich habe meinen Mann verloren, als er 52 war. Das war ganz furchtbar, so ein Verlust begleitet einen das ganze Leben. So lange es einem gut geht, sollte man sich darüber freuen und dankbar sein.

Hatten Sie damals überlegt, mit dem „Tatort“ aufzuhören?

Im Gegenteil. Das war damals ein Rettungsanker. Ich habe mich, soweit ich konnte, voll in die Arbeit gestürzt. Das tat gut. Und es war gut, dass es der „Tatort“ war. Komödien hätte ich zu dieser Zeit sicher nicht spielen können.

Ist die Frage, wie lange man noch spielen kann, womöglich eine, die man wieder nur Frauen stellt? Während man sich nicht wundert, wenn ein Götz George noch mit 70 Türen eintritt?

Glaube ich nicht. Bei den Männern kommt der Einschnitt auch, aber ein wenig später. Das Fernsehen ist ein innovatives Medium, das muss sich ständig erneuern. Da müssen auch Jüngere rankommen. Ich wundere mich allerdings, dass der „Tatort“ so hohe Quoten hat. Denn die jungen Leute, die ich kenne, schauen doch alle gar kein Fernsehen mehr. Die gucken Internet, laden das runter und beamen es auf die Wand, wenn sie Zeit haben. Schwierig finde ich, dass man gerade auf diese sogenannte Zielgruppe schielt.

Ihr Sohn tut es auch nicht?

Wenn der mal gerade in den Semesterferien zu Besuch ist, setzt er sich vielleicht mit dazu. Aber von sich aus? Diese Generation schlägt nicht die Programmzeitschrift auf, um zu entscheiden, was man abends macht.

Plaudern Sie mal aus dem Nähkästchen: Kennen sich „Tatort“-Darsteller eigentlich untereinander? Tauscht man sich auch aus?

Nein. Eigentlich nicht. Das ist ein bisschen schade. Wir kennen uns. Wir treffen uns aber nur, wenn mal ein Tatort-Jubiläum gefeiert wird. Oder man kennt sich aus früheren Zeiten und anderen Filmen. Aber wir werden selten zusammen besetzt. Was schade ist.

Fühlt man sich als Konkurrenz? Viele sagen ja am liebsten gar nichts über andere „Tatort“-Kollegen.

Ach, das ist doch auch irgendwie verkrampft. Wir spielen doch alle in der obersten Liga mit. Dass es mal bessere oder nicht so gute Tatorte gibt, ist normal. Das liegt im Gesetz der Serie. Aber die Kollegen sind doch alle gut. Ich bin sowieso ein neidfreier Mensch.

Ihre Kommissarin Inga Lürsen ist ja stets recht schlecht gelaunt. So wie Sie mir jetzt begegnen, sind Sie das völlige Gegenteil. Ist das nicht enervierend, immer so launisch spielen zu müssen?

(lacht) Ist sie das? Es gibt schon eine Menge Kommissaren, die Selbstverweigerer sind, die freudlos durch ihr Leben ziehen. Aber man spielt ja auch lieber das, was man nicht ist. Bei unseren Bremer Folgen hat der Fall ja glücklicherweise immer einen größeren Stellenwert als das Privatleben. Wir Kommissare treten da auch mal ganz uneitel in die zweite Reihe. Ich glaube, das ist auch ein Grund, warum wir uns so lange so gut halten konnten. Niemand möchte sich jahrzehntelang erzählen lassen, dass Inga Lürsen gern Rotwein trinkt und wieder allein ist. Stattdessen greifen wir gern aktuelle, auch politische Stoffe auf, und die sind gut recherchiert. Dafür ist der kleine Bremer Tatort ja inzwischen bekannt. Bei einem Krimi muss es meiner Meinung nach immer um ein Verbrechen gehen. Und nicht primär um den Ermittler.

Wir sprechen hier in der Bremer Landesvertretung. Gibt es bei Ihnen eine echte Verbundenheit mit dieser Stadt?

O ja. Ich weiß genau, wann ich das erste Mal dort gearbeitet habe, weil mein Sohn gerade geboren war. 1992 habe ich da mit „Nicht von schlechten Eltern“ angefangen. Damals habe ich auch da gewohnt. Und dann ging das ja nahtlos über in den „Tatort“. Nach zahllosen Staffeln hat der Sender sich überlegt, in die Tatort-Reihe einzusteigen. Und hat dann mich gefragt.

Wenn man so ein Gesicht für eine Stadt wird, wie wird man dort behandelt? Wie gehen Sie in Bremen durch die Stadt?

Das ist rührend. Ich bin da Ehrenkommissarin. Ich habe viele Ehrungen bekommen. Das Schönste ist aber, dass einen dort alle ansprechen, und so liebevoll: „Schön, dass Sie wieder da sind. Wo drehen Sie denn gerade?“ Man fühlt sich da von einer großen Sympathie getragen.

Ihr Lieblingssportverein, heißt es, ist Werder Bremen. Stimmt das oder muss man das sagen?

Nein, das stimmt schon. Ich hatte für Fußball bis dahin nie eine Affinität. Aber dann wurden mir hat Thomas Schaaf, mit dem ich Botschafter im Verein für das Zentrum für trauernde Kinder in Bremen bin, mal Tickets besorgt. Ich bin da aus Höflichkeit mit und habe plötzlich mein Herz für Fußball entdeckt. Ich muss aber ehrlich gestehen, dass ich als Kölner auch FC-Fan bin. Und ich bin sehr begeistert, dass wir jetzt wieder aufgestiegen sind.

Tatort: Alle meine Jungs am 18. Mai 2014, ARD, 20.15 Uhr

Foto: Radio Bremen / Radio Bremen/J rg Landsberg