Impfkampagne

Drosten kritisiert Astrazeneca-Impfstopp - und warnt

| Lesedauer: 6 Minuten
Astrazeneca-Impfstopp: "Der Impfstoff hat so etwas wie einen Fluch"

Astrazeneca-Impfstopp: "Der Impfstoff hat so etwas wie einen Fluch"

Deutschland ist eines von mehr als einem Dutzend Ländern, die nach Berichten über schwere Blutgerinnsel nach einer Astrazeneca-Impfung den Einsatz des Corona-Vakzins ausgesetzt haben. Das Vertrauen in den Impfstoff dürfte weiter darunter leiden.

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Ist das Aussetzen der Impfungen mit Astrazeneca richtig? In seinem Podcast erklärt Christian Drosten, was der Stopp für Folgen hat.

Berlin. 
  • Christian Drosten hat davor gewarnt, die Astrazeneca-Impfungen überstürzt auszusetzen
  • Der Virologe betont aber auch: Eine Untersuchung der nach der Impfung aufgetretenen Hirnvenenthrombose-Fälle sei sinnvoll
  • Angesichts steigender Corona-Zahlen warnt Drosten vor der dritten Welle zu Ostern und Fallzahlen wie vor Weihnachten

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat am Montagnachmittag die Impfungen mit dem Vakzin von Astrazeneca in Deutschland vorerst gestoppt – eine Vorsichtsnahme. Der Grund: Bei sieben Personen waren Hirnvenenthrombosen in zeitlichem Zusammenhang mit der Impfung aufgetreten, drei davon tödlich. Spahn folgte mit der Entscheidung einer Empfehlung des Paul-Ehrlich-Instituts. Ob es tatsächlich einen ursächlichen Zusammenhang mit der Impfung gibt, ist unklar.

Zum Vorgehen der Bundesregierung gibt es geteilte Meinungen. Viele Experten glauben aber, dass der Impf-Stopp erhebliche Folgen für den weiteren Verlauf der Pandemie in Deutschland haben wird. Auch der Virologe Christian Drosten sieht das so. In der aktuellen Situation müsste man ein mögliches Risiko in Zusammenhang mit der Impfung auch immer im Verhältnis zum Risiko einer Corona-Erkrankung zu betrachten. Das sagte er in seinem NDR-Podcast „Coronavirus-Update“.

Drosten bedauert Impf-Stopp angesichts der dritten Welle

Eine Impfung gegen das Coronavirus sei immer die bessere Wahl. „Eine natürlich Infektion mit diesem Virus ist immer um hundertfache Werte schlimmer“, so Drosten. Man müsse die Berichte über das Auftreten von Sinusvenenthrombosen zwar unbedingt ernst nehmen und untersuchen. Doch die überstürzte Aussetzung der Astrazeneca-Impfungen sieht der Charité-Wissenschaftler kritisch.

Das ist der Coronavirus-Experte Christian Drosten
Das ist der Coronavirus-Experte Christian Drosten

Angesichts der anrollenden dritten Corona-Welle in Deutschland bedauert Drosten geradezu den Impf-Stopp und die knapperen Lieferzusagen des britisch schwedischen Unternehmens. Im Moment solle man vor allem daran denken, „dass wir diese Impfung brauchen“. Epidemiologisch gesehen sei Deutschland gerade nicht in der Lage, auf Astrazeneca zu verzichten: „Es ist jetzt keine Situation in der man leichtfertig sagen kann, wir setzen jetzt die Verwendung einfach mal aus – wegen einer möglichen Komplikation die im Verhältnis 1:100.000 oder noch viel seltener auftritt“, so Drosten. Lesen Sie hier: Christian Drosten widersprach im vergangenen Podcast einer gängigen Einschätzung zu Astrazeneca.

Ohne das Paul-Ehrlich-Institut beim Namen zu nennen, kritisierte Drosten die „Behörden“ scharf. Es sei zwar richtig, dass bei der Impfstoff-Sicherheit kein Auge zugedrückt werde. „Dennoch ist es ja eine andere Ebene, wenn die Behörde kein Auge zudrückt und stur empfiehlt, als gäbe es aktuell keine Pandemie.“ Problematisch sei auch, was die Politik daraus ableite. Spätestens dort hätte man zwischen den sehr selten auftretenden Komplikationen und dem medizinischen Kollateralschaden, der durch das Nicht-Impfen entstehe, abwägen müssen, findet Drosten.

Lesen Sie auch: Welche Länder die Impfung mit Astrazeneca gestoppt haben

Drosten zu Astrazeneca: Das könnte die Ursache für Thrombosen sein

Für nicht normale Blutgerinnungen gebe es verschiedene Ursachen. Hier müsse bei jeder einzelnen Person geforscht werden. Die Genetik könne hier eine Rolle spielen, aber auch die Einnahme der Antibabypille, eine Entzündung oder eine unerkannte Tumorerkrankung. Statistisch gesehen neigen Frauen, vor allem jüngeren oder mittleren Alters, auch unabhängig von Impfungen eher zu Thrombosen, so Drosten. Da mit Astrazeneca zuletzt vor allem Medizin- und Pflegepersonal geimpft wurde, müsste überprüft werden, ob bei den Fällen mit Hirnvenenthrombose derartige Risikofaktoren eine Rolle gespielt hätten.

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Prof. Dr. Christian Drosten - Infos zum Virologen

  • 2003 war Drosten einer der Entdecker des Sars-Virus
  • Von 2007 bis 2017 war er Leiter der Virologie in Bonn, seit 2017 arbeitet er an der Charité in Berlin. Er leitet dort das Institut für Virologie
  • Drosten wurde bereits mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet

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In England, wo die Impfungen mit Astrazeneca sehr viel früher begonnen haben als in Deutschland, wurde die Verwendung des Vakzins nicht ausgesetzt. Hier seien statistisch gesehen Thrombose-Erkrankungen nicht häufiger aufgetreten als in der Normalbevölkerung. Zudem kam der Impfstoff von Anfang an bei älteren Menschen zum Einsatz. Bei dieser Gruppe würden Thrombosen grundsätzlich seltener auftreten, erläuterte Drosten.

Drosten-Podcast: Astrazeneca besser bei Älteren einsetzen?

In Deutschland aber sei Astrazeneca zunächst nicht an die Älteren, sondern an Jüngere in besonders gefährdeten Berufsgruppen verimpft worden. „Es könnte sein, dass das die Statistik färbt.“ Rechne man diesen Umstand mit ein, könne es sein, so mutmaßt Drosten, dass die Thrombosen auch in Deutschland gar nicht häufiger aufträten.

Man könne daher auch zu dem Schluss kommen, Astrazeneca – anders als zu Beginn der Impfkampagne – verstärkt bei der älteren Gruppe einzusetzen. Das müssten nicht nur Über-80-Jährige sein, die inzwischen schon zu einem großen Teil geimpft seien, sondern etwas jüngere Menschen. „Die brauchen unbedingt Impfschutz“, sagte Drosten.

Drosten: Für eine Altersgruppe ist die dritte Welle besonders gefährlich

Drosten warnte davor, dass sich schon nach Ostern die Zahl der Neuinfektionen auf oder über dem Niveau von Weihnachten bewegen könnte. Zu ähnlichen Ergebnisse war auch eine aktuelle Prognose des Robert Koch-Instituts (RKI) gekommen. Demnach könnte die Inzidenz in Deutschland nach dem Osterfest um die 300 liegen könnte. Die Prognose zeige, „dass diese Sichtweise keine Fantasie von einzelnen Professorinnen und Professoren ist, sondern dass das die amtliche Auffassung ist von dem, was uns in den nächsten Wochen bevorsteht“, so Drosten.

Die Corona-Lage werde sich dann im weiteren Verlauf wegen der Ausbreitung der Mutante „drastisch erschweren“. Durch die Aussetzung der Astrazeneca-Impfung werden viele Menschen erneut nicht vor einer Infektion geschützt sein. Es gebe zum Beispiel sehr viele 60- bis 70-Jährige in Deutschland, die meist noch nicht geimpft wurden, sagte Drosten. Die dritte Welle stellt für diese Gruppe ein hohes gesundheitliches Risiko dar: „Gerade in diesen Jahrgängen wird es um und nach Ostern brenzlig werden.“

Auch die aus Drostens Sicht unheimlich wichtige Einbeziehung der Hausarztpraxen bei den Corona-Impfungen wird sich nun verzögern, da dafür der Astrazeneca-Impfstoff verfügbar sein muss. Bisher ist dies das einzige Vakzin, dass Deutschland geliefert bekommen hat, das bei normalen Kühlschranktemperaturen transportiert und gelagert werden kann.

(bml/jb)

Corona-Podcast mit Drosten: Darum ging es in den vergangenen Folgen