Gleichstellung

Französische Gemeinde sagt Adieu zur Mademoiselle

Frankreichs Feministinnen wollen das "Fräulein" abschaffen – die erste Gemeinde verbietet es. In den USA und Deutschland sind ähnliche Begriffe seit den 70ern tabu.

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Es ist nur ein kleines Kästchen, das künftig auf amtlichen Formularen fehlt, aber ein großer Sieg für französische Feministinnen: Cesson-Sévigné, eine kleine Gemeinde nahe Rennes in der Bretagne, hat als erste Kommune des Landes die „Mademoiselle“ abgeschafft. Seit dem 1. Januar 2012 gibt es auf allen Behördenschreiben nur noch die Unterscheidung zwischen „Monsieur“ und „Madame“ – „Herr“ oder „Frau“ also, ohne die dritte Option „Fräulein“.

Um jenes Wort tobt in Frankreich seit Monaten eine Art Kulturkrieg. An der Spitze des Feldzugs stehen engagierte Bürgerinnen mit der Rückendeckung von Roselyne Bachelot, Ministerin für Solidarität, die jene – ihrer Ansicht nach – diskriminierende Anrede vollends abschaffen wollen. Und wenn es nach den Feministinnen geht, ist Cesson-Sévigné erst der Anfang: Ein mademoisellefreies Frankreich soll her.

Weshalb die ganze Aufregung? „Mademoiselle“, so kritisieren die Initiatorinnen der Kampagne, sei weder charmant noch schmeichelnd, sondern schlicht sexistisch. Es gehe niemanden etwas an, ob eine Französin unverheiratet, geschieden, ledig, Jungfrau oder Witwe sei – trotzdem werde jede Frau dazu gezwungen, diese Information (zumindest im weitesten Sinne) preiszugeben.

Diskriminierung von weiblichen Singles

„Haben Sie sich nie gefragt, warum ein alleinstehender Mann nicht ‚Herrlein‘ genannt wird? Kein Wunder, diese Unterscheidung bleibt den Frauen vorbehalten…“, empören sich die Feministinnen auf ihrer Internetseite. Der versteckten Diskriminierung, die Frauen im Alltag erdulden müssten, solle jetzt endlich ein Ende gemacht werden – und das Privatleben entsprechend privat bleiben.

Privat ist vielleicht ein gutes Stichwort. Denn, da können die Feministinnen noch so sehr schäumen, aus dem französischen Alltag ist „Mademoiselle“ noch schwieriger wegzudenken als von Behördenformularen.

Ob im Supermarkt, an der Hotelrezeption oder im Straßencafé: Überall werden junge Frauen mit der vielleicht etwas altmodischen, aber irgendwie doch sehr charmanten Anrede begrüßt. Dass manche Franzosen befürchten, mit dem schleichenden Verbot ein Stück Kulturgut aufs Spiel zu setzen, ist daher verständlich.

Dabei ist der richtige Gebrauch eine Kunst für sich. Man stelle sich etwa vor, eine junge Frau betritt mit ihrem Begleiter ein Restaurant – wie soll der Kellner sich an die Dame wenden? Sagt er ungefragt „Madame“, setzt er kühn voraus, die beiden seien verheiratet; belässt er es dagegen bei „Mademoiselle“, stuft er sie ungefragt als Single ein – was den Mann an ihrer Seite leicht verdrießen könnte.

Überdies: Eine Frau kann das „Mademoiselle“ je nach Alter und Temperament als Kompliment an ihr jugendliches Aussehen oder als Unverschämtheit auffassen – dann nämlich, wenn sie als erwachsene Frau und nicht als unreifer Backfisch gesehen werden möchte.

Fräulein gehört auch der Vergangenheit an

Auch ohne Sexismus birgt „Mademoiselle“ also jede Menge sozialen Sprengstoff; und etymologisch betrachtet – Ma-demoiselle stammt vom lateinischen „dominicella“ ab, dem Diminutiv von „domina“, der Hausdame also – lässt sich die unterdrückte gesellschaftliche Stellung der Demoisellen schon an ihren sprachlichen Wurzeln ablesen.

Abgesehen davon pochen Frankreichs Feministinnen darauf, dass die Bezeichnung „Fräulein“ in Ländern wie den USA, Portugal oder Dänemark schon in den 1970er-Jahren abgeschafft worden oder in Vergessenheit geraten ist – und „Made?moiselle“ in Québec, dem französischsprachigen Teil Kanadas, für Frauen gar als grobe Beleidigung gilt.

In Deutschland ist der Gebrauch des Wortes „Fräulein“ auf Behördenformularen übrigens schon seit 1972 tabu. Damals ordnete das Bundesinnenministerium an, volljährige Frauen auch als solche zu bezeichnen. Völlig zu Recht, möchte man sagen, war die Anrede doch schon zu jenem Zeitpunkt nicht nur arg bieder, sondern auch für keine Frau mehr schmeichelhaft – Fräulein, dazu fällt einem im deutschsprachigen Raum spontan bestenfalls das Fräulein Rottenmeier ein, die gestrenge Gouvernante aus den „Heidi“-Büchern.

Was die Feministinnen hierzulande zudem wirklich stören musste, war nicht nur der Diminutiv, sondern die Versachlichung zum Neutrum. Welche Frau lässt sich schon gerne als kleines Ding titulieren?

Coco Chanel als ungekrönte Königin

Ganz anders dagegen sieht es im frankofonen Kulturkreis aus. Dort ist „Mademoiselle“ nicht nur um einiges melodiöser, sondern wird auch mit landeseigenen Ikonen verbunden.

Man denke nur an Coco Chanel, die große Modeschöpferin, die Zeit ihres Lebens unverheiratet blieb und sich auch stets entsprechend anreden ließ. Als ihr Leben vor drei Jahren erneut verfilmt wurde, übernahm Audrey Tautou die Hauptrolle: Frankreichs Schauspielstar seit der „Fabelhaften Welt der Amélie“ und – daran wird kein Verbot je etwas ändern – eine echte „Mademoiselle“.

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