Nach dem Beben

Mein Leben mit der japanischen Katastrophe

Unser heutiger USA-Korrespondent hat sieben Jahre in Japan gelebt und dort seine Frau kennengelernt. Hier schildert er, wie er die Zeit seit der Katastrophe erlebte.

Seit sechs Uhr früh amerikanischer Ostküstenzeit am Samstag, dem 12. März, beginne ich zum ersten Mal zu begreifen, wie sich "Auf-der-Seele-Brennen" anfühlt. Zeitverzögert wie durch eine Lupe brannten sich die ersten Bilder samt ihrer Tonspur ein. All die Beschwichtigungen, die offiziellen wie die selbst beschworenen – "nur" 40 Tote, ein Beben weit von Tokio, nicht "The Big One" also –, verstummten vor dem immer größeren Schrecken.

Ich dachte an Kobe, das Beben am 17. Januar 1995, über das ich berichtet hatte. Es kostete 5500 Menschen das Leben und ließ Japans Turmbau der erdbebensicheren Überlegenheit einstürzen.

Japans Ingenieure beugten damals den Rücken in Demut, sie hatten sich und allen etwas vorgemacht. Die tagelange Hilflosigkeit der Behörden grenzte an fahrlässige Tötung. Ich sah verängstigte Büroangestellte, die in abgerissenen Mänteln und Baseballkappen im Rinnstein knieten, um aus Pfützen Wasser zum Kochen zu schöpfen.

Ich und die Welt starrten auf einen Hochtechnologiestaat, der ins Mittelalter zurückgestoßen wurde. Die schrecklichen Bilder sind lebendig und vernarbt in mir. Es schien nach Kobe unmöglich, aus der Katastrophe keine Lehren zu ziehen.

Der Schmerz seit "3/11"

Der Schmerz auf der brennenden Seele ist seit jenen Morgenstunden nach Japans "3/11" nicht zu lindern. Allenfalls zu betäuben durch Arbeit oder Wein. Auch die kurzen atemlosen Anrufe, die Zählappelle, die Freunde und die Familie meiner Frau in Tokio vollzählig und unversehrt fanden, brachten nur kurz Erleichterung. Inzwischen weiß ich, dass mir und meiner Familie widerfährt, was ich eigentlich für eine pathetische Redensart hielt: Wir leiden mit einem Land und seinen Menschen.

Und dabei bin ich stolz wie Hiroki Azuma. Der Professor von Tokios Waseda-Universität verfasste für die "New York Times" einen Text, in dem ich mich erkannte, obwohl er für sein Volk sprach: "Zur Abwechslung stolz, Japaner zu sein" war der Text überschrieben. "Vor dem Beben war Japan eine eingeschüchterte Nation. Die Menschen erwarteten nichts von ihr, und die gegenseitige Hilfe zwischen den Generationen und in den lokalen Gemeinschaften begann zu zerfallen."

Zögernd und selbstsüchtig seien sie gewesen. Es flöße ihm zum ersten Mal Nationalstolz ein, wie die Japaner nun um ihre Nation kämpften. "Als seien sie ein anderes Volk." In den Netzdebatten lese er schon Warnungen vor einem wiedererstarkenden Nationalismus, notiert Azuma. Welch ein Unsinn: alte linke Reflexe, die einmal ihren Sinn hatten, doch hier ins Leere zucken.

Geliehener Stolz auf Japan

So bekenne ich meinen geliehenen Stolz auf ein Land, das mich von 1990 bis 1997 aufnahm und mir, widerstrebend und skeptisch, sogar eine seiner Bürgerinnen zur Ehefrau anvertraute. Unsere drei Töchter, zwei in Tokio geboren, sprechen, schreiben, lesen, singen, scherzen, lieben Japanisch. Die Muttersprache ist wohl die am tiefsten verankerte, neben Schuldeutsch und coolem Amerikanisch. An jedem Samstag besuchen sie in Washington ganztägig eine japanische Schule, die neben der Sprache auch Landeskunde und Mathematik anbietet und schwere Hausaufgaben vergibt.

Die Mädchen arbeiten neben Kindern aus japanischen Familien, die sich warmlaufen, zurückkehren in ihre Heimat. Unsere Mädchen sind politisch unkorrekt und umgangssprachlich "halfu", halbe Japaner. Seit den 90er-Jahren habe ich es mir zur Gewohnheit gemacht, die Herablassung in dem Begriff sofort umzukehren: "Double", korrigiere ich, doppelt seien meine Kinder. Und ernte ein Nicken und ein beschämtes Lächeln.

Am Samstag fanden an der Japanischen Schule in Washington wie überall in Japan die Zeugniszeremonien zum Schuljahresende statt. Mit Fahne, Hymne, Reden, diesmal mit Trauer. CNN wollte kommen, was im Vorstand für Aufregung sorgte. Am Samstag direkt nach der Katastrophe waren Kinder, Eltern, Lehrer beklommen zusammengekommen. Die Gespräche waren halblaut, die Verbeugungen tiefer; manchmal sah man Mütter einander halbwegs umarmen, ein Tabubruch in der japanischen Körpersprache.

Ein weit größeres Tabuvergehen, eine Ungezogenheit, die sich nur Ausländer wie ich leisten können, ist es allerdings, seine Ehefrau und seine Kinder zu loben. In den vornehmen Zeiten, als japanische Umgangsformen noch nicht westlich verwässert waren, pflegten Gebildete gegenüber Gästen ihre Kinder und Ehegatten zu erniedrigen, als seien sie im Haus geduldetes Vieh. Diese guten Manieren sterben aus. Dennoch erbitte ich die Nachsicht und Verzeihung des Lesers, wenn ich hier mitteile, dass ich unsere Mädels für ihre Loyalität und Liebe zum Japanischen bewundere. Naturgemäß würde ich das nie offen zugeben.


Die Jungen tragen die Alten jetzt auf dem Rücken

Wenn Hiroki Azuma recht behält – und ich hoffe inständig mit ihm –, könnte das Grauen ein neues Selbstwertgefühl und einen neuen Gemeinsinn stiften. Wenn die ersten Zeichen aus den Krisengebieten nicht täuschen, halten sich nämlich auch die Jungen in der Not fabelhaft. Sie werden von Alten schlechtgeredet, wie es in jeder Nation und in jeder Epoche töricht ist und unwiderstehlich. Sie taugten nichts, heißt es, sie seien weich, verwöhnt, asoziale Hightechfreaks, die in ihren zugemüllten Zimmern hausten wie Neandertaler und zu nichts nutze seien. Diese Geschmähten beweisen sich jetzt, sie tragen Alte auf den Rücken, sie teilen Reis und Wasser und Futons mit ihnen.

Sie werden sich bewähren, ich habe daran keinen Zweifel, und sie werden überrascht sein von sich selbst. Umgekehrt kann die Gerontokratie Japans, die den Jungen oft die Luft zum Atmen nimmt und zugleich über Kinderarmut weint, beginnen, an ein Leben Japans nach ihrem Tod zu glauben. Es liegt eine großartige Chance in dem Leiden.

Seit dem Beben sendet NHK, das öffentlich-rechtliche Fernsehen Japans, sein Programm gratis über Satellit in alle Welt. Es ist für uns in Washington ein Segen, unser Wissen aus direkten Quellen zu beziehen. Und eine Qual. Zumindest für ungeduldige Westmenschen wie mich ist es quälend, Pressekonferenzen, Sondersendungen, Politikerreden durchzustehen, die sich in Floskeln und Kleinkram zu verlieren scheinen, statt große Worte zu finden für große Dinge.

Würde, Selbstkontrolle, Gedämpftheit in Sprache wie Gestus, die uns in den Bildern aus dem Krisengebiet so beeindrucken, wirken stur und leidenschaftslos, wenn Bürokraten ihre Bekanntmachungen vom Blatt lesen. Lange vergessener Zorn, der in meinen Japanjahren zum Alltag gehörte, steigt wieder empor: Ich spotte über die albernen blauen Overalls, in die sich alle Politiker und Beamten von Rang werfen, um zu beweisen, wie einsatzbereit sie sind; das weitschweifige Ablenken von den harten Fragen; die ganze umtriebig stillstehende Show bringt mich wieder zu wüsten Verfluchungen.

Sie halfen damals nicht, sie helfen heute nichts. Meine Frau schüttelt lächelnd den Kopf, beeindruckt, dass ich mich nach so vielen Jahren der Japannähe so sinnlos über immer dasselbe aufregen kann.

Japan braucht uns nicht, um gedeutet und studiert zu werden. Keine andere Nation produziert so viel Selbstdeutungsliteratur wie dieser Archipel, dessen Faszination mit seiner geheimnisvollen Einmaligkeit niemals erlischt. Wer wäre ich, da mittun zu wollen? Im Laufe der Jahre habe ich meinen Teil zur Exegese der großen Japannarration geleistet: Ich schrieb über die weiche, umarmende Initiative und Wachstum würgende Mutter Staat. So wie das nationalistische Kaiserreich in den 30er- und 40er-Jahren seine inneren Feinde, Kommunisten, liberale Lehrer und andere Kaiseruntreue lieber umerziehen als hinrichten ließ, so fürsorglich kümmert sich der Staat noch in der Demokratie um das Volk.

Gegen weiche Panzerung gibt es wenige Waffen. Aus vielen bedauernswerten Gründen, die hier nicht zu erörtern sind, haben die Japaner selten die politischen Führer, die sie verdienen und dringend bräuchten, um sich aus ihrer Grube des "Verlorenen Jahrzehnts" zu arbeiten.

Japan hat keine Beschützer nötig

Mit dem offiziellen Japan hatte ich in den Neunzigern meine Händel. Das Außenamt in Tokio war selten glücklich mit mir; zu subjektiv, zu frech, ja zu undankbar gegen mein Gastland verhielte ich mich, wurde mir bedeutet. Meine Ehe mit einer Landestochter schützte mich vor dem Verdacht des Rassismus.

In Deutschland gab es manche Japanliebhaber von Rang und eminentem Wissen, die mir meine Wut verargten, wenn die Regierung wieder einmal Unleugbares aus der aggressiven Vergangenheit leugnete. Es fehle mir an Respekt, Anstand, ging die Klage, vom Sachwissen zu schweigen.

Da meine Ehe mit einer Frau der von mir offenbar verabscheuten japanischen Rasse nicht bekannt war, wurde ich als Rassist enttarnt. Sei es drum. Ich habe nie verstanden, warum die (damals) zweitgrößte Industrienation, die um 1990 noch strotzte vor Selbst- und Sendungsbewusstsein, zu behandeln sei wie eine Kirschblüte, die vor dem Tod zu schützen ist: Ach, so schön, so zart und unverstanden. Japan hat solche Beschützer nicht nötig.

"Japan kann pathetisch machen", schrieb ich in meinem Abschiedsstück nach bald sieben Jahren, erschienen am 7. Februar 1997 in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". "Es verleitet zur Rührseligkeit und, je nach Jahr und Tag, zu einer Verzweiflung, die nach Rache schreit… man sollte in Quarantäne bleiben und nicht schreiben an solchen Tagen." Japan kann überspannt machen. Damals erwischte ich mich dabei, wie ich begann, ständig Entschuldigungen im Mund zu führen, mich am Telefon zu verbeugen, Unterwerfungszeichen mit den geöffneten Händen, um mich aufzurichten.

Doch ging ich nie so weit wie der Schriftsteller und Lehrer Walter Vogel, ein bekennender Masochist. Er glaubte, Japan sei für einen Europäer "die größte Lebendbestattung der Welt". Nur wer in sich gespalten sei, könne dort halbwegs normal bleiben.

Beredter skizzierte Friedrich Sieburg 1939 nach einer kurzen Japanreise den Nationalcharakter: "Wo sie für raffiniert und überzüchtet gehalten werden, da brechen sie plötzlich mit ihrer Entschlusskraft und starren Planmäßigkeit hervor; wo sie für unbeugsam und gradlinig gelten, überraschen sie jäh durch ihre Geschmeidigkeit und verschwinden im Helldunkel ihres unbestimmten Zögerns." Sieburgs von der Zeit aufgedrängte Irrtümer und seine etwas saure "Blu Bo"-Verzückung verblassen hinter seiner Beobachtungsgabe und Sprachgewalt.

Japans Gastfreundschaft kennt keine Grenzen

Als ich in Japan lebte, der Sprache nur mangelhaft kundig und verwöhnt von der nachsichtigen Gastfreundschaft, die kein Maß kennt, fragte man mich oft, wann ich wohl wieder in meine Heimat zurückkehren wollte. Dass der Tag kommen würde, dass ich mit Frau und Kindern ihre Inseln verlassen würde, stand für jeden fest. In diesen schlimmen Tagen, da die Ausländer, auch Journalisten, vor der Strahlengefahr aus Tokio fliehen, scheinen die Wünsche der Freunde und Nachbarn seitenverkehrt: "Sie werden doch wiederkommen, nicht wahr?" In der Not verlässt man seinen Posten und seine Studienobjekte nicht, will das sagen.

Es gibt keine großzügigeren Gastgeber und keine treueren Freunde: für den, der selbst treu ist und Japan nie durch Gleichgültigkeit und Vernachlässigung verrät. Es hat mich tief beeindruckt, in welch hohem Ansehen zwei deutsche Politiker und Japankenner noch Jahrzehnte nach ihrer aktiven Zeit in Japan gehalten wurden. Helmut Schmidt und Otto Graf Lambsdorff bekamen als greise Männer ohne Amt jeden japanischen Premierminister zu sehen, wenn sie es wünschten, und alle Ehren.

Die treue, aufrichtige Freundschaft der Nationen braucht Japan mehr als Geld in den kommenden Wochen. Es hat Freundschaft verdient, nicht nur mit Entwicklungshilfe, Bündnissen und Abkommen. Sondern durch das Vorbild seiner Zivilisiertheit, seiner Ästhetik, seiner nationalen Würde. So trauern wir und hoffen. So verneigen wir uns und frohlocken mit jeder guten Nachricht. So versuchen wir, Treue zu halten.