Fukushima-Ingenieur

"Größere Verstrahlung als bei Tschernobyl möglich"

Peter Thiemann baute die Motoren für die Kühlung des Kraftwerks in Fukushima. Der Ingenieur über das Risiko eines Super-GAUs.

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Peter Thiemann, ein deutscher Ingenieur, hat die Motoren für die Kühlanlagen des Atomkraftwerks in Fukushima gebaut – genau die Aggregate also, die jetzt so dringend gebraucht würden, um die Brennstäbe wieder kühlen zu können. Heute fotografiert er Wölfe in der Wildnis, in den Siskiyou-Bergen in Oregon in den Vereinigten Staaten.

Seine Zeit in Fukushima und im Kernkraftwerk liegt für den heute 70-Jährigen, der in Norddeutschland aufwuchs und dann in die USA ging, weit zurück. Doch daran, wie er in den 70er-Jahren an dem Atomkraftwerk in Japan, dem heute der Super-GAU droht, mitgearbeitet hat, kann er sich noch gut erinnern. Es dürfte nicht viele Menschen in der westlichen Welt geben, die sich derzeit so gut vorstellen können, was innerhalb der verwüsteten Mauern der Anlagen in Fukushima abläuft.

Morgenpost Online: Herr Thiemann, wie waren Sie damals am Bau des Fukushima-Kernkraftwerks beteiligt?

Peter Thiemann: Ich war als Entwicklungsingenieur in der Abteilung für Atomkraftanlagen von General Electric in San José in Kalifornien angestellt. Dort war ich für die technische Planung von sechs großen elektrischen Induktionsmotoren verantwortlich, die als Antrieb für die sechs sicherheitstechnischen Notfallpumpen genutzt wurden, die für die Kühlung des Reaktorkerns sorgen sollten. Es sind genau die Motoren, die jetzt gebraucht werden, um die Atomkraftwerke dort zu retten und Fukushima vor einer atomaren Katastrophe zu bewahren.

Morgenpost Online: Wie schätzen Sie die Lage dort ein?

Thiemann: Die Situation in Fukushima ist sehr ernst, keine Frage, und extrem gefährlich für die Arbeiter im Atomkraftwerk und die Menschen, die dort in der unmittelbaren Umgebung leben.

Morgenpost Online: Wurde Fukushima Ihrer Meinung nach damals ausreichend sicher gebaut?

Thiemann: Von General Electric waren wir in den 70er-Jahren angewiesen, die atomaren Anlagen so zu entwickeln, dass sie einem Erdbeben der Stärke 8,2 standhalten würden. Das Sendai-Erdbeben hat jetzt eine Stärke von 9,0 auf der Richterskala erreicht. Das entspricht einer acht Mal so starken Bodenbeschleunigung wie bei dem Modell-Erdbeben, das wir für General Electric damals berechnet hatten. Und wie man heute sehen kann: Die meisten, wenn nicht sogar alle atomaren Anlagen in Fukushima haben einem Erdbeben standgehalten, das acht Mal so stark war wie das, das wir damals modellhaft berechnet hatten. Es war die Tsunami-Welle, die die Diesel-Stromaggregate ausfallen ließ.

Morgenpost Online: Denken Sie, dass die japanische Regierung schon lange vorher wusste, wie sehr Fukushima bei einer Katastrophe gefährdet werden würde?

Thiemann: Die amerikanische Regierung hat die japanische Regierung erst kürzlich darüber informiert, dass die Atomkraftwerke in hoch seismischen Zonen, wie denen in Fukushima, wahrscheinlich unsicher sind. Besonders die Werke, die bereits 30 oder 40 Jahre alt sind.

Morgenpost Online: Was können die japanischen Techniker noch tun, um die Motoren wieder in Gang zu bringen?

Thiemann: Wenn die Japaner es schaffen, wieder Strom auf diese 4000-Volt-Motoren zu bringen, könnte die Kühlung des Kerns wieder fortgesetzt werden. Diese Motoren und Steuerelemente haben ja noch gearbeitet nach dem Erdbeben. Es war erst der Tsunami, der sie zum Erliegen brachte.

Morgenpost Online: Ein realistisches Ziel?

Thiemann: Ja, es gibt noch eine Chance auf Rettung. Zuerst müssen sie dringend Wasser in den Kern der drei Reaktoren bekommen und das Wasserniveau in den sechs Brennstofflagerbecken halten. Dann müssen sie unbedingt wieder Strom herstellen, wenn nicht von innerhalb, dann von außen, um die Kühlsysteme wieder in Gang zu bringen. Es sind die Motoren, die die Restwärme beheben können. Also genau die Motoren, an denen ich gearbeitet habe.

Morgenpost Online: Ein Wettlauf gegen die Zeit. Gibt es etwas, was Sie anders gemacht hätten oder was noch nicht versucht wurde?

Thiemann: Ich war überrascht, dass die Japaner nicht vorausgesehen hatten, dass verbrauchter Brennstoff überhitzen würde, wenn das Wasser in den Brennstoffbecken sinkt. Es sind wirklich nur kleine Pumpen beziehungsweise Motoren notwendig, um wieder Wasser in diese „Schwimmbecken“ zu pumpen, das hoffentlich möglichst bald von Löschfahrzeugen oder Wasserwerfern kommt.

Morgenpost Online: Wissenschaftler sagen derzeit, dass von den radioaktiven Brennstofflagern in diesen Becken eine noch größere Gefahr ausgeht als vom Reaktor selbst.

Thiemann: Ja, die Brennstofflager haben ein größeres Potenzial, radioaktive Strahlung abzugeben, als die Reaktorbrennstäbe. Aus zwei Gründen: Verbrauchter Brennstoff kann in die Atmosphäre aufsteigen. Und er ist in größeren Mengen vorhanden.

Morgenpost Online: Wird Fukushima zu einem zweiten Tschernobyl?

Thiemann: Das ist schwer zu sagen. Etwas früher, Anfang der Woche, hätte ich das nicht für möglich gehalten, dass sich die Situation in Japan so ähnlich entwickeln würde wie in Tschernobyl. Schon allein deswegen, weil es in Tschernobyl nicht die Containments gab wie in den General-Electric-Atomkraftwerken.

Doch jetzt, nach sechs Tagen, in denen der Strom nicht wiederhergestellt werden konnte, muss ich meine Meinung ändern: Es besteht das Potenzial, dass die Freisetzung von radioaktiver Strahlung die von Tschernobyl sogar noch übersteigt. Anders als in Tschernobyl wird es keine Explosion geben, die große Mengen Strahlung in die Atmosphäre freisetzt, aber in Fukushima ist definitiv mehr atomares Material gelagert als in Tschernobyl.

Morgenpost Online: Wie groß schätzen Sie das Risiko für die Menschen ein?

Thiemann: Ich bin kein Strahlenexperte, und ich will darüber nicht spekulieren. Es gibt zumindest ein paar Anhaltspunkte und Informationen, dass sie es schaffen könnten, wieder elektrischen Strom herzustellen. Sobald die Atomkraftwerke wieder Anschluss an Strom haben, könnte die Gefahr für die Japaner und die Welt drastisch minimiert werden.