Sie nannten ihn "kleiner Japaner"

Russlands Unterwelt trauert um Mafia-Boss

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Manfred Quiring

Er galt als einer der letzten großen kriminellen Autoritäten mit weitreichenden Kontakten im In- und Ausland: Mit Wjatscheslaw Iwankow wurde einer der berühmtesten Mafia-Bosse Russlands beigesetzt. Zu seiner Beerdigung kamen 400 Trauergäste und 150 Sicherheitsbeamte. Eine gefährliche Mischung.

Ein Sonderaufgebot der Miliz war aufmarschiert, die Verkehrspolizei verbot das Parken. Weniger sichtbar die Geheimdienstleute, die ein wachsames Auge auf die Beisetzung des berühmtesten russischen Gangsterbosses Wjatscheslaw Iwankow hatten, der unter dem Spitznamen Japontschik („kleiner Japaner“) nun in die Geschichte des russischen Verbrechens eingegangen ist.

Vor der Zeremonie hatten Sprengstoffexperten den Friedhof nach Minen abgesucht, um eine Wiederholung des Anschlags von 1996 zu verhindern. Damals hatten sich ehemalige Afghanistan-Kämpfer bekriegt. Während der Beisetzung eines der Anführer hatte eine Sprengladung 14 Menschen in den Tod gerissen.

Ab 12 Uhr mittags war der Zutritt zum Wagankowsker Friedhof nur noch für die Trauergäste gestattet, unter denen sich Gangsterautoritäten aus Russland und vielen Ländern Europas befanden, nach denen gerade nicht gefahndet wird.

Mehrere Hundert Trauernde waren gekommen, um dem Gangsterboss die letzte Ehre zu erweisen. Er wurde neben seiner Mutter beigesetzt, einige Aufschriften auf den Trauerschleifen ließen keinen Zweifel an ihrer Herkunft: „Von der Bruderschaft aus Kirow“ oder „Von der Bruderschaft aus Jaroslawl“ stand dort.

Die Moskauer Miliz war immer dabei und hielt Ausschau nach möglicherweise gesuchten Kriminellen. Allerdings hatte Japontschik, so genannt wegen seines leicht orientalischen Aussehens, auch unter den Beamten durchaus seine Fans. Der Gangsterboss sei hart, aber gerecht gewesen, lobte ihn ein Milizgeneral im Gespräch mit dem Sender Echo Moskwy.

Er habe sich nicht nur streng an die Gesetze der Verbrecherwelt gehalten, sondern habe „in gewissem Grade auch unsere Gesetze beachtet“. Zumindest habe Iwankow sich bemüht, „uns und der Gesellschaft nicht unnötige Probleme zu bereiten“, sagte General Alexander Urow mit einer in diesem Zusammenhang sehr sonderbar anmutenden Einfühlsamkeit.

Der 69-jährige Iwankow alias Japontschik galt als einer der letzten ganz großen kriminellen Autoritäten in Russland mit weit reichenden Kontakten ins Ausland. Er war am 9. Oktober an den Folgen von Schussverletzungen gestorben, die ihm ein Attentäter bei einem Überfall am 28. Juli beigebracht hatte.

Der Gangsterboss hatte in einem Moskauer Restaurant den Streit zwischen rivalisierenden Gruppen schlichten wollen. Beim Verlassen des Restaurants „Der thailändische Elefant“ wurde er von Schüssen aus einem Scharfschützengewehr mehrfach in den Bauch getroffen.

Iwankow war einer der einflussreichsten von rund 200 in Russland lebenden „Dieben im Gesetz“, die eine besondere Erscheinung in der russischen Unterwelt darstellen. Sie sind gewissermaßen die elitäre Führungsschicht der Verbrecherwelt. Diesen „Ehrentitel“ bekommen Verbrecher von ihren „Berufsgenossen“ verliehen, die sich in besonderem Maße an die ungeschriebenen Gesetze der Zunft halten und damit anderen Gangstern als Vorbild dienen.

Rund 100 Banden mit insgesamt 4000 Mitgliedern soll es einem Bericht des Innenministeriums zufolge geben. Obwohl die hohe Zeit der russischen Mafia vorbei ist, räumt das Innenministerium ein, dass die Gangsterautoritäten noch immer „auch auf Prozesse, die sich in der Wirtschaft sowie in der sozialen und in anderen Sphären abspielen“ Einfluss ausüben.

Iwankow stand ganz oben in der Hierarchie – einen Platz, den er sich seit den Sechzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts „erarbeitet“ hat. Der 1940 geborene Iwankow, der früher Boxer und Freistilringer war, schlug sich zunächst als Schlosser, Laborant und Trainer durchs Leben. Ab 1965 begann sein Aufstieg vom Taschendieb zur Gangsterautorität, der von mehreren Haftstrafen begleitet war.

1992 ging er in die USA, wo er 1995 wegen Erpressung zu einer siebenjährigen Strafe verurteilt wurde. 2004 schickten ihn die amerikanischen Behörden nach Russland zurück. Dort wurde er wegen zweifachen Mordes angeklagt, aber freigesprochen. Auch im Justizministerium war bekannt, dass sieben der zwölf Geschworenen Kriminelle waren, man beließ es aber bei dem Freispruch.

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