Atom-Krise

Regierung hält Lage in Fukushima für kritisch

Hitze, Rauch und Strahlung verhindern bislang, dass das AKW Fukushima unter Kontrolle gebracht werden kann. Ein Experte weist auf neue Risiken hin.

Das Video konnte nicht gefunden werden.

Am Atomkraftwerk Fukushima sind der Atomsicherheitsbehörde zufolge drei Mitarbeiter durch radioaktive Strahlung verletzt worden.

Video: Reuters
Beschreibung anzeigen

Stop and go im Atomkraftwerk Fukushima: Die riskanten Arbeiten zur Sicherung der defekten Reaktorblöcke müssen immer wieder unterbrochen werden, weil Rauch aufsteigt oder die radioaktive Strahlung zu hoch wird. „Nach gegenwärtiger Lage dürfen wir nicht zu optimistisch sein“, sagte Regierungssprecher Yukio Edano auf einer Pressekonferenz in Tokio.

Nach halbtägiger Unterbrechung wegen schwarzen Rauchs konnten die Einsatzkräfte ihre Vorbereitungen zur Instandsetzung des Pump- und Kühlsystems im Reaktorblock 3 fortsetzen. Im Kontrollraum von Block 1 konnte die Beleuchtung instand gesetzt werden, wie die Nachrichtenagentur Kyodo meldete.

Fernsehbilder zeigten, wie weißer Dampf über den Reaktorblöcken 1, 2 und 4 aufstieg. Es sei das erste Mal, dass dies auch bei Block 1 beobachtet werde, berichtete der Sender NHK. In diesem Reaktor kam es am 12. März – einen Tag nach der Erdbeben- und Tsunami-Katastrophe – zu einer Wasserstoffexplosion, bei der das Reaktorgebäude erheblich beschädigt wurde.

Der Dampf über Reaktorblock 4 deutet auf eine Überhitzung des Abklingbeckens für abgebrannte Kernbrennstäbe hin; dieser Reaktor war bereits vor dem Erdbeben zu Wartungszwecken abgeschaltet worden. Gleichwohl kam es dort am 15. März zu einer Explosion und einem Brand. Zum Austritt von Dampf sagte Regierungssprecher Yukio Edano nach den Worten der Dolmetscherin des Fernsehsenders NHK: „Das ist nur natürlich.“

Jetzt auch Probleme in Reaktorblock 5

Unterdessen traten auch Probleme in dem ansonsten unkritischen Reaktorblock 5 auf. Das Pumpsystem des Reaktors sei defekt, so dass die Kühlung ausgefallen sei, sagte Hidehiko Nishiyama von der japanischen Atomsicherheitsbehörde (NISA). Die Situation sei momentan stabil, es müsse aber mit steigenden Temperaturen sowohl im Reaktor als auch im Abklingbecken für abgebrannte Kernbrennstäbe gerechnet werden. Es sei geplant, die Pumpe möglichst bald zu reparieren.

Die Hitzeentwicklung macht nach Behördenangaben die weitere Kühlung mit Meerwasser von außen erforderlich. An Block 2 habe dieser Einsatz bereits begonnen, sagte Nishiyama. Erst wenn das Pumpsystem der Reaktorblöcke wieder ans Stromnetz angeschlossen ist, kann die reguläre Kühlung mit Süßwasser über die in den Reaktorkern führende Hauptkühlleitung aufgenommen werden.

US-Experte: Salz könnte Brennstäbe verkrusten

In den USA warnte der ehemalige Reaktorsicherheitschef des Konzerns General Electric, dass sich bei der Kühlung mit Meerwasser große Mengen Salz ansammelten. Dies könne die Brennstäbe verkrusten und damit die Wasserkühlung blockieren, sagte Richard Lahey der Zeitung „New York Times“.

Lahey schätzte, dass sich im Reaktorblock 1 etwa 26 Tonnen Salz angesammelt haben könnten, in den größeren Blöcken 2 und 3 sogar jeweils 45 Tonnen. General Electric hat das grundlegende Design der Siedewasserreaktoren in Fukushima entwickelt.

Zur radioaktiven Verstrahlung von Lebensmitteln sagte Regierungssprecher Edano, leider breite sich diese Folge des AKW-Unglücks weiter aus. Die am Mittwoch in Tokio verbreitete Aufforderung, Kindern unter einem Jahr kein Leitungswasser mehr zu geben, sei eine reine Vorsichtsmaßnahme und gelte allein für Babys. Für alle anderen sei das Leitungswasser unbedenklich.

In Tokio gehen Wasserflaschen aus

Nach der Warnung gibt es in den Geschäften in Tokio kaum noch in Flaschen abgefülltes Wasser. Die Stadtverwaltung von Tokio kündigte an, abgefülltes Wasser für Familien mit Kindern unter zwölf Monaten bereitzustellen. Rund 80.000 Haushalte sollen mit Wasser in 3,5 Liter-Flaschen versorgt werden, wie der Fernsehsender NHK berichtete. Die Behörden riefen Mineralwasser-Abfüllunternehmen dazu auf, ihre Produktion hochzufahren.

Der Wind an der Ostküste bei Fukushima wehte am Mittwoch zunächst von Nord nach Süd, also in Richtung der 230 Kilometer entfernten Hauptstadt Tokio. Die Meteorologen sagten voraus, dass der Wind später wieder auf Ost drehen werde, so dass radioaktive Partikel aufs Meer getragen würden.

Fast zwei Wochen nach der Naturkatastrophe in Japan ist die wichtigste Autobahn in der betroffenen Region wieder für den öffentlichen Verkehr freigegeben worden. Die Tohoku-Schnellstraße konnte nach dem Erdbeben vom 11. März nur mit Sondererlaubnis genutzt werden.

Jetzt sei die Autobahn wieder freigegeben worden, damit die Aufräumarbeiten und der Wiederaufbau auf breiter Front in Gang kommen, meldete die Nachrichtenagentur Kyodo.

Weiteres Nachbeben

Die japanische Hauptinsel Honshu wurde erneut von einem Erdbeben erschüttert worden. Das Zentrum des Erdstoßes der Stärke 4,9 lag in der Präfektur Ibaraki, südlich der Region Fukushima und 58 Kilometer nordnordöstlich von Tokio, wie der staatliche japanische Wetterdienst mitteilte. Eine Tsunami-Warnung wurde nicht ausgelöst.

Am 11. März kamen bei dem Beben der Stärke 9,0 und dem anschließenden Tsunami nach offiziellen Angaben mindestens 9523 Menschen ums Leben. Landesweit werden noch immer 16.094 Menschen vermisst.

Neueste Panorama Videos

Neueste Panorama Videos

Beschreibung anzeigen