Heimatlos

80.000 "nukleare Flüchtlinge" irren durch Japan

Nach der Katastrophe sind 80.000 Japaner auf der Flucht oder frieren in eiskalten Notunterkünften. Getrieben von Panik, verlieren sie Vertrauen in die Regierung.

Mit Straßensperren kontrolliert die japanische Polizei, dass niemand in die Evakuierungszone um Fukushima zurückkehrt, doch in den Behelfslagern mangelt es an allem. Mehr als 25 Japaner sind dort schon gestorben sein.

Weder das Erdbeben vergangene Woche noch der Tsunami, der darauf folgte, konnten die 70-jährige Sadako Shiga aus ihrem Haus vertreiben. Auch dem Mangel an Strom, Wasser und Heizung widerstand die alte Dame noch. Was sie am Ende ihre Sachen packen ließ, war etwas Unsichtbares, das in ihren Augen aber noch viel unheimlicher ist: Strahlen.

Während Explosionen und Feuer das rund 30 Kilometer entfernte Kernkraftwerk in Fukushima erschütterten, beluden Frau Shiga und ihre Familie das Auto mit Decken, Wasser und Lebensmitteln. Ihre Flucht führte sie in die nahe liegenden Berge. „Wir haben um unser Leben gefürchtet“, sagt Frau Shiga über diese schreckliche Stunden.

Die Familie ist Teil eines anschwellenden Stroms heimatlos gewordener Menschen. Nach Angaben des japanischen Staatsfernsehens sind mehrere Zehntausend auf der Flucht. Angetrieben werden sie dabei von einer immer weiter um sich greifenden Panik, die geschürt wird durch Misstrauen gegenüber der eigenen Regierung. Viele zweifeln, ob die ganze Wahrheit über den atomaren Unfall und die damit verbundenen Gefahren veröffentlicht wird. Die Flüchtlingswelle fügt der Naturkatastrophe eine weitere, von Menschen ausgelöste Misere hinzu.

Und der Strom schwillt zusehends an. Das staatliche Evakuierungsprogramm betreut angeblich schon etwa 80.000 Menschen. Die Evakuierungszone umfasst offiziell das Gebiet 20 Kilometer um die betroffenen Reaktoren. Aber so wie Sadako Shiga haben viele Japaner, die außerhalb dieser festgelegten Bannmeile leben, sich trotzdem zum Aufbruch entschlossen. Diese „nuklearen Flüchtlinge“, wie sie von einigen bezeichnet werden, liefern Berichte von beschwerlichen Reisen, von Betteltouren für Benzin und andere Güter.

Und sie erzählen davon, wie es ist, nicht mehr zu besitzen als die bloßen Kleider am Körper. Viele sind ohnehin schon traumatisiert durch den Tsunami, der komplette Dörfer hat verschwinden lassen und Tausenden von Menschen den Tod brachte. Dabei sind viele getrieben von Misstrauen ihrer eigenen Regierung gegenüber und natürlich der Angst vor den Strahlen. In einer Nation, die Hiroshima und Nagasaki überlebt hat, weckt der unsichtbare Feind furchtbare Erinnerungen.

Mit der Entscheidung zur Flucht begeben sich die Menschen in einen Schwebezustand: Sie übernachten mit Hunderten anderen in Turnhallen, nicht wissend, ob sie jemals werden zurückkehren können in ihr altes Leben. Keiner von ihnen war gezwungen worden, sein Haus zu verlassen, sagen die Flüchtlinge auf Nachfrage. Aber es heißt, die Polizei setze die Evakuierungszone mittlerweile streng durch. Straßensperren halten Rückkehrer davon ab, in die gesperrten Zonen zu gelangen.

Für die entwurzelten Japaner wurden Notlager rund um die Präfektur Fukushima eingerichtet. Doch im Gegensatz zu jenen Unterkünften im Norden, die auch im vom Tsunami betroffenen Gebiet liegen, sind hier Mitarbeiter der Gesundheitsbehörde in Plastikanzügen und Masken zugange. Sie halten an Teststationen ihre Geigerzähler bereit und prüfen jeden Neuankömmling auf Verstrahlung. Ichiro Yamaguchi leitet eine solche Station in Yamagata. Er berichtet, bislang wiesen die meisten Flüchtlinge nur sehr geringe Strahlenbelastungen auf, kritische Grenzen seien nicht überschritten worden.

„Wenn Fukushima zu einem neuen Tschernobyl wird, dann werden wir nie wieder zurückkehren können“, glaubt Akio Sanpei, die seit Donnerstag im Notlager Yamagata ist. Die 61-Jährige arbeitet als Akupunkteurin, und ihr Haus steht innerhalb der Sperrzone. Hier in Yamagata, das rund 100 Kilometer von der Kernkraftanlage in Fukushima entfernt liegt, wurde am Mittwoch eine große Turnhalle in ein improvisiertes Notlager umfunktioniert.

Seit es geöffnet hat, reißt der Strom an Neuzugängen nicht mehr ab. Offizielle geben die Zahl der untergebrachten Flüchtlinge mit 539 an. „Die Halle füllt sich sehr schnell, bald schon werden wir die Menschen in den Fluren und anderen Räumen unterbringen müssen“, sagt Masashi Iwata, der für die Notunterkunft verantwortlich ist.

Einer der Neuzugänge in Yamagata ist Junya Kikuchi. Der 28-jährige Bauarbeiter kam am Donnerstag mit seiner Frau aus Soma – einer Stadt, die rund 40 Kilometer nördlich von den beschädigten Reaktoren liegt. Auch wenn die Regierung Menschen aus dieser Gegend eigentlich befohlen hatte, in ihren Häusern zu bleiben, ignorieren viele die Order. Junya Kikuchi berichtet, dass seine Stadt sich zusehends entvölkere, schon ein Drittel der Bürger haben Soma verlassen.

Er selbst habe sich zur Flucht entschlossen, weil seiner Frau im sechsten Monat schwanger ist. „Wenn die Ersten gehen, dann haben die anderen auch das Gefühl, dass sie ihre Koffer packen sollten“, sagt Junya Kikuchi noch.

Ein anderer Flüchtling, Hitoshi Suzuki, geht davon aus, dass die Situation in Fukushima tatsächlich doppelt so schlimm ist, wie die Regierung glauben mache. Um seine These zu untermauern, zückt er ein Handy, das kritische Webseiten zeigt. Dort wird behauptet, die Regierung vertusche den wirklichen Schaden im Kernkraftwerk. Das sei auch genau der Grund, weshalb Suzuki sein Haus in der Nähe der Anlage verlassen habe. „Vielleicht ist das eine Überreaktion, aber ich glaube der Betreiberfirma Tokyo Electric kein Wort“, sagt Suzuki.

Die Matratze neben ihm gehört, zumindest für den Moment, Kumiko Kowata. Die 45-jährige Hausfrau wollte eigentlich in ihrem Haus bleiben. Es steht in der Gegend, in der die Regierung angeordnet hatte, die Fenster zu schließen und in den Häusern zu bleiben. Gerne wäre Kowata dieser Anordnung nachgekommen. Aber eines der Nachbeben habe ihr Haus von der Wasserversorgung abgeschnitten. „Wie soll man unter solchen Umständen denn weiter ausharren?“, fragt sie verzweifelt.

Auch die Unternehmen vor Ort treiben den Exodus voran. Firmen, die ihren Sitz in der Nähe der Atomanlage haben, charterten Busse für ihre Angestellten und deren Familien, die sie in die Notlager der Gegend bringen sollen. Die meisten aber kommen selbst: Auch Munehiro Okamoto hat dramatische Stunden hinter sich, als er endlich das Lager Yamagata erreicht. Der 36-jährige Pharmaangestellte hat einen kleinen Flüchtlingskonvoi aus vier Autos angeführt.

Mit insgesamt 15 Menschen und einem Golden Retriever fuhr er von Ort zu Ort, getrieben von der Angst, die Strahlen könnten hier immer noch zu stark sein. Immer wieder haben sie gestoppt, nie hatten sie das Gefühl, wirklich sicher zu sein.

Verschärft wird die Lage der nach der Naturkatastrophe obdachlosen Japaner noch durch den dramatischen Wintereinbruch. In den Lagern kauern Menschen eng aneinander, um sich gegenseitig Wärme zu spenden. Fernsehbilder zeigen zitternde Menschen, die Holz oder ähnlichen Brennstoff in Tonnen verfeuern und sich so wärmen.

Nach Angaben des Staatsfernsehens sind mindestens 25 Flüchtlinge in den Lagern schon gestorben. Sie seien meist alt und total entkräftet gewesen. Auch die Kinder in Japan leiden schwer unter der Katastrophe, so haben japanische Behörden eine deutsche Heimleiterin im Katastrophengebiet um Hilfe gebeten.

„Wir wurden gefragt, ob wir noch Kinder aufnehmen können“, sagte Franziskanerschwester Caelina Mauer am Freitag. Sie habe sofort zugesagt und könne noch 15 weiteren Kindern helfen, die obdachlos geworden oder Waisen seien.

Die Einrichtung in der Kleinstadt Ichinoseki liegt etwa 150 Kilometer Luftlinie von Fukushima entfernt, vor Ort fehle es vor allem an Heizöl und Nahrung. Die Kinder seien alle wohlauf, aber sehr verängstigt.

© New York Times

Übersetzt aus dem Englischen von Silke Mülherr