Zeugenberichte

"Ich habe die hässliche Seite der Menschen gesehen"

Zeugen schildern den Überlebenskampf im Nordosten Japans nach Erdbeben und Tsunami. Vor allem die Alten hatten kaum Chancen. Einige schafften es dennoch.

Hirosato Wako starrt auf die Ruinen seines kleinen Fischerdorfes: Skelette blieben von den zerschlagenen Gebäuden, meterlange, verbogene Stahltrassen. Leichen, die Hände zu Klauen verformt.

Nur einmal im Leben hatte er solche schrecklichen Dinge gesehen: im Zweiten Weltkrieg. „Ich habe die Luftangriffe auf Sedai überlebt“, berichtet der 75-jährige Wako und meint damit die Bombardierung der größten Stadt des Nordostens Japans durch die Alliierten. „Aber das hier übertrifft alles.“ Die alten Menschen, die in den Dörfern an der nordöstlichen Küste Japans leben, fühlen sich an die Entbehrungen der Vergangenheit erinnert, die ihren Kindern erspart geblieben sind. In Strömen verließen junge Leute das Land, auf der Suche nach Arbeit in den Städten. Die Alten bleiben hier mit der Verwüstung und einer möglichen radioaktiven Vergiftung allein.

In dem kleinen Dorf Yuriage verwandelt sich die Suche nach Überlebenden in eine Bergung von Leichen. Und die meisten Toten sind alte Menschen – zu alt, um dem Tsunami zu entfliehen. Der 21-jährige Yuta Saga hob nach dem Erdbeben gerade zerbrochene Tassen auf, als er Sirenen und Schreie von „Tsunami“ hörte. Er packte seine Mutter am Arm und rannte auf eine nahegelegene Schule zu – das höchste Gebäude in der Umgebung. Der Verkehr auf den Straßen kam zum Erliegen, als panische Autofahrer ihre Fahrzeuge ineinander lenkten. Er konnte das Herannahen des Tsunami nur an den Staubwolken kollabierender Gebäude erahnen.

An der Schule trafen Yuta Saga und seine Mutter auf alte Menschen, die offensichtlich nicht mehr die Kraft aufbrachten, sich auf das Dach des Gebäudes zu retten. Manche saßen oder lagen nur noch erschöpft auf den Treppen. Während sich das Erdgeschoss mit Schutz suchenden Menschen füllte, schlug die Welle ein. Zuerst hielten die Türen dem Druck noch stand. Doch das Wasser suchte sich seinen Weg durch die Spalten und strömte schließlich in den Raum. In Panik, das Dach nicht zu erreichen, begannen jüngere Einwohner, zu drängen und zu schreien: „Beeilung“, „Aus dem Weg!“ Sie stiegen über die, die sich nicht mehr bewegen konnten, oder stießen sie zur Seite.

„Ich konnte es nicht glauben“, erinnert sich Saga. „Sie schoben sogar alte Menschen aus dem Weg, die sich nicht mehr selbst retten konnten. Keiner hat sich mehr um den anderen gekümmert.“ Saga entdeckte eine Frau, die weder die Kraft noch den Willen aufbrachte aufzustehen. Sie saß auf den Treppen, während das Wasser ihr bis zur Nase stieg. Er packte sie unter den Armen und hievte ihren Körper die Treppen hoch. Jemand auf den Stufen fasste sie und gab sie an einen weiter oben stehenden Helfer weiter. Die Männer formten eine Menschenkette, um Alte und Kinder zum Dach zu transportieren.

„Ich habe die hässliche Seite der Menschen gesehen, aber auch die gute Seite erlebt“, meint Saga. „Einige Menschen dachten nur an sich selbst. Andere halfen.“ Völlig verzweifelt reichte eine Frau ihm ihr Baby. „Bitte retten sie mein Kind!“, flehte sie. Saga packte das Baby und rannte die Treppen hoch, während viele Menschen, die noch am Fuß der Treppe standen, vom Tsunami weggerissen wurden. Im zweiten Stock des Gebäudes traf er auf etwa 200 Menschen. Auch die Mutter schaffte es, sie eilte hinauf zu ihm, und er legte das Baby in ihre Arme. An den Fenstern beobachteten die Menschen, wie entwurzelte Bäume und Häuser von der Welle mitgerissen wurden.

Es wurde nicht gesprochen, so Saga. Sie weinten nur und stöhnten gemeinsam auf, als sie sahen, wie die totale Zerstörung vor ihren Augen ihren Lauf nahm. Saga traf auch einen Klassenkameraden, dessen Eltern sich auf den Heimweg gemacht hatten, bevor der Tsunami auf die Küste traf, und es nicht mehr bis in die Schule geschafft hatten. Er saß auf dem Boden und weinte.

Die Familie von Yuta Saga konnte sich retten, einschließlich seines 15-jährigen Bruders Ryota, der mit dem Fahrrad die Schule erreichte. Als die Brüder zum ersten Mal nach Yuriage zurückkehrten, war ihr Haus verschwunden; nur das Fundament blieb übrig. Schluchzend brach der jüngere Bruder zusammen. „Er wird die Erinnerung an das Geschehene nicht los“, sagt sein Bruder.

Zum Zeitpunkt des Erdbebens arbeitete die 50-jährige Hisako Tanno in einem Lagerhaus. Sofort rannte sie nach Hause, um ihren 77-jährigen Vater zu holen. Sie parkte gerade das Auto in ihrer Einfahrt, als sie die Schreie hörte. Sie blickte die Straße hinab und sah einen „Berg aus Müll“ auf sich zukommen. Es war der tödliche Tsunami. „Ich hatte nur Zeit, schnell meine Tasche zu greifen und zu rennen“, berichtet Tanno. Ihre Nachbarn riefen aus ihren Häusern nach ihr, und sie rettete sich dorthin.

Dann fiel ihr ein, dass sie ihren Vater vergessen hatte. Ihr Haus konnte sie von dem Fenster aus sehen. Zu ihrem Entsetzen musste sie mit ansehen, wie ihr Vater vom Wasser nach draußen geschwemmt wurde. Das Wasser war mittlerweile haushoch gestiegen.

Tanno beobachtete die verzweifelten Versuche ihres Vaters, sich am Balkongerüst im zweiten Stock festzuklammern. „Er versuchte, sich heraufzuziehen, aber er hat ein schwaches Bein“, sagt sie. Irgendwie schaffte es ihr Vater, sich mit steigendem Wasserpegel über die metallene Absperrung auf den Balkon zu ziehen. Dort kämpfte er ums nackte Überleben. „Ich hätte nie geahnt, dass er so stark sein könnte“, so Tanno. „Er wollte unbedingt leben.“