Erdbeben

1923 gab es in Tokio und Yokohama 140.000 Tote

Das aktuelle Beben war schwerer, das "Große Kanto-Erdbeben" forderte mehr Opfer. Damals zog man die richtigen Schlüsse aus der Katastrophe.

Hunderte Tote und Sachschäden von mehreren Milliarden Dollar haben das gewaltige Erdbeben in Japan und der dadurch ausgelöste Tsunami gekostet. Dennoch ist das Land gemessen an historischen Erdbeben noch relativ glimpflich davon gekommen. Das hat wesentlich damit zu tun, dass die Regierung und ebenso kommunale Behörden die richtigen Lehren aus der schlimmsten Naturkatastrophe der jüngeren japanischen Geschichte gezogen haben.

Es ist kurz vor Mittag am 1. September 1923, als in Tokio und der zweitgrößten Stadt Japans, Yokohama, die Welt in Bewegung gerät und Panik auslöst. Exakt um 11.58 Uhr beginnt die Erde zu beben. Zwischen vier und zehn Minuten dauern die Erdstöße; sie erreichten eine Amplitude, die umgerechnet auf die 1935 eingeführte und bis heute gebräuchliche Richter-Skala einem Wert von 7,9 entspricht. Viele aus Stein errichtete Gebäude brechen unter den heftigen Stößen binnen kurzem zusammen, während die typischen japanischen Häuser aus Holz und Papier zunächst noch vergleichsweise glimpflich davon kommen.

Doch das ändert sich rasch. Denn durch die Erdstöße sind fast alle Gasleitungen in beiden Großstädten zerstört worden. Ungehindert strömt das Gas für die Straßenlaternen aus, entzündet sich und löst eine gewaltige Feuersbrunst aus, die fast zwei Drittel aller Häuser in Tokio und noch mehr in Yokohama verzehrt. Benzin- und Öltanks in innerstädtischen Industriebetrieben geben den Bränden zusätzliche Nahrung; im Arsenal der kaiserlich-japanischen Armee im Tokioter Stadtteil Koishikawa explodieren große Munitionsbestände. Auch öffentliche Gebäude wie das Polizeipräsidium im am stärksten getroffenen Stadtteil Marunouchi brennen vollständig aus.

Die Folgen sind verheerend: Von den zwei Millionen Menschen, die in den am stärksten betroffenen Gebieten leben, kommen bei den Erdstößen und den Bränden rund 100.000 ums Leben; so viele Leichen werden jedenfalls im Chaos der folgenden Tage gezählt. Die größte einzelne Tragödie in der brennenden Hauptstadt ereignet sich auf dem Areal des Militärdepots Rikugun Honjo Hifukusho nahe der Innenstadt von Tokio.

Annähernd 38.000 Menschen haben sich in dieses weite Gebiet geflüchtet und fallen hier einem gewaltigen Feuersturm zum Opfer. Weitere mehr als 40.000 Menschen bleiben vermisst; wahrscheinlich verbrannten viele von ihnen in den Feuern und wurden bei den Aufräumungsarbeiten mit den Trümmern weggeschafft.

In Tokio brennen 44 Prozent der Stadt nieder

Völlig überfordert ist die Feuerwehr von Tokio; sie verfügte vor dem Beben lediglich über 25 Feuerwachen, die nur 37 Pumpenwagen besaßen. Ohnehin sind durch die Erdstöße praktisch alle Wasserleitungen gerissen, so dass Löschversuche von vorneherein unmöglich sind. In Tokio brennen 44 Prozent der bebauten Fläche nieder, in Yokohama ist das zerstörte Areal mehr als doppelt so groß.

Nahezu unbeschädigt jedoch übersteht einer der neuesten Bauten von Tokio das Beben und die anschließenden Brände: das Imperial Hotel. Der amerikanische Architekt Frank Lloyd Wright hatte ab 1915 zunächst einen neuen Flügel für das alte, seit 1890 stehende beste Haus am Platze errichtet; als der Altbau 1919 ausbrannte, wurde sein Auftrag auf den kompletten Neubau ausgeweitet. Wright verwendete für sein im „Maya-Stil“ errichteten, zugleich aber Formen traditioneller japanischer Bauweise aufnehmenden Projekt vorwiegend Stahlbeton, der mit Backstein verkleidet wurde und in Form eines großen „H“ die Zimmer anordnete.

Das stabile Material bewahrt das Imperial Hotel vor der zerstörerischen Wirkung der gewaltigen Erdstöße. Kurz nach dem Beben telegrafiert der Tokioter Tycoon Kihachiro Okura, einer der Investoren des Hotels, an Wright: „Hotel steht unbeschädigt als Monument Ihres Genies! Glückwünsche!“ Ganz so hervorragend ist die Bilanz in Wirklichkeit zwar nicht, denn kleinere Schäden sind sehr wohl aufgetreten; auch hat Lloyd Wrights Idee, seinen Bau durch das Fundament gewissermaßen schwimmend mit dem Grund zu verbinden, nur teilweise funktioniert. Doch verglichen mit der immensen Vernichtung rund um das Hotel steht der hochmoderne Palast wie eine Eins.

In der japanischen Hauptstadt bricht die öffentliche Ordnung völlig zusammen. Während noch Rettungsarbeiten laufen, beginnen Plünderer mit dem Ausräumen vernichteter Geschäfte und Wohnungen. Umgehend kursieren auch Gerüchte, denen zufolge unter anderem die in Japan als „rassisch minderwertig“ angesehenen koreanischen Arbeiter aus Rache Brunnen vergifteten. Es kommt inmitten der ungeheueren Zerstörung zu Pogromen gegen Koreaner; mehrere hundert, vielleicht sogar einige tausend Koreanern werden von aufgebrachten Japanern ermordet.

Es kommt zu Lynchmorden und Pogromen

Für die Fehler bei den Löscharbeiten werden auch politische Außenseiter verantwortlich gemacht; Zivilisten jagen politisch links stehende Aktivisten wie Kommunisten und Anarchisten durch die Straßen. Selbst die Polizei verhaftet solche Gegner der kaiserlichen Regierung – es ist nicht ganz klar, ob man sie für das Erdbeben und seine Folgen verantwortlich macht oder ob die Festnahmen, denen teilweise Folterungen und Lynchmorde folgen, die Gefahr eines Aufstandes im Chaos mindern sollen.

Eine Woche lang herrscht vollkommenes Chaos, dann beruhigt sich die Lage wieder etwas. Elf Tage nach den Erdstößen verkündet Hirohito, der 124. gottgleiche Kaiser Japans, in einer Botschaft an seine Untertanen eine wichtige Entscheidung. In dem Edikt vom 12. September 1923 über den Wiederaufbau heißt es: „Tokio soll wie bisher Hauptstadt bleiben; deshalb soll es wiederaufgebaut werden, und dabei gilt es nicht nur Altes wieder herzustellen, sondern eine neue Ordnung zu schaffen, die eine Entwicklung in die Zukunft ermöglicht.“

Die auch als „Großes Kanto-Erdbeben“ bekannte Katastrophe veranlasst die Bewohner vieler Stadtviertel, sich zu organisieren. Ausgangspunkt dafür war Nachbarschaftshilfe, wie die Japanologin Katja Schmidtpott schreibt: „So schlossen sich Bewohner spontan zusammen, um gemeinsam die Folgen der Erdbebenkatastrophe zu bewältigen. Sie patrouillierten nachts durch das Stadtviertel, sammelten Spenden und verteilten sie an Bedürftige, gaben Rationen an die lokale Bevölkerung aus, kümmerten sich um die Beseitigung von Abfällen und Fäkalien, halfen bei der Ausrichtung von Totenfeiern und bei der Bekämpfung von Krankheiten und fungierten als Anlaufstelle für die Pächter und Mieter in ihrem Stadtviertel.“

Der Wiederaufbau macht Tokio zu einer modernen Stadt mit breiten, asphaltierten Straßen, Parks, einer neuen Kanalisation. Um den Brandschutz zu verbessern, wurden mehr als 10.000 Hydranten aufgestellt, Feuermelder installiert und zusätzliche Löschfahrzeuge importiert. Als direkte Folge der Katastrophe von 1923 stieg der Lebensstandard der Tokioter Bevölkerung nach einigen Jahren Durststrecke deutlich an.

Doch die nächste Vernichtung folgte nur gut zwei Jahrzehnte nach dem Erdbeben vom 1. September 1923: Ab Ende 1944 führten Luftangriffe der USA zu fürchterlichen Feuerstürmen, die erneut fast das gesamte Stadtgebiet zerstörten.

Abermals überstand als eines der wenigen Gebäude das Imperial Hotel die Feuersbrunst. 1968 jedoch musste es einem Neubau weichen, weil die Grundstückspreise die Nutzung mit einem nur wenige Stockwerke hohen Luxushotel nicht länger zuließen. Das neue Imperial Hotel hat das Erdbeben vom 11. März ersten Informationen zufolge überstanden. Die Japaner haben die Lehren aus 1923 gezogen.