Legende

Umjubelt und kritisiert – Heesters feiert in Hamburg

Der Schauspieler Johannes Heesters hat seinen 105. Geburtstag auf der Bühne des Winterhuder Fährhauses in Hamburg begangen. Von Gratulanten bejubelt und mit seinem achten Bambi ausgezeichnet, muss sich der Entertainer weiter scharfe Kritik wegen seiner Äußerung zu Hitler gefallen lassen.

Foto: dpa

„Happy Birthday, lieber Jopie!“: Das Publikum steht und singt, die Schauspieler nehmen Johannes Heesters in ihre Mitte und der Jubilar strahlt und winkt. Selbst der 105. Geburtstag hat den ältesten aktiven Schauspieler der Welt am Freitagabend nicht davon abgehalten, auf der Bühne zu spielen. Seinen Auftritt in der Hamburger Komödie Winterhuder Fährhaus feierten die Zuschauer mit Jubel und langanhaltendem Applaus. Heesters mimt seit zwei Wochen den Kaiser im Singspiel „Im weißen Rössl“. „Ich denke, die wahre Kraft Deines Lebens sind die Herausforderungen, die noch vor Dir liegen“, sagte Heesters-Biograf Jürgen Trimborn. „Ich wünsche Dir von ganzem Herzen, dass Du älter, aber niemals alt wirst.“ Kurz danach erhielt der Schauspieler seinen achten Bambi.

Auch an „Jopies“ Ehrentag freute sich das Publikum über seinen Humor. „Warum ist man so aufgeregt?! Man sieht doch, ich bin da!“, scherzte er gleich zu Beginn seiner rund achtminütigen Darbietung - und erntete begeisterte Lacher. „Natürlich möchte ich mich setzen. Man ist freilich nicht mehr der Jüngste!“, kokettiert Kaiser Franz Josef alias „Jopie“. Die „lebende Legende“ schien gut aufgelegt, das typische rollende „R“ und seine kräftige und nur selten versagende Stimme ließen Aussetzer, über die ihm seine soufflierende Ehefrau Simone Rethel-Heesters hinweg half, vergessen.


Die Zuschauer feierten ihn gleich nach seinem Auftritt und am Ende beim Geburtstagsständchen. Nach der Aufführung wurde eine Feier im Theatersaal für Heesters ausgerichtet. „Die meisten älteren Leute sitzen zu Hause und das Leben geht an ihnen vorbei. Johannes Heesters dagegen ist mittendrin im Leben, sogar mittendrin im Berufsleben“, sagte Theaterdirektor Jürgen Wölffer. „Er macht jeden Morgen seine Gesangsübungen und seine Gymnastik, ich bin 30 Jahre jünger und mache es nicht!“ Heesters saß noch in seiner Kaiseruniform neben seiner Ehefrau und weiteren Familienmitgliedern auf der Bühne.

Mit dem Bambi ausgezeichnet


Heesters-Biograf Trimborn bescheinigte dem 105-Jährigen, dass er im 87. Jahr seiner Bühnenkarriere „ein Arbeitspensum bewältigt, das so manchen jüngeren Kollegen blass aussehen lassen würde“. Trimborn sprach auch unangenehme Themen an und widersprach den Vorwürfen, dass Heesters „in die Öffentlichkeit gezerrt“ und „vorgeführt“ werde. Jeder, der ihn kenne, „weiß, dass man nichts gegen seinen Willen machen kann“. Außerdem ging er auf den Wirbel um ein TV-Interview für einen holländischen Sender ein, in dem Heesters für eine Satire-Show nach seinen Erinnerungen an Hitler befragt wurde. „Hier wurde jeder journalistische Ehrenkodex mit Füßen getreten“, kritisierte er.

Auch Paul Sahner von der Zeitschrift „Bunte“, der ihm den Bambi überbrachte, bezeichnete den Vorfall als „abstoßend und infam“. Sahner:„Wo, frage ich mich, bleibt der Respekt vor Deinem Lebenswerk?!“ Als Freund wisse er, wie sehr „Jopie“ unter solchen Vorwürfen leide. Er überreichte dem Jubilar das achte goldene Reh und versprach ihm, dass noch viele weitere dieser Trophäen auf ihn warteten. „Wunderbar, wunderschön“, sagte der Geehrte und lachte.

"Vielleicht lockert das Alter auch nur seine Zunge"

Der Romancier und Drehbuchautor Leon de Winter warf dem 105-Jährigen vor, die NS-Zeit seit 60 Jahren zu relativieren. „Vielleicht lockert das Alter auch nur seine Zunge – so wie Betrunkene und Kinder sagen, was sie wirklich denken“, sagte de Winter der „Frankfurter Rundschau“. Der 54-jährige Niederländer ist ein Sohn orthodoxer Juden, die den Holocaust in einem Versteck überlebt hatten.

Der am Starnberger See lebende Heesters berühre mit seiner Äußerung eine „sehr tiefe Wunde“, die „stille Kooperation der Niederländer mit den Nazis während der Besatzung“, sagte de Winter. Damals seien 80 Prozent der holländischen Juden ermordet worden. Der Autor fügte hinzu: „Wir wissen einfach nicht, wie wir mit ihm (Heesters) umgehen sollen.“ Er sei inzwischen ein alter Mann, und er scheine nicht völlig unsympathisch zu sein. „Er ist eben ein Narr - inzwischen ein alter Narr.“

Heesters äußert sich nicht zu den Vorwürfen

Heesters selbst wollte sich an seinem Ehrentag nicht zu dem Thema äußern. Der Jubilar war mit Äußerungen über Adolf Hitler in die Schlagzeilen geraten. In einer niederländischen TV-Satire-Sendung antwortete der frühere UFA-Star auf die Frage, ob Hitler ein netter Kerl gewesen sei, er kenne Adolf Hitler wenig, aber dieser sei „ein guter Kerl“ gewesen. In der „Bild“-Zeitung hatte der Schauspieler seine Aussagen dann bereut. „Es wäre besser gewesen, ich hätte dieses Interview niemals gegeben“, sagte Heesters.

Heesters, der als Sänger und Schauspieler in der NS-Zeit Karriere gemacht hat, wird vor allem in seiner niederländischen Heimat immer wieder wegen seiner Vergangenheit angefeindet. Derzeit prozessiert der Künstler gegen den Berliner Historiker Volker Kühn wegen dessen Behauptung, Heesters sei 1941 vor SS-Wachleuten im Konzentrationslager Dachau aufgetreten. Heesters räumt ein, das KZ besucht zu haben, bestreitet aber, dort einen Auftritt gehabt zu haben. Das Urteil soll am 16. Dezember fallen. Wegen seiner Karriere in der Nazizeit war Heesters von den holländischen Bühnen jahrzehntelang boykottiert worden.

ZDF hält an seiner Einladung fest

Das ZDF hält trotz der Schlagzeilen an der Einladung Heesters zu „Wetten, dass..?“ am 13. Dezember in Stuttgart fest. Unterhaltungschef Manfred Teubner sagte der „Bild“-Zeitung, eine „unbedachte, missverstandene Bemerkung“ könne nicht dazu führen, ein Versprechen nicht einzulösen. Thomas Gottschalk hatte dem 100-jährigen Heesters versprochen, ihn an seinem 105. Geburtstag wieder in die Show einzuladen.