Das Ende der Welt, es wird kommen, „morgen um halb zehn“, sagt Sabine. Sie habe es im Radio gehört. Aber ihr könne nichts passieren. Sie würde von Gott gerettet, so wie Gott es an ihrem gerade geborenen Sohn vollbracht habe. Anderntags klingelt gegen halb Zehn jemand an Sabines Wohnungstür. Es ist nicht die apokalyptische Reiterei, sondern die Polizei. Man bringt Sabine in eine psychiatrische Klinik. Sie soll ihr Baby mit einer Decke erstickt haben.
Die Kindstötungen, von denen in der Presse zu lesen ist, erzählen regelmäßig von sozialer Verwahrlosung und ethischem Elend, von Müttern, die sich durch ihren Nachwuchs und die Umstände überfordert fühlten. In „Vergeben, nicht vergessen“, einem neuen Fernsehfilm um den Psychotherapeuten Maximilian Bloch (Dieter Pfaff), ist das anders.
Es war ein Wunschkind. Es gab keine wirtschaftliche Not oder Beziehungsprobleme. Das Unglück trifft ein in jeder Hinsicht stabiles Apotheker-Ehepaar. Und es ist wirklich ein Unglück, eher eine Naturkatastrophe denn ein Verbrechen. Das macht es nicht unbedingt leichter, sich in das Drama einer eben noch kerngesunden jungen Mutter einzufühlen, deren Hormone oder Synapsen mit so tragischen Folgen verrückt spielten. Regie-Altmeister Michael Verhoeven – er feierte am Sonntag seinen 70. Geburtstag – hat sich für seine erste „Bloch“-Inszenierung zweifellos einen eher schwierigen Stoff ausgesucht.
Das Besondere an der Bloch-Reihe ist, dass darin oft schwierige Stoffe verhandelt werden. Das sind nicht etwa schlichte Psycho-Thriller mit einem vollschlanken Seelenklempner als Detektiv-Surrogat. Da ist schon das Bemühen erkennbar, tatsächlich in einige der so genannten menschlichen Abgründe hinabzusteigen. Dass es sich letztlich doch um Unterhaltungsfernsehen handelt, zeigt der Zuschnitt des Protagonisten. Bloch zeigt gegenüber seinen Klienten ein Maß an Engagement, Zuwendung und Empathie, das ein wahrer Profi auf Dauer kaum verkraften würde.
Einsatz und Einfühlung helfen im Fall Sabine jedoch nur begrenzt weiter. Bloch steht einer Täterin gegenüber, die nur für Augenblicke halbwegs klar wirkt und dann wieder wirr aus der Offenbarung des Johannes zitiert. Es gibt hier keine alten Traumata, die der Analytiker offenlegen könnte, sondern lediglich, was Bloch eine „postnatale psychotische Reaktion“ nennt. Dahinter stecken wohl einige der biochemischen Prozesse, die der Volksmund „Wochenbettdepression“ nennt. Diese Diagnose ist gravierend und rätselhaft genug, dass Drehbuchautorin Regine Bielefeldt sie eigentlich nicht noch mit bizarren religiösen Wahnvorstellungen hätte aufpeppen müssen.
Wenn eine Mutter krank wird
Für Bloch steht schnell fest, dass Sabine kurz vor und nicht wegen ihrer Tat erkrankte. Sie ist keine Mörderin. Sie ist schuldunfähig. Also kreist der Film bald um eine Frage, ob Sabine und ihr Mann diesen Schicksalsschlag als Paar überstehen. Oder stürzen sie beide ab, jeder für sich? Hält eine Beziehung so etwas aus? Kann er ihr und kann sie sich selbst eine Schuld vergeben, die es doch im Grunde doch gar nicht gibt?
Eine verwandte Konstellation war zuletzt im TV-Drama „Vertraute Angst“ zu besichtigten. Es ging darin um einen Familienvater, der infolge einer akuten Psychose das eigene Heim abfackelte, nach seiner Genesung wieder in den Kreis der Lieben zurückkehrte und schmerzlich erfuhr, dass nun nichts mehr wurde wie es gewesen war.
So weit ist Sabine noch lange nicht. Birge Schade überzeugt als desorientierte Mutter, die eine schreckliche Wahrheit erst noch an sich heranlassen muss, um sich dann so weit wie möglich davon zu befreien. Rainer Sellien spielt einen brodelnden Gatten, der damit fertig werden muss, dass es niemanden gibt, gegen den er seine Wut richten kann und es schließlich mit sich selbst versucht. Das sind sehr gute Schauspieler. Aber auch sie schaffen es letztlich nicht, dass aus einer beklemmenden auch eine packende Geschichte wird. Es gibt hier eben, wie gesagt, keine plausiblen Erklärungen, und so wirkt dieses Geschehen dann doch sehr weit weg.
Zudem muss in Fernsehfilm-Reihen immer auch ein Randfiguren-Stammpersonal, mit separaten Handlungssträngen versorgt werden. Mal funktioniert das, mal entstehen dadurch atmosphärische Brüche. In diesem Fall hat Blochs Lebensgefährtin Ärger mit ihrem halbwüchsigen Sohn, weil der die Küche nicht aufräumen will. Das dreckige Geschirr. Mann, Mann, Mann, das sind Probleme.
Bloch: Vergeben, nicht vergessen, Mittwoch, 16. Juli, 20.15 Uhr, ARD.





