Es war ein vielfältiger Mix aus Rock, Pop, Balladen oder Folklore, doch viele Musikbeiträge wirkten beliebig und austauschbar. Es mangelte den Liedern an Wiedererkennbarkeit und den meisten Interpreten an Charisma. So sang Andrea Demirovic für Montenegro das lasche Poplied „Just get out of my life“ ohne Ohrwurmcharakter, das Grand-Prix-Urgestein Ralph Siegel komponiert hat. Im knappen bronzefarbenen Paillettenkleid stakste die Sängerin über die Bühne. Die riesige Videowand im Hintergrund wechselte ständig die Farben und Ornamente. Ein Tänzer umgarnte Demirovic und tanzte hektisch lasziv um sie herum, doch das Publikum war nicht überzeugt. Beim Finale am Samstag wird Demirovic nicht dabei sein.
Denn wenn die Stimme dünn ist, wird beim Grand Prix eben auf sexy Kleidung, Performance und Show gesetzt. Das stimmliche Talent ist dann eher Nebensache. Das war wohl auch das Konzept der Bulgaren. Stelzentänzer lenkten mit Akrobatik von dem Lied „Illusion“ ab, das Krassimir Avramov im Prinz-Eisenherz-Look präsentierte. Mit seiner für einen Mann sehr hohen Stimme sang er pathetisch und traf dabei nicht immer alle Töne. Da half letztendlich auch keine „Balkan-Connection“ mehr.
Die meist englischsprachigen Titel waren zu glatt und wurden von Künstlern präsentiert, die kein eigenes Profil hatten. So wirkten Susanne Georgi und ihre Mädchen, die für Andorra antraten, wie eine billige Kopie der Teenieband Spice Girls. Sie trugen weiße Miniröcke mit Herzchenapplikationen und T-Shirts im rockigen „Ed-Hardy“-Style. Die wüsten Frisuren der Zwillinge von der mazedonischen Rockband Next Time erinnerten an Tokio Hotel, wobei ihr Rocklied von Bon Jovi hätte sein können.
Austauschbar und wie ein schlechtes Imitat von DJ Bobo hörte sich auch der finnische Beitrag von Waldo’s People an. Die Pyrotechniker ließen zu Beginn des Liedes „Lose Control“ Feuersalven los, Jongleure bemühten sich um den heißen Hintergrund. Der 42-jährige Waldo war als Rapper mit Baseballkappe neben den glitzernden Bandkolleginnen fehl am Platz. Obwohl der Song eine wilde Mischung aus Diskobeats, Sprechgesang und Rockelementen war, konnten Waldo’s People jubeln. Sie sind überraschend im Finale. Per Televoting oder SMS konnten die Zuschauer für ihren Favoriten abstimmen.
Neu seit 2009: Die nationalen Jurys dürfen bei allen Entscheidungsshows mit abstimmen. Damit versuchten die Organisatoren des Eurovison Song Contests den Punkte-Deal zwischen Nachbarländern zu verhindern.
Einige Anrufe für Hadise kamen sicherlich auch aus Deutschland. Die türkische Teilnehmerin gewann mit ihrem erotischen Shakira-Hüftschwung, roter Kleidung wie aus 1001 Nacht und einem typisch türkischen Popsong. Dass ihre Stimme eher belegt klang, fiel dabei kaum auf.
Wenigstens sang Hadise teilweise auf Türkisch. Ursprünglich war es beim Grand Prix, dem Wettstreit der Nationen, die Regel, dass die Lieder komplett in der Landessprache vorgetragen werden sollten. So konnte der Zuschauer die Teilnehmer einigermaßen auseinander halten und musste nicht ständig auf das eingeblendete Länderzeichen schauen. Statt Einheitsbrei zeigten die Teilnehmerinnen aus Island und Schweden hingegen Profil.
Mit Ausstrahlung und Präsenz sang Yohanna für Island mit ihrer ruhigen und sicheren Stimme die Ballade „Is it true?“ Das himmelblaue Kleid mit Rüschenrock war zwar eher kitschig und wie von Disneyland geborgt, passte aber zur romantischen Mondschein-Dekoration.
Malena Ernman profilierte sich ebenfalls mit ihrer unglaublichen Stimmgewalt. 35 Jahre nach dem Grand-Prix-Erfolg von Abba, schickt Schweden nun eine Kandidatin ins Finale, die sehr gute Chancen auf den Sieg 2009 hat. Die internationale Opernsängerin bewegte sich auf der Bühne kaum, dafür wechselte sie jedoch bei ihrem Popopernstück „La voix“ zwischen sehr tiefen und extrem hohen Tönen. Im Gegensatz zu anderen Teilnehmern, die auf akrobatische Tanzeinlagen oder kurze Miniröcke setzten, strahlte sie mit ihrem Lächeln Charisma aus.
Die automatisch qualifizierten Länder Deutschland, Frankreich, Spanien, Großbritannien und Gastgeber Russland müssen sich am Samstag im Finale anstrengen. Denn Feuerfontänen, heiße Outfits und erotische Tanzeinlagen reichen nicht mehr.
Die ARD überträgt den Eurovision Song Contest Samstag ab 21.00 Uhr. Morgenpost Online berichtet live.
























