Schöne Menschen

Anne Hathaway – so überraschend wie Gänseleber

Sie trägt alle großen Designer des Moments. Na und? Das macht die Schauspielerin Anne Hathaway noch lange nicht zu einer spannenden Persönlichkeit. Ihr Stil ist in etwa so interessant wie eine Aufzählung edler Speisen, unter die sich eine Bratwurst geschmuggelt hat. Jetzt scheint sie allerdings dazuzulernen.

Sie würde das vielleicht anders sehen, aber ich habe das Gefühl, die amerikanische Schauspielerin Anne Hathaway und ich haben noch eine Rechnung offen. Sie ziert, in ihrem Fall wäre jedes andere Verb ungenügend, die Januar-Ausgabe der amerikanischen "Vogue" und wird darin als eine der "10 bestgekleideten jungen Frauen" gefeiert. Dieser Auszeichnung wird sie gerecht, indem sie ihre entscheidenden stilistischen Einflüsse und Lieblingsmarken nennt: Lanvin, Marchesa, Marc Jacobs, Miu Miu, John Galliano, Christopher Bailey, Nicolas Ghesquière, the Row, Phillip Lim. Und American Apparel.

Das ist in etwa so überraschend wie eine Liste von Lieblingsgerichten, die sich so lesen würde: Foie Gras, Ossietra Kaviar, getrüffeltes Huhn, im eigenen Saft gegarte Languste, Kalbstafelspitz, geangelte Seezunge, sizilianischer Thunfisch, La Ratte Kartoffeln, Filet vom Koberind. Und eine Thüringer Bratwurst. Also von Allem blindlings das Beste, plus etwas Billiges, um Volksnähe zu simulieren.

Das kann man ihr freilich nicht vorwerfen. Die einstige Prinzessinnendarstellerin ist die Julia Roberts ihrer Generation (Augen, Mund, Zähne ein bisschen zu groß) und muss deswegen in die Breite denken. Außerdem bemüht sie sich jetzt um schauspielerische Glaubwürdigkeit. Insofern gilt es sicherzustellen, dass zur Oscar-Verleihung die Kleider gleich stangenweise geliefert werden. Schließlich gibt es ein berechtigtes Interesse, nicht nur auf ihrer Seite, dass sie nicht aus Versehen in einem Outfit dasteht, dass ganz offensichtlich für eine andere Frau konzipiert wurde, wie es Gwyneth Paltrow bei ihrem tränenseligen Auftritt widerfuhr (Anlass: "Shakespeare in Love").

Natürlich könnte man es auch der Drehbuchautorin oder dem Regisseur vorwerfen, aber ich kann bis heute nicht verwinden, wie sie in "Der Teufel trägt Prada" als offensichtlich hochattraktive Frau auf tolpatschige Ente gemacht hat, die in Wirklichkeit all das hat, was in der hochgezüchteten Modewelt angeblich fehlt: das Herz am richtigen Fleck, ein bisschen Fleisch auf den Knochen, ein Haufen echter und authentischer Freunde. Das ist natürlich relativ reaktionär und widerspricht jeder Komödienlogik. Wer braucht schon ein Herz, wenn er Kleidergröße "0" hat? Und wer braucht Freunde, wenn er bei der Modenschau in der ersten Reihe sitzen darf?

Aber das Leben hat in ihrem Fall die Kunst korrigiert: Miss Hathaway ist heute sicher die letzte, die in der Kantine nach Suppe plus Sättigungsbeilage grabscht. Dass sie von ihrer Ziehmutter im Film, Chefredakteurin Miranda Priestly, noch mehr gelernt hatte, machte sie deutlich, als ihr Exfreund Raffaello Follieri wegen Betrugs vor Gericht stand. Sie habe "eine Woche" unter Schock gestanden, erklärte sie, machte sich dann bei einem Auftritt in der Sendung "Saturday Night Live" über ihren Fehlgriff lustig.

Als ihre Niederlage bei den Vorwahlen feststand, erklärte Hillary Clinton, ihre Wähler hätten der Glasdecke, die die Karriere von Frauen noch immer behindere, "18 Millionen Sprünge" beigebracht. In ein paar Jahren, wenn Oscar und Gagenrekorde abgehakt sind, wird Anne Hathaway aus dieser Glasdecke einen Scherbenhaufen machen und ihn vorm Einzug ins Weiße Haus mit einer Lanvin-Robe wegwischen.

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