Goldie Hawn

"Ich suche eine andere Rolle im Universum"

| Lesedauer: 9 Minuten
Rüdiger Sturm

Wer glaubt, dass Goldie Hawn nur eine fröhliche Ulknudel ist, hat sie nicht richtig verstanden. Im Interview gibt sie sich als spiritueller Mensch, der über das Glück, das große Ganze und die Zusammensetzung von Nasen nachdenkt Goldie Hawn ist keine Schauspielerin mehr, sie ist eine Präsenz.

Seit ihrem letzten Film, „Banger Sisters“, sind fünf Jahre vergangen, und doch sind Fans gar nicht dazu gekommen, die Oscarpreisträgerin zu vermissen. Das mag daran liegen, dass ihre Komödien noch immer in allen Sendern rauf und runter laufen, oder daran, dass ihre Tochter Kate Hudson wie eine junge Version der 61-Jährigen wirkt. Nach dem Gespräch mit ihr steht jedenfalls fest: Goldie Hawn ist nicht lustig, sie ist glücklich. Dank ihrer höchst esoterischen Sicht auf die Dinge.

Morgenpost Online: Haben Sie schlechte Laune?

Goldie Hawn: Nein, absolut nicht. Warum? Wirke ich so?

Morgenpost Online: Das war eher eine rhetorische Frage. Schließlich haben Sie das Image, ein Sonnenscheinchen zu sein. Woher kommt das eigentlich?

Hawn : Als ich noch ein Kind war, fragten mich die Leute: „Was willst du werden, wenn du groß bist?“ Und ich sagte: „Glücklich.“ Schon damals fiel mir kein wichtigeres Lebensziel ein. Natürlich ist es nicht so, dass ich alles andere in der materiellen Welt vernachlässigt hätte. Ich begann als Tänzerin und arbeitete hart an meinem Handwerk, aber unter der Oberfläche des Erfolgs gab es für mich immer noch etwas Tieferes, das uns als menschliche Wesen antreibt.

Morgenpost Online: Eine besonders originelle Erkenntnis ist das aber nicht.

Hawn: Es geht ja auch gar nicht darum, originell zu sein, sondern wahrhaftig. Ich glaube, dass wir alle das gleiche Ziel haben. Und die Frage ist: Wie kommen wir dahin? Was geschieht dabei mit unserem Gehirn? Warum lächeln wir, wenn wir sechs Jahre alt sind, fast 600-mal am Tag, und wo geht dieses Lächeln hin? Diese Fragen faszinieren mich vom medizinischen Standpunkt genauso wie von dem spirituellen und metaphysischen. Deshalb möchte ich auch einen Dokumentarfilm über das Phänomen der Freude machen. Wobei ich darunter keine verrückte Euphorie verstehe, sondern die Fähigkeit, das Leben optimal zu erfahren.

Morgenpost Online: Woher kommt denn diese Lust auf die Glückssuche?

Hawn: Darauf hatte mein Vater großen Einfluss. Er war ein Philosoph, ein Zigeuner und ein begabter Musiker, der mich ständig herausforderte. Jeden Tag fragte er mich: „Okay, Mädel, auf einer Skala von eins bis zehn, wie war dein Tag? Hast du heute etwas gelernt, was du noch nicht wusstest?“ Mit solchen Fragen brachte er mich dazu, mein Leben zu hinterfragen.

Morgenpost Online: Aber das machen ja in der Regel eher unzufriedene oder unglückliche Menschen.

Hawn: Es gab ja auch immer wieder Phasen der Unsicherheit. Letztlich begann ich mit der Suche nach etwas Höherem, als ich elf war. Das war in der Hochzeit des Kalten Krieges, als wir in der Schule trainierten, wie wir uns bei einem Atomschlag verhalten sollten. Noch nie hatte ich meine eigene Sterblichkeit so gespürt, ich war völlig durcheinander. Daher griff ich erst mal zur Bibel, um Dinge zu finden, die meine Seele ansprachen. Aber als ich älter wurde, spürte ich, dass da noch etwas Größeres war, ein größerer Plan, ein größeres Bewusstsein, eben keine Vaterfigur mit Bart, langem Haar und Stab. Selbst in den subatomaren Partikeln gibt es noch Bewusstsein.

Morgenpost Online: Wie haben Sie denn dieses Bewusstsein in den subatomaren Partikeln gefunden?

Hawn: Das sehen Sie doch überall. Das ist das Wunder der Schöpfung. Wie weiß zum Beispiel eine Nasenzelle, dass sie sich mit anderen Nasenzellen zusammenfügen muss, damit eine Nase entsteht? Aber Sie können es auch selbst spüren. Ich weiß noch genau, wie ich zum ersten Mal Transzendentale Meditation machte. Das war 1972 – ich begann mein Mantra zu rezitieren, und auf einmal begann ich zu kichern. Ich fühlte eine so unglaubliche Verbindung zu meiner Seele, eine so kindliche Freude, die mich unvorstellbar innerlich kitzelte. Dann begriff ich, dass das mein großes Elixier war, nicht etwa Sex & Drugs & Rock'n'Roll. Seither versuche ich täglich zu meditieren. Auf meinen Reisen um die ganze Welt habe ich alle großen Religionen studiert. Egal, an welchen Gott du glaubst, oder selbst wenn du gar nicht an ihn glaubst, gibt es Möglichkeiten, diesen seelischen Frieden und die Verbundenheit mit allem Leben zu spüren.

Morgenpost Online: Vielleicht hätten Sie eher Guru werden sollen als Schauspielerin.

Hawn: Ich stieg eben aus einer Schachtel, und auf der stand „Komödiantin“. Aber im Grunde meiner Seele bin ich nicht einfach eine Ulknudel. Deshalb schrieb ich ja vor ein paar Jahren auch meine Autobiografie, „Der Lotos wächst im Schlamm“, in der ich meine Einsichten und Erfahrungen vermitteln wollte. Und im nächsten Jahr führe ich Regie bei meinem Film „Ashes of Time“ über eine Frau, die mit der Asche ihres Mannes nach Indien reist. Die Zeiten, in denen ich einen Streifen nach dem anderen gedreht habe, sind vorbei. Ich mache nur noch Projekte, die wirklich eine Bedeutung für mich haben.

Morgenpost Online: Gibt es denn nichts, was Ihre erleuchtete Stimmung stört?

Hawn: Oh doch, das ganze Leben ist voller schmerzvoller Erfahrungen. Die eine war, als ich nach meinem Durchbruch im Showbusiness völlig ausflippte und zum Therapeuten gehen musste. Scheidungen sind immer schlimm. Eines der größten Schockerlebnisse war es, als mein Sohn nach der Geburt in die Intensivstation musste und es so aussah, als sollte er nicht überleben. Auch jetzt ist eine schwierige Phase für mich angebrochen. Bei mir zu Hause ist ein leeres Nest. Mein Sohn ist ausgezogen, das Kind meiner Tochter ist eben nicht mein Kind. Es fällt nicht leicht, die Vorstellung zu akzeptieren, dass es mit dem Mutterdasein vorbei ist. Ich muss eine andere Rolle im Universum finden. Ich halte eben nicht mehr ein Kind an der Hüfte, rühre im Kochtopf und mache nebenher einen Film-Deal am Telefon. Aber du darfst dich nicht an deinem bisherigen Leben festklammern, sondern musst es ziehen lassen. Sonst gewinnen die Ereignisse Kontrolle über dich. Sie sind der Schlamm, auf den der Titel meines Buches anspielt, die Hindernisse, die wir überwinden. Daher bin ich garantiert keine Person, die alles durch eine rosa Brille sieht, sondern stelle mich den Herausforderungen. Ich halte es mit dem Sprichwort: „Der Büffel tritt dem Wind entgegen.“

Morgenpost Online: Und sind Sie dann ein richtig wütender Büffel im Wind?

Hawn: Aber ja doch. Das ist für jeden Menschen überlebensnotwendig. Entweder kämpfst du, oder du fliehst. Du brauchst nur Kontrolle über deine Wut. Das bedeutet, dass du dich nicht von deinem Ego dominieren lassen darfst, wir müssen Distanz behalten. Wenn dich jemand beleidigt, dann bist du nicht gezwungen, dich auf einen Streit einzulassen. Du kannst diese andere Person aus der Distanz betrachten, dann siehst du erst, wie viel Probleme sie mit sich herumschleppt.

Morgenpost Online: Aber auch Sie müssen doch mal ausrasten, wie lange ist Ihr letzter Wutausbruch her?

Hawn: Daran kann ich mich nicht erinnern. Offen gestanden werde ich eher frustriert als wütend. Dann sage ich meine Meinung – etwa wenn mich Handwerker übervorteilen. Aber ich schreie nicht, sondern spreche sehr hart und scharf. Auch auf diese Weise begreifen die Leute, wie aufgebracht ich bin.

Morgenpost Online: Der Rest ist pure Harmonie?

Hawn: Ja, ich denke immer darüber nach, was ich anderen geben kann. Das fängt bei ganz einfachen Sachen an: Ich muss diese Person anrufen, weil sie gerade krank ist. Sollte ich jemandem Blumen schicken? So habe ich mein ganzes Leben lang empfunden. Ich erinnere mich noch, als ich jung war, hatte ich einen verrückten Hut. Wenn ich damit Cabrio fuhr, stülpte er sich im Fahrtwind auf wie die Ohren eines Elefanten. Also trug ich ihn ständig, weil ich im Rückspiegel sah, dass die Fahrer hinter mir lachten. Und ich wollte die Leute zum Lachen bringen. Vielleicht ist das mein wahres Ziel. Womöglich habe ich in meinem vorherigen Leben das Versprechen abgegeben, zurückzukommen und Gutes zu tun. Aber natürlich halte ich mich nicht für wichtiger als andere Menschen. Ich bin ein ganz normaler Durchschnittsbürger und möchte nicht wie ein Filmstar wirken, der seine hochtrabenden Ideen verzapft.

Die Fragen stellten Rüdiger Sturm