Mode

Alte Klamotten sind der neueste Schrei

| Lesedauer: 8 Minuten
Anne Petersen

Individueller, besser verarbeitet und oft erstaunlich günstig: Vintage-Mode boomt. Besonders Online-Auktionen lohnen sich. Jetzt versteigert Top-Model Erin O'Connor bei Christie's ihre Klassiker der Modegeschichte und auch sonst gibt es Hermès-Roben, Chanel-Jacken und Dior-Schuhe zu Schnäppchenpreisen.

Es gibt Punkte im Leben, da muss man einfach mal seinen Schrank aufräumen. Wer Kleider aussortiert, verabschiedet sich von einer bestimmten Phase seines Lebens. Auch als Gloria von Thurn und Taxis vor zwei Jahren ihre Garderobe neu ordnete, war das nur der letzte Schritt, die endgültige Besiegelung ihrer Metamorphose von der provokanten "Punker-Fürstin" zur stilsicheren Familienpatriarchin. Was sie aussortierte, landete natürlich nicht im Altkleidersack, sondern im Modeauktionshaus. Und zwar bei "Kerry Taylor" in London . Für manche Teile wurden hübsche Summen erzielt, ein Thierry-Mugler-Anzug brachte damals allein 14.000 Pfund (etwa 17.700 Euro) ein. Das ist heute kein ungewöhnlicher Preis für Vintage-Kleider.

Seit Hollywood-Stars wie Julia Roberts, Renée Zellweger oder Angelina Jolie den roten Teppich in alten Designerkleidern ablaufen, wird das Kaufen und Tragen von Entwürfen älteren Datums immer beliebter. Auktionshäuser entdecken hier ein neues lukratives Geschäftsfeld. Seit etwa fünf Jahren haben sich nicht nur die Nachfrage nach Vintage-Mode, sondern auch die Preise verdoppelt, schätzt Kerry Taylor, die seit 30 Jahren mit alter Designer-Mode handelt. "Als ich anfing, bekam ich vielleicht einige 100 Pfund für eine erstklassige Dior-Robe", erzählt die Londoner Expertin, die bei Sotheby's arbeitete, bevor sie sich selbstständig machte. Dass es heute einige Tausend Pfund sind, erklärt Taylor vor allem mit der steigenden Nachfrage großer Museen wie dem Metropolitan Museum of Art in New York oder dem Victoria & Albert Museum in London, die mehr und mehr dazu übergehen, neue Ausstellungsstücke für ihre Textilabteilungen auf Auktionen zu erwerben.


Dazu kommt das Interesse der Modehäuser selbst, ihre Archive mit alten Entwürfen zu füllen. Aber auch immer mehr Privatkundinnen interessieren sich für Vintage-Auktionen. Die Vorteile eines alten Designerkleides liegen für Kerry Taylor auf der Hand: "Die Kleider sind immer hervorragend verarbeitet, sehr individuell und die beste Versicherung gegen eine zweite Person im gleichen Outfit." In der Regel kostet ein Vintage-Teil weniger als ein neues Kleid und ist trotzdem eine bessere Investition, weil man es womöglich, genau wie ein Kunstwerk, nach einiger Zeit sogar mit Gewinn wieder verkaufen kann.

Die Auktions-Umsätze verzehnfachen sich

Bei Christie's in London gab es Mitte der 90er-Jahre die ersten Vintage-Mode und Accessoire-Auktionen; die Umsätze in diesem Bereich haben sich seitdem verzehnfacht. Meist im Komplettpaket mit Interieur und Design des 20. Jahrhunderts versucht man mit Mode ein eher jüngeres Publikum zu erreichen. Handelt es sich zudem um eine Prominente, die (meist für einen guten Zweck) ihren Kleiderschrank ausgemistet hat, erhöht das natürlich noch die Begehrlichkeit. Die Prada-Robe der Schauspielerin Uma Thurman kam zum Beispiel für 9200 US-Dollar (rund 6200 Euro) unter den Hammer. Kleider alter Hollywood-Legenden erzielen noch höhere Preise: Marilyn Monroes "Happy Birthday Mr. President"-Kleid wurde für 1.267.500 US-Dollar (rund 852.000 Euro) verkauft. Für ein Givenchy-Abendkleid aus der Garderobe von Audrey Hepburn zahlte jemand 467.200 Pfund (rund 590.000 Euro).

Am 16. September, wenn sich in London South Kensington wieder Stylisten, Designer und Modeliebhaberinnen zum legendären "Vintage Fashion Sale" bei Christie's einfinden, versteigert das britische Top-Model Erin O'Connor einen Teil ihrer Garderobe. Die 30 Jahre alte Engländerin verkauft ihre eigene Designermode von Labels wie Marc Jacobs, Marni oder Ralph Lauren, darunter unter anderem auch Chanel-Taschen, die Karl Lagerfeld ihr geschenkt hat, und ein Versace-Kleid, das zu ihrem 21. Geburtstag angefertigt wurde.

Museen, Sammler, Stylisten steigern mit

Das alles zu erschwinglichen Schätzpreisen ab etwa 200 Euro und – ein Mager-Model ist O'Connor nicht – in Größen von 36 bis 40. Kleider, die sicherlich in erster Linie Privatpersonen ersteigern werden, die, laut Christie's Modeexpertin Patricia Frost, ein Drittel der Bieter ausmachen. "Die übrige Bieterschaft setzt sich zusammen aus Museen, Institutionen, Sammlern und Händlern sowie Stylisten und Agenten, die für ihre prominenten Kunden wie Kate Moss oder Gwyneth Paltrow kaufen", so Frost.

Ein riesiger globaler Markt sei das Vintage-Mode-Geschäft mittlerweile, bestätigt auch Kerry Taylor. Dass sie jetzt auch viele Bieter aus Hongkong, Peking oder Tokio hat, liegt natürlich an der Möglichkeit, online zu bieten. Diesen Vorteil versuchen auch kleinere Auktionshäuser, besonders in Deutschland, zu nutzen. Denn bei uns ist der Handel mit alten Kollektionsteilen hochwertiger Designermode noch eine Marktlücke. Das Münchener Auktionshaus Neumeister etwa, eigentlich bekannt für Kunst des 19. Jahrhunderts, veranstaltete in diesem Frühjahr eine erste Kleiderauktion aus dem Fundus einer amerikanischen Privatsammlerin. Interessenten konnten in Zehn-Euro-Schritten im Internet bieten. "Das war für uns natürlich ein Versuch, eine neue Zielgruppe von jungen Kunden um die 30 anzusprechen", so Courtenay Smith, die bei Neumeister für modernes und zeitgenössisches Design zuständig ist. "Leute, die das Internet gewohnt sind und sonst bei Ebay einkaufen."

Seidenkleid von Chanel für 265 Euro

An diese Zielgruppe richtet sich auch das Angebot des dänischen Auktionshauses Lauritz.com. Hier versucht Mikhil Shay, Taxierungsexperte im Vintage-Bereich in der Düsseldorfer Filiale, ein Sortiment an hochkarätiger Designerkleidung und Accessoires anzubieten. "Klassische Marken wie Chanel, Hermès und Louis Vuitton laufen immer", berichtet er. "Wenn der Karton oder die Dust-Bag noch dabei sind, wird ein noch höherer Preis erzielt." Weil es in der Regel bei Lauritz.com keine Mindestpreise gibt und das Geschäftsfeld Mode für einige Mitarbeiter sehr neu ist, kann man hier tatsächlich noch Schnäppchen machen - zum Beispiel, wenn ein Seidenkleid von Chanel mit einem Schätzpreis von nur 265 Euro taxiert wird. Eine ideale Adresse für Einsteiger also.

Die logische Konsequenz aus dem neuen Lieben zu alten Kollektionen zieht Wolfgang Joop. Sein gerade neu eröffneter Laden "Wunderkind Vintage" in Berlin Mitte überspringt die Schritte Sale und Outlet und adelt Kollektionsreste direkt durch Verleihung des Titels "Vintage". So schnell wird aus der veralteten Klamotte der vergangenen Saison ein zeitloses Designstück. Für die Kunden hat diese schnelle Umwidmung den Vorteil, dass der lästige Umweg durch fremde Kleiderschränke gespart wird. Niemand muss sich mehr Gedanken machen, aus welcher Wohnungsauflösung der neu erworbene alte Pelzmantel stammt. Im besten Fall unterscheidet ein erworbenes Vintage-Teil nichts von den schon im eigenen Schrank hängenden, zeitlosen Kleidungsstücken, für die man mal etwas mehr Geld investiert hat, um sie dann länger als eine Saison zu tragen.

Glück haben alle, die eine Großmutter oder Mutter haben, die nicht nur stilsicher ist, sondern immer auch sorgfältig im Umgang mit ihrer Kleidung war. Wenn sie zudem schon zu einem möglichst frühen Zeitpunkt in ihrem Leben ein Problem damit hatte, sich von Kleidung zu trennen, ist ihr Schrank eine Fundgrube. Zu schade nur für Maria Theresia und Elisabeth von Thurn und Taxis: Ihre Mutter hat ihren Kleiderschrank leider schon ausgemistet.

Adressen: Vintage-Sale bei Christie's:16. September 2008, 13 UhrOld Brompton Road 85, London SW73LD, www.christies.com ; www.kerrytaylorauctions.com ; www.lauritz.com ; www.neumeister.com.

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