Film

Superheld in Superkrise: "Deadpool 2"

In „Deadpool 2“ ist der große Antiheld nur noch eine Comicfigur wie viele. Was früher Parodie war, wirkt jetzt eher wie ein Plagiat.

Explitzite Gewalt mit reichlich Flüchen: Deadpool (Ryan Reynolds) ist auch beim zweiten Mal wenig zimperlich

Explitzite Gewalt mit reichlich Flüchen: Deadpool (Ryan Reynolds) ist auch beim zweiten Mal wenig zimperlich

Foto: 20th Century Fox

Im ersten Teil war Deadpool der Superheld, der kein Held sein will. In "Deadpool 2" wird die Verweigerungshaltung noch grundsätzlicher. Er ist der Su­perheld, der gar nicht mehr sein will. Dabei sollte der Film, so erzählt der Protagonist das gewohnt geschwätzig dem Zuschauer direkt in die Kamera, ein Familienfilm sein. Und seine große Liebe (Morena Baccarin), die er am Ende des ersten Teils wiedergewonnen hat, eröffnet ihm nun zu Beginn des zweiten, dass sie schwanger ist. Aber während man noch überlegt, ob es je einen Comic-Helden gab, der Papa wurde, wird die große Liebe vor seinen Augen getötet.

Die Folge: Schock, Selbstmitleid, Suizidversuch. Der Mann im roten Latexanzug dreht das Gas auf, stellt ein paar Benzinkanister in die Wohnung, betätigt sein Feuerzeug – und wird mit Wums, was nicht eben appetitlich anzusehen ist, regelrecht zerrissen. Aber alles halb so schlimm: Deadpool ist ja, seit er genmanipuliert wurde, unkaputtbar. Da können sogar Kopf und Körperteile wegfliegen, sie wachsen in Kürze wieder nach.

Ein Comicfilm für Fans und Feinde

"Deadpool" war vor zwei Jahren ein Überraschungs-Erfolg. Ein Comic-Held, der politisch komplett inkorrekt war, der mit Lust fluchte und metzelte, vor allem aber partout nicht zu den heroischen X-Men-Mutanten zählen wollte: Das war eine Comic-Parodie par excellence, an der sich nicht nur Comic-Fans ergötzen konnten, für die es viele Insider-Gags gab, sondern auch all jene, die mit dem ganzen Comic-Kram im Kino gar nichts anfangen können.

"Deadpool" war vor allem auch eine Rehabilitation des Hauptdarstellers: Ryan Reynolds hatte sich schon mal im Superheldengenre versucht, als "Green Lantern" im grünen Latex. Der Film aber war Reinfall. Das Trauma hat er dann, diesmal in Rot und Rotzfrech, erfolgreich verarbeitet.

Was ihm als Grüne Laterne nicht gelang, hat er als Deadpool spielend geschafft: eine Fortsetzung. Die hat Reynolds nicht nur , wie schon im ersten Teil, auch mitproduziert. Er hat noch mehr Mitspracherecht durchgesetzt – bis Tim Miller, Regisseur von Teils Eins, nach kreativen Differenzen das Handtuch warf und durch David Leitch ("John Wick") ersetzt wurde. Und Reynolds hat auch gleich noch am Drehbuch mitgeschrieben. Das Schreiben allerdings ist nicht unbedingt seine Superkraft.

"Deadpool 2" bleibt ein Familienfilm, trotz allem. Der Antiheld muss, quasi als Ersatzvater, einen jungen Mutanten namens Russell (Julian Dennison) beschützen, der ziemliche Feuerbälle werfen und reichlich Schaden anrichten kann. Ein finsterer Kerl namens Cable (Josh Brolin) reist extra aus der Zukunft an, in der der erwachsene Russell seine Familie ausgelöscht hat, um den Jungen gar nicht erst zum Manne reifen zu lassen. Da muss man nicht nur von ungefähr an "Terminator" denken, Josh Brolin blinkt auch was Rotes aus einem Auge wie weiland Arnold Schwarzenegger.

Und das ist nur eins von vielen Momenten, die diesmal weniger als Parodie denn als Plagiat erscheinen. "Deadpool 2" ist irgendwie normaler geworden, ein Comic-Film wie so viele. Die Titelfigur rekrutiert auch ein kleines Team, eine (Anti-) Helden-Familie, als müsste auch er einen Avenger-Club gründen Da liefert die Konkurrenz aber deutlich mehr an Stars unter den Heldentrikots. Und das mühsam zusammengestellte Team geht hier auch gleich wieder hops.

"Deadpool 2" will ganz viele Geschichten auf einmal erzählen, aber letztlich sind sie doch bloß Anlässe für die nächsten Gemetzel, die wie schon im ersten Film wieder sehr blutig und drastisch geraten. Am Ende hängen aber nicht nur überall abgetrennte Extremitäten im Bild, sondern vor allem die losen Handlungsstränge, die einfach nicht zusammenwachsen wollen. Danach mag man am liebsten noch mal Teil Eins gucken. Der war um Längen besser. Eins aber muss man Reynolds zugute halten: seine Größe zur Selbstironie, die in Hollywood nicht eben häufig zu finden ist.

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