Volksbühne

Milan Peschel glaubt an Rettung der Volksbühne

Der Berliner Schauspieler Milan Peschel über die Zukunft der Volksbühne in Berlin und den Abgang von Chris Dercon. Ein Gespräch.

Schauspieler Milan Peschel

Schauspieler Milan Peschel

Foto: Reto Klar

Die Volksbühne war die künstlerische Heimat von Milan Peschel. Hier hat er als Tischler begonnen, hier hat er, als er zum Schauspieler umlernte, unter Castorf gespielt und lange zum Ensemble gezählt. Dass die Intendanz von Chris Dercon zum Scheitern verurteilt sein würde, hat der Schauspieler früh geahnt. Dass es so schnell kommen würde, hat ihn aber selbst überrascht. Der Schauspieler über die desaströse Kulturpolitik und den Volksbühnen-Geist, der dennoch weiter besteht.

Herr Peschel, Sie haben es kommen sehen. Sie haben gesagt, die Volksbühne fühle sich wie ein Grab an, nachdem Dercon übernommen hatte. Ist es schlimm, recht gehabt zu haben?

Milan Peschel: Nein, schrecklich ist, dass es überhaupt so weit gekommen ist. Aber wie Sophie Rois so schön gesagt hat, ist der Drops jetzt Gott sei Dank gelutscht.

War der Abgang von Chris Dercon ein Fiasko mit Ansage?

Es waren zumindest immer mehr, die das so gesehen haben. Anfangs gab es ja durchaus auch viel Fürsprache für Dercon. Obwohl doch schon zu sehen war, dass das alles nur Sprechblasen, hohle Sprechblasen waren, für die es überhaupt keine Grundlagen gab, weder inhaltliche noch kulturpolitische. Insofern haben Sie schon recht, ist es ein komisches Gefühl, recht gehabt zu haben. Man muss schon fragen, wieso niemand auf die Stimme der Vernunft, in diesem Fall: der Kritik gehört hat.

Haben Sie selbst je einmal persönlich mit Chris Dercon zu tun gehabt?

Der einzige Kontakt, den ich hatte, war irritierenderweise am Tag meiner allerletzten Vorstellung in der Volksbühne mit Polleschs „Dark Star“. Der erste, den ich da sah, als ich ins Haus kam, und der freundlich grüßte, war Chris Dercon. Das fühlte sich nicht gut an.

Haben Sie danach Produktionen unter Dercon in der Volksbühne gesehen?

Nein, ich war seit 1. Juli nicht mehr in der Volksbühne. Es hat mich einfach nicht interessiert. Ich wollte auch nicht den kleinsten Beitrag dazu leisten, dass das in irgendeiner Form Erfolg haben könnte. Denn ich wusste, dass das erstens nicht gut gehen kann und dass zweitens Dercon installiert worden ist, um diese 25 Jahre der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz zu beenden.

Was glauben Sie, wird nun geschehen? Kann man das Haus noch retten oder ist es jetzt nachhaltig geschädigt?

Das Haus ist natürlich geschädigt. Aber das Theater lag ja schon mal am Boden, bevor Frank Castorf es übernahm. Natürlich kann man es retten. Das Haus verfügt nach wie vor über ein unglaubliches Potenzial, das von denen, die das zuletzt geleitet haben, überhaupt nicht genutzt wurde. Natürlich muss man sich fragen: Was wurde hier zerstört? Aber ich glaube schon, dass das Theater zu retten ist. Und auch wenn’s ausgelutscht klingen mag: Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Vielleicht hätte sich das sonst noch fünf Jahre so hingeschleppt.

Und könnten Sie sich vorstellen, wer Dercon nachfolgen kann? Gibt es da Hoffnungen bei Volksbühnen-Mitstreitern?

Eins steht fest, hier wird wieder Theater gemacht. Aber wie das aussehen und wer das leiten wird, das wird man sehen müssen. Ich möchte mich da auch in gar keiner Form zu Spekulationen hinreißen lassen.

Wer nicht zuvor schon ernüchtert war über die Berliner Kulturpolitik, war es spätestens seit Dercons Abgang. Wer wird jetzt federführend sein bei der Nachfolgesuche, der Kultursenator, der Regierende?

Ach, Michael Müller hat doch da gar nichts zu melden, der wird nur eine Unterschrift drunter setzen. Das hat er bei Dercon ja auch so gemacht. (...) Ich kann nur hoffen, dass das wie vor 25, 26 Jahren ein transparenter Prozess wird. Da haben kompetente Leute, Ivan Nagel allen voran, gesagt: Lasst das mal Frank Castorf machen. Entweder ist er in drei Jahren berühmt oder tot. Das war ein sehr öffentlicher Vorgang. Und das kann man sich jetzt nur wieder so wünschen. Vor allem kann man sich nur wünschen, dass man jemanden findet, dessen erste Priorität nicht die ist, Intendant der Volksbühne zu sein. Ich fürchte, mit der Absicht treten jetzt einige Leute auf den Plan.

Wenn ein Nachfolger gefunden ist und der würde Sie fragen, ob Sie wieder ans Haus kommen wollten, stünden Sie bereit?

Ich liebe dieses Haus. Wenn es Arbeitszusammenhänge sind, die für mich als Schauspieler interessant und spannend wären, kann ich mir das natürlich vorstellen. Aber ich würde nicht mehr fest in ein Ensemble gehen. Ich bin 2008 gegangen, um mehr Filme zu machen und weil ich auch selbst Regie führen wollte. Aber die Entscheidung war nie ein Abschied, ich war dem Haus dennoch verbunden. Das war immer meine künstlerische Heimat. Mehr noch, fast mein ganzes Berufsleben bin ich mit der Volksbühne verbunden. Schon allein wegen der tollen Mitarbeiter hinter der Bühne wäre ich sofort wieder dabei.

Treffen sich alte Volksbühnen-Mitarbeiter eigentlich noch, oder ist auch das jetzt mit der Ära Castorf zu Ende gegangen und die Mitstreiter sind in alle Winde zerstreut?

Zerstreut wurden wir nicht. Es gibt da eine ganz starke Verbindung, auch wenn man sich nicht so oft sieht. Aber wenn es dann doch mal geschieht, und sei es nur zufällig auf der Straße, ist dieses dicke Band einfach da. Das hängt damit zusammen, dass wir alle dort eine ganz starke künstlerische Autonomie und Freiheit erlebt und gelebt haben, das schweißt zusammen.

Mehr zum Thema:

Frank Castorfs „Faust“ ist wiederauferstanden

Die Berliner Volksbühne bleibt umkämpft

Chris Dercon wird noch bis Ende des Jahres bezahlt