Schon bevor am heutigen Abend zum 71. Mal die Internationalen Filmfestspiele von Cannes mit „Everybody Knows“, dem neuen Film von Oscar-Gewinner Asghar Farhadi, eröffnet werden, steht fest, dass beim wichtigsten Filmfestival der Welt in diesem Jahr einiges anders sein wird. Das fängt schon bei der Terminierung an: Bislang lief die Veranstaltung von Mittwoch bis Sonntag, nun wird alles einen Tag vorgezogen. Man wolle die Verleihung der Goldenen Palme als (auch im Fernsehen live übertragene) Samstagabend-Festivität zelebrieren, so die ursprüngliche Erklärung.

Inzwischen machen die Verantwortlichen keinen Hehl mehr daraus, dass die Vorverlegung ein Zugeständnis an die französischen Verleiher ist, die ihre Filme traditionell mittwochs ins Kino bringen und den Presserummel so noch idealer nutzen können. Die Glamourfotos, die heute von den Hauptdarstellern Penélope Cruz und Javier Bardem geschossen werden, flankieren also auch den morgigen Kinostart des ersten spanischsprachigen Film des Iraners Farhadi.

In der Causa Weinstein war Cannes auch ein Tatort

Gab es die Wettbewerbsfilme für Journalisten schon vor der abendlichen Gala-Premiere zu sehen, finden die Pressevorführungen nun frühestens parallel statt oder gleich einen Tag später. Festivalleiter Thierry Frémaux will so verhindern, dass – im Fall eines Flops – die Promis auf dem roten Teppich miese Laune haben, weil sie online schon schlechte Kritiken lesen konnten.

Andere Festivals wie etwa die Berlinale umgehen solche Situationen, indem sie ein Embargo verhängen, Kritiken also erst ab einem festgelegten Zeitpunkt veröffentlicht werden dürfen. In Cannes hält man eine solche Regelung in Zeiten von Twitter für nicht umsetzbar. Auch sonst scheinen Frémeaux und sein Team mit dem Internet zu fremdeln. In diesem Jahr gilt auf dem roten Teppich erstmals ein Selfie-Verbot. Welche Auswirkungen das auf die Instagram-Feeds der zahllosen, in Designer-Outfits gehüllten Schauspielerin hat, die allabendlich zu den Premieren strömen, bleibt abzuwarten.

Das Festival eröffnet mit „Everybody Knows“ mit  Penelope Cruz als Laura und Javier Bardem
Das Festival eröffnet mit „Everybody Knows“ mit Penelope Cruz als Laura und Javier Bardem © dpa

Und auch Netflix ist von der Croisette inzwischen verbannt: Während im vergangenen Jahr gleich zwei Filme des Streamingdienstes um die Goldene Palme konkurrierten, wollte man dieses Jahr keine Filme mehr in den Wettbewerb einladen, die nicht später auch im Kino laufen. Auf Vorführungen außer Konkurrenz ließ Netflix sich nicht und zog alle eingereichten Filme zurück. Der neue Film von Alfonso Cuarón oder auch das aufwändig fertiggestellte letzte Werk von Regielegende Orson Welles werden daher weiter auf ihre Weltpremieren warten müssen.

All diese Veränderungen, der Aktionismus und die Diskussionen im Vorfeld des diesjährigen Festivals lassen sich auch als Zeichen einer Krise deuten. Das hat fraglos auch mit der Causa Weinstein zu tun, die auch ein Dreivierteljahr danach noch für Erschütterungen sorgt. In Cannes war Weinstein stets besonders präsent. Der „Guardian“ schrieb deshalb schon vor ein paar Tagen, das Festival sei in diesem Jahr auch ein Tatort, schließlich soll der Hollywood-Produzent viele seiner vermeintlichen Taten (etwa die Vergewaltigung der Schauspielerin Asia Argento) genau hier verübt haben.

Festivalleiter Thierry Frémaux hat neue Festivalregeln festgelegt
Festivalleiter Thierry Frémaux hat neue Festivalregeln festgelegt © REUTERS | JEAN-PAUL PELISSIER

Im Jahr Eins nach Weinstein ist es auch Frémeaux nicht entgangen, dass sein Festival auf #MeToo und die Umwälzungen reagieren muss, die in Sachen Diversität derzeit in der Filmbranche stattfinden. Nur wie das am besten zu tun ist, scheint in Cannes noch niemand zu wissen. Zwar gibt es erstmals eine Hotline, auf der Festivalbesucher, sexuelle Übergriffe melden können.

Und auch dass in der von Cate Blanchett geleiteten Jury diesmal mehr Frauen als Männer sitzen, wird als Zugeständnis gewertet. Unter den 21 Filmemachern, die um die Goldene Palme konkurrieren, befinden sich mit der Libanesin Nadine Labaki, der Italienerin Alice Rohrwacher und Lokalmatadorin Eva Husson aber einmal mehr lediglich drei Regisseurinnen. In der wichtigsten Nebenreihe Un Certain Regard liegt der Frauenanteil immerhin bei fast 40 Prozent.

Einer der wenigen US-Beiträge: „Solo: A Star WArs Story“ mit Alden Ehrenreich als Han Solo
Einer der wenigen US-Beiträge: „Solo: A Star WArs Story“ mit Alden Ehrenreich als Han Solo © dpa | Jonathan Olley

Auch das amerikanische Kino ist im Wettbewerb auffällig wenig präsent. Es ist lediglich durch Spike Lees „BlacKkKlansman“ und David Robert Mitchells „Under the Silver Lake“ vertreten, außerdem feiert „Solo: A Star Wars Story“ außer Konkurrenz seine Weltpremiere. Die großen Hollywood-Studios scheinen ansonsten für ihre Prestige-Produktionen inzwischen die Festival-Konkurrenz in Venedig und Toronto zu bevorzugen, die näher an der Oscar-Saison liegt.

Natürlich lassen sich auch wieder allerlei alte Bekannte im diesjährigen Programm finden, etwa Kino-Urgestein Jean-Luc Godard, Nuri Bilge Ceylan aus der Türkei, die Franzosen Stephane Brizé und Christoph Honoré oder, in Nebensektionen, die deutschen Regisseure Wim Wenders und Margarethe von Trotta. Außer Konkurrenz ist sogar Lars von Trier wieder vertreten, der nach seinem Skandalauftritt vor sieben Jahren noch zur persona non grata erklärt worden war. Dazu gesellen sich allerdings auch ungewöhnlich viele Namen, die nur eingeschworenen Cineasten ein Begriff sind. Doch in jeder vermeintlichen Krise steckt auch eine Chance, und womöglich vermögen genau diese dem Festival frischen Wind einzuhauchen.