Michael Manns "Public Enemies", die Sage über den Gangster John Dillinger, gehört eigentlich in die Weiten des amerikanischen Mittelwestens. John Dillinger war ein Junge vom Lande, vor der Polizei versteckte er sich im Walde, und die meisten der von ihm überfallenen Banken befanden sich in Käffern.

Auf der anderen Seite ist Michael Mann ein Stadtregisseur; seine Filmografie - mit der Ausnahme des "Letzten Mohikaners" - legt davon Zeugnis ab: "Der Einzelgänger", "Heat", "Collateral".

So wenig wie der Schauplatz klar festzulegen ist, so wenig passt Johnny Depp als John Dillinger in die Filmgangsterschablone. Er ist kein eiskalter Organisator wie Al Capone und genauso wenig ein impulsiver Robin Hood. Sehr früh sehen wir Dillinger bei einer Gefängnisbefreiung, die Entflohenen rennen zum Fluchtwagen, nur einer - schon verwundet - schafft es nicht aufzuspringen. Dillinger versucht ihn hineinzuhieven - und erst als der Griff des tödlich Verwundeten erschlafft, lässt Dillinger seine Hand fahren.

Immer ein Gegenspieler

Auf diesen Akt der Kameraderie folgt einer der Desolidarisierung: Dillinger stößt den Kumpanen, der die Sache vermasselt hat, brutal aus dem fahrenden Wagen. Diese Ambiguität - oder Unentschlossenheit? - gegenüber seiner Hauptfigur findet sich im ganzen Film wieder. Es gibt einen Gegenspieler, wie es immer einen Antagonisten bei Michael Mann gibt; man erinnere sich an den Verbrecher Robert De Niro und den Polizisten Al Pacino in "Heat". Dieser Gegenspieler wird hier von Christian Bale gespielt, er wurde von der Bundespolizei auf die Spur des Serienbankräubers gesetzt.

Von einem Duell Depp/Bale à la De Niro/Pacino kann allerdings keine Rede sein, dafür fokussiert Mann seinen Blick nicht genug. "Public Enemies" will nämlich auch noch ein Film über die Politik sein, die damals in den Vereinigten Staaten mit der Verbrechensbekämpfung gemacht wurde. So gibt es die heimliche dritte Hauptfigur J. Edgar Hoover, den Chef der noch unerfahrenen Bundespolizei (aus der bald das FBI werden sollte), gespielt von Billy Crudup.

Hoover mit seinen verdeckten Zielen ist die ganze Zeit im Hintergrund des Films präsent, und zu den eindrücklichsten Szenen gehört eine frühe (illegale) FBI-Telefonabhöraktion, bei der die Unterhaltungen auf Wachsschallplatten (!) aufgezeichnet werden. In das traditionelle Mann-Männerduell dringen also plötzlich Politik und Geschichte ein, was "Public Enemies" nicht gut tut, da sie ihm den klaren Fokus rauben.

Kriegerische Geräuschkulisse

Wir wissen auch nie genau, was wir von diesem Johnny Dillinger halten sollen, denn Michael Mann wählt keine der üblichen Perspektiven auf ihn, weder die des brutalen Kriminellen noch jene des romantischen Rebellen. So bleibt in "Public Enemies" Manns Leidenschaft für das Detail; z.B. hat sicher nie ein Regisseur so besessen daran getüftelt, die verschiedenen Einschlagsgeräusche von Kugeln in Metall, Holz oder Stein herauszuarbeiten. Es bleiben die Mann'schen Schießereien, bei denen sich stets ganze Armeen zu bekriegen scheinen statt Polizisten und Räuber, und die unglaubliche Nachtfotografie mit extrem lichtstarken elektronischen Kameras - und der Mannsche Respekt vor dem Professionalismus gestandener Männer, egal, auf welcher Seite des Gesetzes.

Man glaubt zu spüren, wie Michael Mann ein Gangsterbild sucht, das unserer Zeit angemessen ist. Am Ende sitzt sein John Dillinger (wie der reale) in einem Kino in Chicago und sieht sich einen Gangsterfilm an, "Manhattan Melodrama" mit Clark Gable. Gable, der auf dem elektrischen Stuhl landen wird, lächelt sein unverschämtes Tunichtgutlächeln, zu dem auch Depp in der Lage ist, das er sich aber den ganzen Film über verkniffen hat, weil sein Regisseur weiß, dass es nur Hollywoodgangster aufsetzen können. Dann verlässt Depp das Kino, wie Dillinger es am 22. Juli 1934 verließ, und wird von Bundespolizisten erschossen.