Als vorigen Herbst "Der Baader-Meinhof-Komplex" die deutschen Kinos bespielte, okkupierte parallel "Public Enemy No.1" die französischen. Die Vergleiche sind unvermeidlich. Uns Deutschen geht es mit Jacques Mesrine wie den Franzosen mit Andreas Baader und Ulrike Meinhof: Wir haben nur eine schemenhafte Vorstellung davon, was die Nachbarn jenseits des Rheins ein Jahrzehnt lang in Atem hielt.
Beide Filme beginnen mit einem für ihr Land einschneidenden Ereignis, der "Komplex" mit den Anti-Schah-Demonstrationen in Berlin und der Tötung des Studenten Benno Ohnesorg durch die Polizei, der "Public Enemy" mit der Folterung algerischer Freiheitskämpfer durch die französischen Kolonialherren; zu ihnen gehört der junge Wehrpflichtige Jacques Mesrine.
Regisseur Uli Edel entwirft das Panorama einer Bewegung, die sich in einen politischen und einen terroristischen Flügel spaltet. Sein Kollege Jean-François Richet konzentriert sich auf einen Einzelnen: Mesrine, den nach seiner Rückkehr aus Algerien die Ereignislosigkeit einer zivilen Existenz anödet, der erst schiefe Dinger dreht, ins Zuhältermilieu gerät, den ersten Mord begeht - und Unterweltkarriere macht.
Der Vorwurf, den viele dem "Baader-Meinhof-Komplex" bereiteten - es werde zu viel geballert -, wäre bei "Public Enemy No. 1" unangebracht: Die Mesrine-Biografie will ein Gangsterfilm sein. Mesrines Beruf(ung) war es, Banken zu überfallen.
Der Franzose Jean-François Richet inszeniert seinen Film - dem der deutsche Verleih idiotischerweise einen englischen Titel aufgeklebt hat - in drei verschiedenen Stilen. Großes Vorbild ist der atmosphärisch düstere " polar ", der französische Gangsterfilm, wie ihn Melville und Delon in den Sechzigern schufen und der jüngst in Frankreich eine Renaissance erlebte. Wenn Mesrine, um dem Fahndungsdruck zu entkommen, mit seiner Geliebten Jeanne (Cécile de France) nach Kanada flüchtet, weitet sich die Enge der Großstadt in Landschaften, wo es eine Weile nur Jacques und Jeanne gibt: eine Bonnie-und-Clyde-Hommage. Schließlich nimmt Richet Anleihen beim klassischen amerikanischen Gefängnisfilm.
Drei verschiedene Stile in zwei Stunden können einen Film zum Sinken bringen, aber "Public Enemy No.1" bannt diese Gefahr, indem er vier (!) Stunden dauert. Worin ein Risiko liegt, denn bei dieser Spielzeit musste der Film in zwei Hälften geteilt werden, die im Abstand von vier Wochen starten. In Frankreich hat das funktioniert, zwei Millionen sahen Teil 1 (Untertitel "Mordinstinkt"), und zwei Millionen kamen für Part 2 ("Todestrieb") zurück. Die Deutschen müssen bis 21. Mai auf die Fortsetzung warten - und bekommen danach ein zweites derartiges Experiment: Steven Soderberghs Guevara-Biografie "Che" startet im Juni/Juli in zwei Teilen mit sechs Wochen Abstand.
Der Gesamt-Mesrine ist fast doppelt so lang wie der "Baader-Meinhof-Komplex" und vermeidet dessen atemloses Abhaken von Pflichtereignissen. Der Hauptvorwurf gegen Eichingers Produktion aber bezog sich auf seinen beständig unbeständigen Standpunkt: Er gab den RAF-Romantikern ihre Helden und den BKA-Sympathisanten ihre Verbrecher. Richets Film nimmt konsequent einen Standpunkt ein, und das ist der von Mesrine.
Wenn man als Zuschauer am Ende mit zwiespältigen Gefühlen auf seine Leiche blickt, hat das viel mit Vincent Cassel zu tun. Ihm nehmen wir alle Facetten ab: den unwiderstehlichen Charmeur und den brutalen Mörder, den schlechten Ehemann und den guten Vater, den Banditen mit Ehrgefühl und den Psychopathen.
Nachdem sich "Enemy" und "Komplex" eine Weile auseinander entwickelt haben, bewegen sie sich wieder aufeinander zu. "Ich kann dir auch den Baader machen!", ruft Mesrine seinem Lieblingskommissar zu. Mitte der Siebziger sitzen in Frankreich wie in Deutschland die Staatsfeinde Nr. 1 hinter Gitter - und beherrschen doch den öffentlichen Diskurs, durch Hungerstreiks oder Memoiren oder publikumswirksame Gerichtsauftritte. Den Mantel des Kampfes gegen ein "ungerechtes System", den die RAFler schon lange tragen, hat sich auch Mesrine übergestülpt - und damit wird ein Mesrine in Freiheit für den französischen Staat so untolerierbar wie es ein Baader außerhalb Stammheims gewesen wäre.
Frankreich 2008
110 min. ab 16 Jahren
Regie: Jean-Francois Richet
Darsteller: Vincent Cassel, Cécile de France, Gérard Depardieu, Ludivine Sagnier




