Wir machen hier keine Vorschriften. Ganz bestimmt nicht. Nichts liegt uns selbstredend ferner, als unsere Leser zu bevormunden. Aber an dieser Stelle muss vorweg vorsichtshalber ein kleiner Ratschlag erlaubt sein: Sollten Sie in den kommenden Tagen und Wochen von Ihren Kindern genötigt werden, sich auch noch den dritten Teil der Geschichte von Manni, dem Mammut, Sid, dem Faultier, Diego, dem Säbelzahntiger, und all den anderen immer zahlreicheren Bewohnern des "Ice Age"-Universums zu unterziehen - verschieben Sie es auf einen Samstag, meinethalben auf einen Freitag. Gehen Sie bloß nicht am Sonntag ins Kino, Sie bekommen nur Ärger mit den Lehrern.

Die Eiszeitbewohner stehen nämlich diesmal - sehr viel mehr als früher - unter einem unheilvollen cineastischen Hochdruckeinfluss. Die gut neunzig Filmminuten sind derart voll mit optischen Knalleffekten gepackt, dass "Ice Age 3" ungefähr denselben Effekt auslöst, wie die üblichen vierundzwanzig Fernseh- oder Computerstunden am Wochenende: Die Kinder sind montags in der Schule hibbelig und zu nichts zu gebrauchen.

Dabei fängt alles so schön und ruhig und verheißungsvoll an. Die Eiszeit ist wieder eisig. Von der globalen Erwärmung, die noch im zweiten Teil um sich griff, ist magischerweise im dritten keine wässrige Spur mehr. Und im Entwicklungsroman, den die Eiszeit-Saga bisher erzählt hat, sind wir jetzt endgültig beim letzten Schritt ins Erwachsensein angekommen: Manni, das Mammut, wird Vater.

Das hat selbstredend Folgen für die immer größer werdende Herde, die sich nach dem Muster der Bremer Stadtmusikanten inzwischen um den harten Kern der Eiszeittiere geschart hat und irgendwie im Drehbuch weiterentwickelt werden muss. Diego fühlt seine Säbelzähne stumpf werden, er will Abenteuer. Sid will was ganz anderes. Auch eine Familie nämlich. Nur die Säbelzahnratte will immer nur das eine: die inzwischen leidlich berühmte Eichel. Kriegt sie aber auch diesmal nicht, immerhin jedoch etwas, das die Handlung weitertreibt und Sid verwehrt bleibt: eine ziemlich rabiate Artgenossin namens Scratte, in die sich Scrat Knall auf Fall verliebt.

Bleibt dem unbeweibten Sid nur eine Art Leihmutterschaft. In einer Höhle unter dem Eis findet er drei Eier, aus denen drei süße kleine Tyrannosaurier schlüpfen, die komplett auf Sid fixiert sind. Der scheitert auf ganzer Linie mit der vegetarischen Ernährung seiner Brut, ist aber ganz glücklich, bis eines Eiszeittages die wahre Dinomutter an die Oberfläche kommt. Sid wird entführt.

Und Mannis Herde hat endlich wieder eine Aufgabe - Sid retten. Sie klettern zum Mittelpunkt der Erde, wo sich vor ihnen eine Welt auftut, in der selbst Manni einigermaßen winzig ist, eine Welt, in der die Zeit stehen geblieben ist und kein Virus, kein Meteorit, keine Systemtheorie die Dinosaurier ausgelöscht hat. Angeführt vom einäugigen Wiesel Buck, einer Art Vergessene-Welt-Rambo, dringen sie immer tiefer in die Höhle der Dinos.

Und immer, wenn Mannis Rettungskreuzzug durch diesen Jurassic Quark zu langweilen droht, weil den Drehbuchdichtern wieder die Ideen ausgingen, was häufig passiert, werden mit der Handkante Scrat-Episoden in die Handlung geschlagen.

Möglicherweise weil die Geschichte so blass ist, weil regelmäßig Charaktere vergessen werden und die Dialoge (als Spätfolge des Drehbuchautorenstreiks?) bisweilen zum Teil zum Aufjaulen schlecht sind und man selbst zu Recht befürchtete, das wieder einmal typische Familiengeseiere könnte Europäern auf die Nerven gehen, hat Regisseur Carlos Saldanha seine Seele und die der Eiszeit zur Verschleierung der Geistesblöße des Plots den Nerds an den Computern der Blue Sky Studios verkauft. Die durften machen, was sie wollten.

Das hat, was die Ausstattung der Figuren angeht, sogar sehr großen Charme. Brillanter, liebevoller als im dritten Teil haben die Eiszeitler nie ausgesehen. Aber Fell und Pflanzen zu pixeln allein hat den Nerds nicht gereicht, sie verlangten nach mehr. Nach mehr Extremsituationen vor allem gerade für die 3D-Effekte. Und so bemüht sich ein optischer Effekt redlich, den auch schon spektakulären eben vorangegangenen tot zu schlagen. Immer wieder gibt es hier in Jurassic Quark neue Hänge, Höhlengänge, die hinuntergerast werden können, Vulkane explodieren, alles rettet, raset, flüchtet, bis sich beim Zuschauer die Augen sanft über Kreuz legen.

"Ice Age 3 - Die Dinosaurier sind los" hat zwar nicht annähernd dieselbe Spieldauer, aber dasselbe Problem wie Peter Jacksons "King Kong". Es ist schieres Überwältigungskino. Eine anderthalbstündige Datenmaterialschlacht, eine anderthalbstündige Raserei durch ein Pixelland, durch das nunmehr ein ziemlicher dünner Geschichtenstrom fließt, den es eigentlich fast gar nicht mehr braucht. Das Kino ist jetzt - in der Pionierphase des Dreidimensionalen - wieder da, wo es herkam. Auf dem Jahrmarkt.

Es wird, da muss man kein besonderer Prophet sein, noch einen vierten Teil geben. "Ice Age 3" ist eigentlich nur ein Brückenfilm. Denn der Entwicklungsroman muss ja weiter gehen. Die Familie wächst zusammen, auch Sid, stellen wir uns vor, wird verkuppelt, das Mini-Mammut schliddert als Eiszeitbambi die Hänge hinunter, Scrat und Scratte werden eine Schar von Eichel jagenden Scrattinos in die um sie herumrasende Welt setzen. Und wir werden mit unseren depperten 3D-Brillen im Universal-Fun-Park auf beweglichen Stühlen hocken, damit wir das neue Feuerwerk der Effekte noch unmittelbarer durchleben oder -leiden können als das alte.

Natürlich ist "Ice Age 3 - Die Dinosaurier sind los" trotzdem auch lustig (den Tango von Scrat und Scratte kann man gar nicht oft genug sehen). Natürlich hat es trotzdem auch seine Momente (auf den Moment der Niederkunft von Mammut-Mutti Ellie laufen vier Handlungsstränge zu und sind spektakulär parallel geschnitten). Natürlich wird die ganze Familie ein bisschen glücklich.

Hyperaktiv allerdings wird sie auch. Deswegen noch einmal: egal, was Sie nun tun mit diesem Film, tun Sie es bitte am Samstag.

USA 2009

94 min., ohne Altersbeschränkung

Regie: Carlos Saldanha, Michael Thurmeier

Sprecher: Otto Waalkes und andere