Gerade hat uns dank Darwins Jubiläum die ganze Medienwelt wieder daran erinnert, dass Mensch und Affe gemeinsame Vorfahren haben. Jetzt erinnert uns Christian Ditter daran, dass auch Hühner und Kerle sich die Ahnen teilen, nämlich hochlebendige Krokodile aus dem Ruhrgebiet. "Die Vorstadtkrokodile" hieß der einzige wirkliche Erfolg des Dortmunder Arbeiterdichters Max von der Grün.
Und ohne diesen Bestseller, der 1976 erschien und gleich im Jahr darauf von Wolfgang Becker fürs Fernsehen verfilmt wurde, wären Cornelia Funkes "Wilde Hühner" und Joachim Masanneks "Wilde Kerle" kaum denkbar. 30 Jahre nach Wolfgang Becker bringt Christian Ditter von der Grüns Kinderabenteuer nun ins Kino.
Ein schöner Sommer liegt über dem Land. Die Bäume, die Backsteinhäuser duften. Und alles ist, wie es eigentlich nur in Kinderfilmen ist und immer war: Es gibt eine wie aus dem Musterkatalog besonderer Kinder zusammengesetzte Bande, die sich zofft und ärgert und zusammenrauft und als Hauptquartier ein Baumhaus gebaut hat (das gibt's nur in der Literatur). Die Häuser, die Straßen sehen aus, als wäre die Zeit stehen geblieben. Irgendwo liegt sogar noch eines der Bonanzaräder herum, mit denen die alten Krokodile dauernd herumfuhren.
Und wieder stürzt ein kleiner Charmebolzen namens Hannes (Nick Romeo Reimann aus den "Wilden Kerlen") beim Aufnahmeritual der "Krokodile" um ein Haar vom Dach einer alten Ziegelei. Gerettet wird er - wie bei Becker, nicht aber bei von der Grün -, weil ein "Spasti", ein querschnittgelähmter Nachbarjunge, Hannes' Mutprobe mit seinem Teleskop beobachtet hat. Kurt heißt der "Spasti", dem die Krokodile die Aufnahme erst verweigern. Bei Christian Ditter heißt Kurt nun Kai (und wird von Fabian Halbig gespielt, dem Schlagzeuger der Teenieband "Killerpilze") und ist eine von mehreren eher vorsichtigen Modernisierungen der Geschichte. Mit Kais Hilfe und allerlei moderner Technologie kommen die Krokodile auch anno 2009 wieder einer Einbrecherbande auf die Spur, die in der alten Ziegelei ihre Beute versteckt. Sie spähen sie aus, sie geraten in moralische Klemmen, weil der Kopf der Verbrecher der Bruder eines Bandenmitglieds ist. Von der Grüns ohnehin zarte Fokussierung auf die Lage der Arbeiter in Dortmund spielt im zweiten Film wieder keine Rolle. Und auch sonst hat sich wenig getan. Maria (Leonie Tepe) ist trotz 30 Jahren Emanzipationsgeschichte immer noch das einzige weibliche Krokodil. Immerhin hat sich das Ziel des Ausländerhasses verschoben.
Mit dem dicklichen Jorgo (Javidan Imani) hat es einer der "Makkaronis" von 1977 unter die "Krokodile" geschafft - fälschlich des Diebstahls verdächtigt werden nun "Albaner". Eigentlich böse sind aber natürlich die Deutschen (Martin Semmelrogge, der jugendliche Zentralverbrecher von 1977, gibt nun den ekligen Minigolfplatzbesitzer). Alles andere wird gut. Gegen Ausländerhass ist dieser Film und für die Integration von Behinderten (alles das ist er aber niemals plump und zeigefingrig). Ziemlich schnell sind die neuen "Vorstadtkrokodile", viel Charme haben sie. Man staunt und lacht. Und man freut sich auf den Sommer.




