Bundesliga

Unions Rafal Gikiewicz: Abschied eines Antreibers

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Inga Böddeling
Union Berlins Rafal Gikiewicz machte bislang alle möglichen 67 Pflichtspiele für die Köpenicker.

Union Berlins Rafal Gikiewicz machte bislang alle möglichen 67 Pflichtspiele für die Köpenicker.

Foto: Gladys Chai von der Laage / picture alliance / Gladys Chai von der Laage

Mit dem Abgang von Keeper Rafal Gikiewicz muss sich Union Berlin auf der Torhüterposition neu orientieren.

Berlin. In vier Monaten kann eine Menge passieren. Sogar ganz unabhängig von einer grassierenden Pandemie. Im Januar hatte Rafal Gikiewicz noch mit einer Zukunft beim 1. FC Union geliebäugelt. „Es ist die beste Option, in Deutschland zu bleiben und mit Union noch ein oder zwei Jahre zu arbeiten“, hatte der Torhüter im Wintertrainingslager in Spanien erklärt. Jetzt, Anfang Mai, klingt das so: „Nach zwei wunderschönen Jahren, mit viel Herz und vielen, vielen Emotionen muss ich leider tschüss sagen.“

Wie der Fußball-Bundesligist am Donnerstag mitteilte, wird Gikiewicz die Köpenicker nach Saisonende verlassen. Sein im Sommer auslaufender Vertrag wird nicht verlängert. Weil „wir uns in mehreren Verhandlungsrunden wirtschaftlich nicht einigen konnten“, wie Oliver Ruhnert, Unions Geschäftsführer Profifußball, erklärte. Der monatelange Vertragspoker scheiterte am Ende am Geld.

Union Berlin verliert seine zweite Identifikationsfigur

Union verliert mit dem Polen die zweite Identifikationsfigur, nachdem schon Stürmer Sebastian Polter seinen Abgang im Sommer erklärt hatte. Dass Gikiewicz nach zwei Jahren in Berlin diesen Status erreicht hat, zeigt, welchen Stellenwert der 32-Jährige beim Aufsteiger eingenommen hat. Er ist der emotionale Antreiber, ein sicheren Rückhalt und einer, der seine Meinung offen äußert. Auch wenn sie unbequem ist.

Mit seiner Selbstverständlichkeit in Sachen Sicherheit war Gikiewicz Unions großer Trumpf auf dem Weg zum Aufstieg 2019, nicht ohne Grund wurde er im Vorjahr zum Unioner des Jahres gewählt. Und auch im ersten Jahr in Deutschlands Eliteklasse hat der Keeper maßgeblichen Anteil daran, dass die Berliner nach 25 Spieltagen mit 30 Punkten auf einem komfortablen elften Rang liegen.

„Rafal Gikiewicz hat in seiner Zeit bei Union außergewöhnliche Spuren hinterlassen. Er ist ganz sicher ein Spieler, mit dem wir außergewöhnliche Erlebnisse verbinden und an den wir uns nach dieser Saison noch lange und gern erinnern werden“, sagte Ruhnert, der den Polen 2018 vom SC Freiburg in die Hauptstadt lockte. Besonders in Erinnerung bleiben wird Gikiewiczs Kopfballtor in der Zweiten Liga gegen Heidenheim. Vor allem aber sein Auftritt nach dem Derbysieg gegen Hertha BSC (1:0), als er sich vermummten Union-Anhängern entgegenstellte, um einen Platzsturm zu verhindern.

Acht Mal will Gikiewicz in dieser Saison zu Null spielen

Gikiewicz hat sich Respekt verschafft. Bei Fans, Mitspielern und in der Bundesliga. Mit seinen zuverlässigen Leistungen, die er in bisher allen 67 möglichen Pflichtspielen gezeigt hat. Mit diesem durchdringenden, beinah eisernen Blick, der manch Gegner vergessen lässt, was er da vor dem Tor eigentlich wollte. Und dem in dieser Saison in sechs Spielen auch kein Ball entging. Acht Mal wollte Gikiewicz in dieser Spielzeit zu Null spielen. Sollte die Saison noch zu einem Ende gebracht werden, stehen die Chancen nicht schlecht, dass er auch dieses Ziel erreicht.

Noch lieber würde sich der 1,90 Meter große Keeper aber mit dem erfolgreichen Klassenerhalt verabschieden. „Dieses Ziel möchte ich mit Union unbedingt noch erreichen, dann wird es einen neuen Verein meinem Leben geben und für Union einen neuen Torwart“, sagte Gikiewicz. So sieht’s aus. Union muss sich zwischen den Pfosten neu orientieren. Dass die bisherige Nummer zwei, Moritz Nicolas, Gikiewiczs Stammplatz einnehmen wird, ist unwahrscheinlich.

Setzt Union Berlin jetzt auf Talent Nicolas?

Der 22-Jährige kam im vergangenen Sommer als Leihgabe von Borussia Mönchengladbach. Nicolas bleibt zwar noch ein Jahr, hat in dieser Saison aber nur bei Testspielen eine Chance von Trainer Urs Fischer bekommen. Bliebe noch Jakob Busk (26), der vorletzte Saison den Kampf um die Nummer eins gegen Gikiewicz verlor und in dieser Saison sogar noch hinter Nicolas rutschte. Der Däne sollte den Verein schon längst verlassen, bislang fehlt ein passender Klub. Wahrscheinlicher ist also, dass sich Union auf dem Transfermarkt nach einem erfahreneren Rückhalt umschaut.

Und wo geht die Reise für Gikiewicz hin? „Ich werde dahin gehen, wo man mit Gikiewicz spielen möchte, wo man mir eine neue Chance geben will“, sagte der Familienvater, der gern von sich in der dritten Person spricht. Der Hamburger SV soll im Rennen sein. Allerdings will Gikiewicz unbedingt weiter in der ersten Liga spielen.

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