Interview

Union-Stürmer Polter: „Im Sommer ist Schluss mit Union“

Unions Fanliebling Sebastian Polter beklagt im Exklusiv-Interview fehlende Wertschätzung und mangelndes Vertrauen in seine Fähigkeiten.

Stürmer Sebastian Polter wird den 1. FC Union nach dreieinhalb Jahren im Sommer verlassen.

Stürmer Sebastian Polter wird den 1. FC Union nach dreieinhalb Jahren im Sommer verlassen.

Foto: nordphoto / Engler / picture alliance / nordphoto

Berlin. Es ist ruhig geworden um Sebastian Polter (28), sowohl auf dem Platz als auch außerhalb. Im Interview mit der Berliner Morgenpost gibt der Stürmer des 1. FC Union einen Einblick in sein Seelenleben und äußert sich über seine Zukunft beim Fußball-Bundesligisten.

Berliner Morgenpost: Union hat nach 22 Spieltagen 26 Punkte auf dem Konto, liegt neun Punkte vor der Abstiegszone – wie sehr fühlt sich das schon nach Klassenerhalt an, Herr Polter?

Sebastian Polter: Ich glaube nicht, dass wir schon von Klassenerhalt reden können. Ich glaube, dass auch die letzten zwölf Spiele sehr schwer werden und die Liga einfach viel zu stark ist, dass wir als „kleines“ Union davon sprechen können, dass neun Punkte ein ausreichendes Polster sind.

Zuletzt gab es gegen Leverkusen eine bittere Niederlage, was kann man dennoch Positives für die letzten zwölf Saisonspiele mitnehmen?

Dass wir über 65, 70 Minuten ein sehr, sehr ordentliches Spiel gemacht haben, auch zwei Tore geschossen haben gegen einen Champions-League-Aspiranten. Wir haben einen gestandenen Bundesligisten mit unserer Art, Fußball zu spielen, bekämpft. Aber nach einem so späten 2:2 darfst du dir den Punkt nicht mehr nehmen lassen. Da musst du cleverer sein.

Sebastian Polter: „Ich habe mir mehr vorgestellt als diese mickrigen Minuten“

Sie selbst wurden in der Schlussphase eingewechselt und haben den 2:2-Ausgleich für Marius Bülter aufgelegt. Wie wichtig war dieser Moment für Sie persönlich?

Sehr, sehr wichtig. Jeder Scorerpunkt ist wichtig aufgrund meiner wenigen Spielzeit, um Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen. Ich konnte der Mannschaft mit der Vorlage wieder helfen, auch mit meiner Präsenz. Das kann ich aber auch über 90 Minuten, ich bin niemand, der sich darüber definiert, nur die letzten Minuten zu spielen. Dem ist aber so, dem muss und werde ich mich fügen.

Insgesamt 275 Spielminuten in elf Kurzeinsätzen stehen bei Ihnen in dieser Saison zu Buche…

Damit kann ich definitiv nicht zufrieden sein. Ich habe mir alles andere vorgestellt als diese mickrigen Minuten, das muss man leider so sagen. Ich hatte in meinem ersten Bundesliga-Jahr mehr Minuten als jetzt (343 Minuten in zwölf Einsätzen für den VfL Wolfsburg 2011/12, d.Red.). Das ist schon sehr traurig. Ich hatte das Gefühl, in der vergangenen Saison ein so wichtiger Bestandteil der Mannschaft gewesen zu sein. Ich bin nach meinem Achillessehnenriss stark zurückgekommen, habe danach wichtige Tore geschossen und den Aufstieg gefeiert – da fehlt mir die Wertschätzung.

Trainer Urs Fischer setzt vor allem auf Sebastian Andersson als einzige Spitze. Bei zwei Stürmern bekommt meist Anthony Ujah den Vorzug vor Ihnen. Welche Erklärung haben Sie dafür?

Keine wirkliche. Klar spricht der Trainer mit mir und sagt, ich soll meine Stärken beibehalten, beim Spiel mit dem Ball zulegen und weiter Torgefahr ausstrahlen. Aber Einsatzzeit gibt er mir ja trotzdem nicht. Eine faire Chance wäre es, mal über zwei, drei Spiele die Einsatzzeit zu bekommen, die der „Konkurrent“ bekommt. Ich bin der festen Überzeugung, dass ich mindestens genau das gleiche leisten kann.

Sebastian Polter: „Mir fehlt die Anerkennung im Verein“

Fühlen Sie sich unfair behandelt?

Das ist vielleicht zu hoch gegriffen. Aber nach allem, was ich für den Verein in den vergangenen fast dreieinhalb Jahren und auch in meiner ersten Union-Zeit 2014/15, als ich von Mainz ausgeliehen war, getan habe, fehlt mir die Anerkennung im Verein. Das sitzt schon tief bei einem Spieler, der so viele Tore für den Verein geschossen hat. Ich durfte keine Minute in der Relegation spielen, das vergisst man auch nicht so einfach.

Fußball ist aber auch Leistungssport. Und Andersson wird als der bessere Fußballspieler angesehen, Sie – so heißt es immer – kommen eher über den Kampf.

Ich war nie jemand, der sich über die Technik definiert hat. Aber was spricht denn dagegen, für den Klassenerhalt zu kämpfen? Da sind genau diese Tugenden gefragt, sich in jeden Zweikampf reinzuwerfen, auch offensiv. Da kann die Technik einen auch oftmals nicht weiterhelfen. Ich glaube aber, dass genau diese Attribute, die ich verkörpere und bei Union immer wieder gezeigt habe, in dieser Phase wichtig sind. Wir sind keine Mannschaft, die sich über das Spielerische definiert.

Was sagen Sie denen, die behaupten, dass Ihre Qualitäten nicht ausreichen, um für Union in der Bundesliga zu spielen?

Ich habe bereits vor Union 52 Bundesliga Spiele bestritten und 7 Tore dabei erzielt. In kurzen Spielzeiten bei Union habe ich immer wieder gezeigt dass ich die Qualität habe. Ich habe Tore geschossen gegen den FC Bayern und gegen Borussia Dortmund im DFB-Pokal vergangene Saison. Nur die Chance, dies wieder zu beweisen, bekomme ich nicht.

Sebastian Polter: „Die Fans vergessen nicht, was man für den Verein getan hat“

Trotz der geringen Einsatzzeiten sind Sie Publikumsliebling. Wie erklären Sie sich das?

Ich glaube nicht, dass Fans vergessen, was gewesen ist, was man für den Verein tut und getan hat. Von den ersten Tagen an habe ich versucht, eine Identifikationsfigur zu sein, weil ich die Union-Tugenden verkörpere, mich für den Verein zerreiße. Die Fans sind momentan die einzige Abteilung im Verein, die das zu schätzen weiß. Deshalb möchte ich denen trotz meiner schweren Zeit auf dem Platz zeigen, dass ich immer noch der Gleiche bin und mich für den Verein zerreiße bis zum Ende, egal wie schwer meine Zeit ist.

Was haben Sie denn für den Verein getan?

Ich habe in 102 Spielen für den Verein 46 Tore geschossen, dazu kommen 16 Torvorlagen. Und ich habe auf viel Geld verzichtet, ungefähr eine Million Euro, um zu Union zurückzukehren und für den damals für mich richtigen Verein zu spielen. Ich bin von zwei großen Verletzungen in einem relativ hohen Fußballer-Alter wieder zurückgekommen. Es hat wehgetan, auf dem Platz nicht helfen zu können, als die Mannschaft 2018 gegen den Abstieg gespielt hat. Ich habe trotz aller Gerüchte auch zu keinem Zeitpunkt daran gedacht, Union zu verlassen. Ich wollte mit Union Bundesliga-Geschichte schreiben. Das habe ich mir alles erträumt und hart dafür gearbeitet, auch dass ich mit dem Siegtreffer gegen Hertha BSC Derbyheld sein konnte.

Sebastian Polter: „Mir wurde kein Vertragsangebot unterbreitet“

Ihr Vertrag bei Union läuft im Sommer aus. Gab es bereits Gespräche mit Unions Kaderplaner Oliver Ruhnert oder auch Trainer Fischer über ihre Zukunft bei Union?

Ich habe mit Herrn Ruhnert im Wintertrainingslager zusammengesessen, da wurde mir aber kein Vertragsangebot unterbreitet, sondern lediglich eine Gesprächsankündigung. Da wurde mir gesagt, dass wir uns im Anschluss an die Erkenntnis, in welcher Liga wir 2020/21 spielen werden – spätestens also nach der Saison –, zusammensetzen, um über einen möglichen Vertrag zu sprechen, der dann aber ganz klar leistungsbezogener sein wird. Damit seien sie in der Vergangenheit mit anderen Spielern schon gut gefahren. Ich bin aber nicht andere Spieler. Wenn du einen Spieler behalten möchtest, dann sagst du ihm frühzeitig, worum es geht. Das betrachte ich als Wertschätzung des Vereins an den Spieler für dessen geleistete Arbeit. Solch ein Angebot ist aber nie gekommen. Für mich ist aber ganz klar, dass ich solch eine Gesprächsankündigung nicht einmal wahrnehme. Deshalb ist für mich die Zeit gekommen, um zu sagen: Im Sommer ist Schluss mit Union.

Wie schwer fällt Ihnen dieser Entschluss?

Mit Blick auf die Fans sehr schwer. Wenn man meine mangelnde sportliche Perspektive sieht und das fehlende Vertrauen des Vereins mir gegenüber, dann fällt es mir nicht schwer. Dieses Gesprächsangebot ist nur ein Alibi, nachdem man mir im Sommer schon nahegelegt hatte, den Verein zu wechseln.

Sebastian Polter: „Ich hätte gern für Union Berlin weitergespielt“

In Ihren Aussagen schwingt eine Menge Enttäuschung mit…

Natürlich bin ich enttäuscht. Jeder weiß, dass ich gern für Union weitergespielt hätte, egal ob in Liga eins oder zwei. Wahrscheinlich hätte ich nochmal auf Geld verzichtet. Aber ich verzichte nicht im besten Fußballeralter auf Spielzeit.

Gibt es auch Fehler, die Sie seit dem Aufstieg in die Bundesliga gemacht haben?

Ich bin jemand, der sich immer viel hinterfragt. Ich glaube, ich habe im Sommer die beste Vorbereitung gespielt und da die meisten Tore geschossen. Alle wissen, dass ich mich über Tore definiere. Und ich war richtig fit. Aber durch fehlende Spielpraxis verlierst du natürlich diese Spielfitness, die du dir in der Vorbereitung erarbeitet hast. Von daher kann man mir keinen Vorwurf machen. Vielleicht hätte ich noch mehr Druck machen müssen im Trainerbüro, vielleicht noch öfter sagen müssen, ich will spielen. Aber ich bin auch niemand, der Stress macht, unter dem das Team dann zu leiden hat. Doch der Zeitpunkt ist jetzt gekommen, wo ich auch an mich denken muss, weil es um meine Karriere geht.

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