Bundesliga

Unions Gentner – eine Legende mit Leidenschaft

Unions Mittelfeldspieler Christian Gentner steht vor seinem 400. Bundesligaspiel. Gegner VfL Wolfsburg spielte dabei eine große Rolle.

Unions Mittelfeldspieler steht vor seinem 400. Auftritt in der Fußball-Bundesliga.

Unions Mittelfeldspieler steht vor seinem 400. Auftritt in der Fußball-Bundesliga.

Foto: Matthias Kern / Bongarts / Getty Images

Berlin. „Im Fußball solltest du nicht langfristig planen.“ Es gibt wohl keinen anderen Satz, der die Karriere von Christian Gentner besser widerspiegelt als dieser. Mehr ein Ratschlag, den er jedem auf seinem Weg im Profifußball mitgeben will. Dabei ist Gentner weit entfernt davon, den Oberlehrer zu mimen. Auch wenn man es ihm durchaus zugestehen könnte.

Der 34-Jährige steht vor seinem 400. Spiel in der Fußball-Bundesliga. Für Urs Fischer, den Trainer des 1. FC Union, gibt es jedenfalls kaum einen Grund, seinem Mittelfeldspieler dieses Jubiläum am Sonntag (13.30 Uhr, Alte Försterei) zu verwehren. Noch dazu gegen den VfL Wolfsburg. Wieder Wolfsburg.

Hätte Gentner seine Karriere langfristig planen können, die Niedersachsen hätten höchstwahrscheinlich nicht diese exponierte Rolle in den vergangenen 15 Jahren eingenommen. Doch es war gerade der VfL, der jenen Profi, den man vor allem mit dem VfB Stuttgart in Verbindung bringt, der den Menschen Gentner hat reifen lassen.

Union Berlin profitiert von Gentners Ruhe

Zweimal deutscher Meister zu werden, ist an sich schon eine bemerkenswerte Leitung. Besonders wird sie durch den Umstand, sie nicht als Spieler von Bayern München oder Borussia Dortmund vollbracht zu haben, die in den vergangenen zehn Spielzeiten die Titel unter sich ausgemacht haben.

Beim Vergleich der Titel mit Stuttgart (2007) und Wolfsburg (2009) bezeichnet er den zweiten als wertvoller. „Weil ich eine zentrale Figur auf dem Platz war“, in allen 34 Spielen, wie Gentner wissen ließ. In Wolfsburg reifte er zu einem gestandenen Bundesliga-Spieler.

Davon profitiert in dieser Saison auch Union. Im zentralen Mittelfeld nimmt Gentner eine zentrale Rolle im System von Trainer Fischer ein, auf dem Platz und auch außerhalb. Gentners Ruhe am Ball steht der Ruhe im Umgang mit den Teamkollegen außerhalb des Spielfeldes in nichts nach. Gentner ist Führungsspieler, ohne daraus einen Anspruch für sich selbst abzuleiten.

Gegen Leverkusen traf Gentner erstmals für Union Berlin

Spieler wie Kapitän Christopher Trimmel oder auch Michael Parensen hätten den Laden schon im Griff, sagte Gentner bereits in der Sommervorbereitung, wenige Tage nach seiner Verpflichtung. Was zu tun ist, bringt er trotzdem an den Mann. Oder auf den Platz, wie sein Führungstor im Heimspiel gegen Bayer Leverkusen (2:3) vor zwei Wochen gezeigt hat.

Es war sein erstes Bundesliga-Tor im Trikot der Köpenicker, insgesamt sein 44. Treffer. Die persönliche Tor-Premiere feierte Gentner am 6. Mai 2006. Es war der 2:1-Siegtreffer für den VfB Stuttgart. Gegner an jenem 33. Spieltag war – der VfL Wolfsburg.

Diese Führungsstärke zu entwickeln, liegt in seinem professionellen Verhalten begründet. Im inzwischen hohen Fußballeralter achtet er mehr denn je auf die Pflege seines Körpers. Natürlich blieb Gentner in seiner Karriere nicht von Verletzungen verschont. Mal ein Muskelfaserriss, mal eine Wadenzerrung, auch das Außenband im Sprunggelenk war angerissen.

Gentners Schritt zu Union Berlin ist mutig

Erst als es nach der Rückkehr zu Stuttgart wieder gegen Wolfsburg ging, erwischte es auch Gentner: Bruch der Augenhöhle, des Unterkiefers und des Nasenbeins nach einem Zusammenprall mit dem damaligen Vfl-Torhüter Koen Casteels. Fünfeinhalb Wochen musste Gentner deshalb im Herbst 2017 pausieren, nach weiteren drei Wochen Training kehrte der Mittelfeldspieler jedoch wieder zurück.

„Fußball“, wird Gentner nicht müde zu betonen, „ist immer der Mittelpunkt meines Lebens gewesen.“ Zweifel an seiner Rückkehr nach der Verletzung gab es keine. Auch nicht daran, dass seine Karriere nach dem Abstieg mit den Stuttgartern im vergangenen Sommer nicht beendet sei.

Es gehört schon auch einiges an Mut dazu, dass er den Schritt vom langjährigen Spielführer in Stuttgart hin zu einem von Vielen bei Union gegangen ist, nachdem man ihn beim VfB nicht mehr haben wollte. Hin zu jenem Verein, der Stuttgarts Platz in der Bundesliga übernommen hatte. Und das im Social-Media-Zeitalter, das rund um den Fußball jedem die Möglichkeit für Beschimpfungen bis hin zu Hasstiraden gibt.

Gentner ist kein Fan von Social Media

Dabei ist Gentner durchaus als Gegenpol anzusehen in einer Branche, die Facebook, Instagram und Co. vor allem zur Selbstvermarktung nutzt. Der Familienvater ist weit davon entfernt, sein Privatleben öffentlich auszubreiten. Er empfindet Social Media „als Einschnitt ins Privatleben“.

Entsprechend rar sind seine Beiträge etwa auf Instagram. Sein letzter datiert vom Sommer vergangenen Jahres, wo er sich bei den VfB-Fans sowie dem Klub bedankt und sich von ihnen verabschiedet. Den schwersten familiären Schicksalsschlag, den Tod seines Vaters im Anschluss an das Heimspiel gegen Hertha BSC im Dezember 2018, breitete er nicht in der Öffentlichkeit aus.

Die Wertschätzung ihm gegenüber ist dadurch nur noch gestiegen. Zumal er im nächsten Bundesligaspiel die Stuttgarter wieder auf den Platz führte. Eine Botschaft, dass das Leben weitergeht, auch wenn die Partie mit 0:2 verloren ging gegen – natürlich – den VfL Wolfsburg.

Gentner strebt mit Union Berlin Richtung Klassenerhalt

Am Sonntag schickt sich der VfL nun an, zum fünften Mal einen besonderen Platz in der Karriere des Christian Gentner einzunehmen. Gelingt ein Sieg gegen den Europa-League-Achtelfinalisten, hätte er mit Union elf Punkte vor dem Relegationsplatz.

Mit dem Aufsteiger die Klasse zu halten, würde ihm „sehr viel bedeuten“, ließ Gentner wissen. Dem Spitznamen der Bundesliga-Legende würde dies alle Ehre machen: LeGente.

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