Interview

Gentner: „Union kann fester Teil der Bundesliga werden“

Unions Christian Gentner spricht im Interview über die Chancen auf den Klassenerhalt, seine Meistertitel und seine Zukunft in Berlin.

Unions Christian Gentner treibt das Spiel beim Aufsteiger voran. Felix Kroos (r.) versucht zu stören.

Unions Christian Gentner treibt das Spiel beim Aufsteiger voran. Felix Kroos (r.) versucht zu stören.

Foto: Matthias Koch

Orihuela. Mit dem VfB Stuttgart stieg er in der Relegation gegen den 1. FC Union ab. Seitdem hilft Christian Gentner dem Aufsteiger, in der Fußall-Bundesliga Fuß zu fassen. Die Berliner Morgenpost sprach mit dem 34-Jährigen im Trainingslager in Spanien über Unions Chancen auf den Klassenerhalt, die Entwicklung im Profifußball und seinen möglichen Verbleib bei den Köpenickern.

Berliner Morgenpost: Warum tun Sie sich in Ihrem Alter die Maschinerie Bundesliga noch an, Herr Gentner?

Christian Gentner: Weil es sich nach wie vor richtig und gut anfühlt. Ich genieße es, mit den Jungs im Trainingslager zu sein und auch Gespräche zu führen. Dadurch bleibst du jung. Und der Fußball ist immer der Mittelpunkt meines Lebens gewesen. So lange ich nicht den Eindruck habe, dass mein Körper die Signale sendet, dass es nicht mehr geht, möchte ich das auch weiter verfolgen.

Wie schwer ist es in einer Zeit, in der 30 das neue 40 im Profifußball ist, dieses erstklassige Niveau zu halten?

Es gehört eine Menge Arbeit und Disziplin dazu. Ich merke schon, dass man mittlerweile im Vergleich zu der Zeit, als ich Profi wurde, mit 30 Jahren zu den sehr alten Spielern gehört. Weil die jungen Spieler natürlich durch die Nachwuchsleistungszentren anders gefordert und gefördert werden. Ich war aber auch nie ein Spieler, der nur von seinem Tempo gelebt hat. Ich werde zwar auch schon den einen oder anderen Schritt langsamer, das macht sich aber bei mir nicht so bemerkbar, wie bei Spielern, die in ihren Karrieren durch ihre Dynamik profitiert haben.

„Ich glaube schon, dass ich später darauf stolz bin“

Im Union-Kader sind Sie gewissermaßen der „elder statesman“, keiner verkörpert mehr Bundesliga als Sie – Fluch oder Segen?

Definitiv kein Fluch. Ich bin glücklich und auch dankbar, dass ich einen Generationenwechsel mitmachen durfte und die Bundesliga aus der heutigen Zeit und einer anderen Perspektive betrachten kann. Das ist für mich viel mehr Segen, alles aufzunehmen, auch die Werdegänge ehemaliger Mitspieler oder junger Spieler zu verfolgen – das macht mir richtig Freude. Das ist natürlich auch etwas, von dem ich im Anschluss an meine aktive Karriere profitieren kann.

Wie oft mussten Sie bei Union in der Hinrunde aufgrund Ihrer Erfahrung abseits der Spiele schon mit Rat und Tat zu Seite stehen?

Nicht in gravierender Weise, aber laufend. Weil ich natürlich Dinge sehe, die ich dem Einzelnen auch gleich mitteile, aber nicht in großem Ausmaß oder von oben herab. Ich sage ihm, die und die Erfahrung habe ich gemacht und das hat mir weitergeholfen. Was er damit macht, ist dann seine Sache. Aber ich versuche das natürlich, weil das von mir erwartet wird und auch erwartet werden darf, dass ich meine Erfahrung einbringe, bestimmte Dinge auch vorlebe.

Stichwort Erfahrung: Von den aktuellen Bundesliga-Profis hat nur Claudio Pizarro mit 484 Spielen mehr Einsätze als Sie. Ihnen fehlen noch sieben Spiele bis zur 400er-Marke. Hätten Sie dies je für möglich gehalten?

Überhaupt nicht. Ich habe nie den ganz langfristigen Plan im Fußball verfolgt, weil du so oft kurzfristig überlegen musst, ob du die richtige Entscheidung getroffen hast. Es hätte ja auch sein können, dass ich plötzlich im Ausland spiele. Als Gonzalo Castro 2018 nach Stuttgart kam, wurde es mir erstmals ein wenig bewusst. Aber dass dies in einigen Jahren etwas ist, von dem ich sagen kann, darauf kannst du stolz sein, das glaube ich schon.

„Der Meistertitel mit Wolfsburg war wertvoller“

Ihr Jubiläums-Gegner könnte ausgerechnet der VfL Wolfsburg sein. Das ist doch kein Zufall, oder?

Wieder mal Wolfsburg. Ich habe mein allererstes Bundesliga-Tor gegen Wolfsburg geschossen (2:1-Siegtreffer für Stuttgart am 6. Mai 2006, d.Red.), eine schwere Verletzung gegen Wolfsburg davongetragen (Bruch der Augenhöhle im September 2017, d.Red.) und das erste Spiel nach dem Tod meines Vaters gegen Wolfsburg bestritten (Dezember 2018). Aber ich hatte auch drei tolle Jahre beim VfL, sportlich und menschlich eine hervorragende Zeit.

Wer Wolfsburg sagt, muss natürlich auch VfB Stuttgart sagen – und schon ist man bei Ihren beiden deutschen Meistertiteln. Welcher war der schönere?

Der wertvollere war der mit Wolfsburg 2009, weil ich 34 Spiele gemacht habe und eine zentrale Figur auf dem Platz war. 2007 in Stuttgart hatte ich nur 15 Einsätze, war aber auch wichtiger Teil dieser Gruppe. Das sage ich auch den Spielern immer, die jetzt hinten dran sind, dass eine Mannschaft aus mehr als zwölf oder 13 Spielern besteht. Was die Emotionen angeht, ist Stuttgart zehn Mal so groß wie Wolfsburg. Was sich da in der Stadt bewegt hat, war unglaublich. Ich bin total dankbar, dass ich beides erleben durfte.

In Stuttgart sind Sie eine Ikone, ihr Spitzname ist „LeGente“.

Der Spitzname ist in der Sommerpause beim Kicken am Strand entstanden. Ein Freund hatte dann einfach meine Schuhe mit „LeGente“ beflocken lassen, ohne mich davon in Kenntnis zu setzen. In Stuttgart hat sich das dann entwickelt, weil es auch nicht ganz so üblich ist, bei einem Verein, noch dazu meinem Heimatverein, so lange zu bleiben. Aber ich schiebe diesen Namen nicht von mir weg, ganz im Gegenteil. Es ist ja auch eine Wertschätzung, die man erfährt.

„Ich sehe Social Media als Einschnitt ins Privatleben“

Im heutigen Milliardengeschäft und der unendlichen Flut an Social-Media-Beiträgen scheinen Sie dennoch einen bodenständigen Gegenpart einzunehmen.

Ich fühle mich nicht wohl dabei, mich irgendwo hinzustellen, ein Selfie von mir zu machen und zu zeigen, ich bin hier und da. Genau so wenig möchte ich, dass meine Familie groß im Internet stattfindet. Ich habe mich irgendwann aber doch mal überreden lassen, weil es hieß, das gehört dazu. Ich weiß auch, dass man das irgendwo für sich nutzen, auch als Werbung für sich sehen kann. Ich sehe das jedoch auch als Einschnitt in mein Privatleben, so viel Zeit mit Social Media zu verbringen. Ich nutze die Zeit lieber mit meinen Kindern. Aber es ist für mich sinnvoll, Social Media zu nutzen, um etwas mitzuteilen, so wie ich es im Sommer beim Wechsel vom VfB zu Union getan habe, weil einige Dinge in einem Interview vielleicht etwas anders hätten dargestellt werden können.

Bei all diesen Nebengeräuschen: Ist das noch die Bundesliga, von der jener Debütant im Februar 2005 (für Stuttgart beim 1:0 gegen Hertha BSC) geträumt hat?

Auf dem Platz, im Stadion, das ist alles noch so. Aber das Umfeld hat sich schon verändert, auch durch die Social-Media-Generation. Man merkt, wie wichtig das Handy für viele ist. Dadurch ist es schwieriger geworden, sich frei zu bewegen. Und auch die Vermarktung hat sich dadurch verändert, was ich nachvollziehen kann, denn uns Profis sollte bewusst sein, dass die aktive Karriere nur zehn bis 15 Jahre dauert. Man muss aber aufpassen, dass es nicht zu viel Fußball gibt und die Leute langweilt.

Inwiefern passt da Union in das heutige Profigeschäft?

Union hat schon diesen Sonderstatus durch die spezielle Atmosphäre in der Alten Försterei. Das ist für jeden ein totales Erlebnis. Ich war selbst begeistert, auch wenn ich es in der Relegation auf der anderen Seite habe wahrnehmen müssen. Das ist etwas Außergewöhnliches und der Verein tut gut daran, sich das zu bewahren.

„Bei Union Berlin feiert man den Bundesliga-Spieltag“

Die Entwicklung des Vereins gerade in den vergangenen Monaten ist schon erstaunlich. Mit 35.000 Mitgliedern ist Lokalrivale Hertha BSC (37.000) fast eingeholt, dazu die Pläne für den Ausbau des eigenen Stadions – ist Union ein schlafender Riese?

Durch den Hintergrund der Hauptstadt, wie der Verein gewachsen ist, auch dass er ziemlich düstere Zeiten erlebt hat – das sind alles Dinge, die hier nicht so schnell in Vergessenheit geraten durch die Dankbarkeit des Publikums und der Menschen im Umfeld. Wenn man dies beibehalten kann und nicht glaubt, man müsse in drei oder fünf Jahren europäisch spielen, sondern langsam wachsen, dann glaube ich, dass Union ein fester Bestandteil der Bundesliga werden kann.

Die Emotionalität der Fans in Stuttgart ähnelt der bei Union. Inwiefern unterscheiden sich Union und der VfB dennoch?

Die Erwartungshaltung ist ein Punkt. Der VfB hat eine andere, erfolgreichere Vergangenheit, das ist in den Köpfen noch drin. Hinzu kommt eine schnelle Unzufriedenheit, wenn es nicht so läuft, wie man es sich wünscht, und fehlende Kontinuität in den wichtigen Vereinsebenen. Deswegen wurde es immer mal wieder zwischen Fans und Verein bissiger. Bei Union kannst du Unterstützung weit vor und nach dem Spiel genießen. Man feiert den Bundesliga-Spieltag mehr oder weniger. Dadurch ist jedes Spiel ein absolutes Highlight. Das unterscheidet Union von vielen anderen Klubs.

„Wir lassen uns durch die Hinrunde nicht blenden“

Könnte der Klassenerhalt mit Union ihren Abstiegsschmerz mit Stuttgart denn wenigstens ein bisschen lindern?

Nein, das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Dieser Abstieg war so unnötig, wie selten einer war. Er wird immer auch Teil meiner Karriere sein, ein großer negativer Fleck. Das gehört dazu und ist abgehakt. Aber es gibt immer wieder Momente, wo mir das in den Kopf kommt oder ich darüber spreche. Und es wird mich auch ewig ärgern.

Und Union hält die Klasse, weil…?

…wir uns nicht blenden lassen von dem, was in den ersten sechs Monaten passiert ist. Weil wir wissen, dass die zweite Halbserie schwieriger wird für uns. Wir werden anders wahrgenommen. Es wird sicher Unruhe aufkommen, durch Vertragssituationen oder auch den Ausfall wichtiger Spieler. Und weil der Verein in seiner Unaufgeregtheit mit Urs Fischer und seinem Trainerteam sowie Manager Oliver Ruhnert die Dinge gut einordnen kann. Und die Mannschaft ist gierig und noch in der Entwicklung. Deswegen lassen wir mindestens drei Klubs hinter uns.

Und Sie würden sich mit Union noch ein weiteres Jahr in der Bundesliga antun?

Ich habe nicht vor, Fußball im Sommer zu beenden. Ich kann mir gut vorstellen, auch in Deutschland weiter Bundesliga zu spielen. Von den ersten sechs Monaten bei Union kann ich nur positiv sprechen. So eine Entscheidung werde ich nicht aus dem Bauch heraus treffen, doch es ist nicht ausgeschlossen.

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