1. FC Union

Oliver Ruhnert ist der Drahtzieher von Köpenick

Union-Geschäftsführer Oliver Ruhnert hat still und leise den Kader für die Bundesliga getrimmt und dabei viel Aufmerksamkeit erzeugt.

Oliver Ruhnert war in den vergangenen Wochen ein viel beschäftigter Mann.

Oliver Ruhnert war in den vergangenen Wochen ein viel beschäftigter Mann.

Foto: Matthias Kern / Bongarts/Getty Images

Windischgarsten. Zeit scheint er im Überfluss zu haben. Als der Rücktritt des Iserlohner Bürgermeisters thematisiert wurde, zögerte Oliver Ruhnert keine Sekunde: „Ich übernehme jetzt.“ Es gibt ja auch sonst nichts zu tun für den Fraktionschef der Linken im Stadtrat, abgesehen von fünf Ausschüssen, in denen der Politiker tätig ist; von seiner Passion als Schiedsrichter, wenn in der Kreisliga mal wieder das Derby zwischen SV Oesbern und DJK Bösperde ansteht – oder von der Zusammenstellung eines Kaders für die Fußball-Bundesliga.

Ja, die vergangenen Wochen waren für den Geschäftsführer Profifußball des 1. FC Union vollgepackt mit letzten Gesprächen, unzähligen Telefonaten und einem Dutzend Vertragsunterschriften. Es war ein Kraftakt, den der 46-Jährige gestemmt hat.

Oliver Ruhnert vom 1. FC Union: „Vieles ist Neuland“

Ein Kraftakt, der schon in den letzten Zweitliga-Wochen begann, in denen Ruhnert immer wieder wissen ließ, „wir sind in Gesprächen mit Spielern, die sowohl für die Bundesliga als auch für die Zweite Liga zu uns kommen“ würden. Ein Kraftakt, der durchaus für Aufsehen gesorgt hat. Bundesweit.

„Es ist eine andere Wucht, die auf einen zukommt“, gesteht Ruhnert: „Der Verein ist in all seinen Instanzen das erste Mal in dieser Situation. Für uns wird vieles Neuland werden.“ Da ist es umso erstaunlicher, wie still und leise die Verpflichtung von zwölf neuen Spielern für den Kader von Trainer Urs Fischer vor sich ging.

Herausgekommen ist eine Mischung aus talentierten Spielern, die sich in der Bundesliga weiter entwickeln können und müssen, sowie gestandenen Erstliga-Profis, die dem Team jene Erfahrung vermitteln sollen, die im Fußball-Oberhaus notwendig ist.

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Union mit neuem Stellenwert

Dass Ruhnert in der Lage gewesen ist, Spieler wie den international erfahrenen Innenverteidiger Neven Subotic oder den in weit mehr als 300 Bundesligaspielen gestählten und mit zwei Meistertiteln dekorierten Christian Gentner zu verpflichten, dokumentiert den neuen Stellenwert, den Union mit dem Aufstieg einnimmt.

Weil die Köpenicker seit dem Aufstieg Ende Mai in allen Bereichen für mächtig Aufmerksamkeit gesorgt haben. Emotional, wie die Bilder vom Feiermarathon gezeigt haben. Auch wirtschaftlich, wie der Deal mit dem neuen Hauptsponsor, dem milliardenschweren Immobilienunternehmen Aroundtown, bewiesen hat. Dem Vernehmen nach sollen 2,5 Millionen Euro in die Union-Kassen fließen.

Und schließlich Aufmerksamkeit durch den Transferrausch, der Union zu keinem gewöhnlichen Neuling in der Bundesliga macht, eher schon zu einem schlafenden Riesen, der schon vor dem ersten Anpfiff am 17./18. August gegen RB Leipzig die Liga wissen lässt: Um den Klassenerhalt sollen sich gefälligst andere sorgen.

Bei Union ist jede Position doppelt besetzt

„Wir sollten wissen, dass wir vom ersten Spieltag an mit dem Ziel reingehen sollten, unbedingt drinbleiben zu wollen“, fordert Ruhnert: „Ich bin optimistisch, dass wir als Verein diese erste Liga gestemmt bekommen.“ Sein Vertrauen, dass die Premierensaison nicht auch schon wieder die letzte ist für die Köpenicker, basiert nicht zuletzt auf seiner eigenen Arbeit. Das Credo, jede Position doppelt besetzt zu haben, hat Ruhnert zumindest quantitativ umgesetzt.

Und so rechtzeitig, dass Trainer Fischer mit Beginn des zehn Tage dauernden Trainingslagers am Montag in Windischgarsten/Österreich alle Spieler zur Verfügung hat. So wiederholte Fischer nach dem Sieg am Sonnabend im ersten Testspiel gegen den dänischen Erstligisten Bröndby IF (2:1) das Lob, das er schon eine Woche zuvor beim Trainingsstart verteilt hatte: „Kompliment an Oliver, er hat einen tollen Job gemacht, wir sind sehr zufrieden.“

Unions 35-Mann-Kader wird noch ausgedünnt

Anerkennung, die Ruhnert gern weitergibt. „Der Trainer ist der Auffassung, dass das Spielermaterial etwas hergibt, das er zur Verfügung hat.“ Dass der Aufsteiger einige Wunschspieler hat holen können, „lag auch daran, dass unser Präsidium und die im Sport handelnden Personen einen guten Job erledigt haben“.

Dank der Verdopplung der Fernsehgeld-Einnahmen auf knapp 30 Millionen Euro sowie dem neuen Hauptsponsor nahm der Klub für seine Verhältnisse erstmals ordentlich Geld in die Hand (rund sieben Millionen Euro). Allein die Rückholaktion von Verteidiger Marvin Friedrich vom FC Augsburg und die Verpflichtung von Stürmer Anthony Ujah waren Union mehr als vier Millionen Euro wert.

Präsident Dirk Zingler habe „immer gesagt, dass das Geld, was mehr eingenommen wird, in den Sport gesteckt wird. Und das merkt man auch“, so Ruhnert. An Trainer Fischer ist es nun, den riesigen Konkurrenzkampf entsprechend zu moderieren, um den Teamgeist – der Schlüssel zur erfolgreichen Aufstiegssaison – nicht zu gefährden. Wobei es kein Geheimnis ist, dass der derzeit 35 Mann starke Kader noch ausgedünnt wird.

Union ist der 56. Bundesligist

„Natürlich wird der eine oder andere Spieler sagen, die Einsatzzeiten sind nicht so, wie ich sie mir vorstelle. Mich würde es nicht verwundern, wenn der eine oder andere Spieler bis zum Ende der Transferperiode am 2. September woanders hingeht“, glaubt Ruhnert: „Aber wir begleiten den Prozess erst dann, wenn der Spieler mit seinem Berater an uns herantritt.“

Gut möglich also, dass Ruhnert auch in Windischgarsten am Rande des Trainingsplatzes mit dem Handy am Ohr auf- und ab gehen wird, um entsprechende Gespräche zu führen. Und dabei gleichzeitig Stress abzubauen.

Als ehemaliger Leiter des Schalker Nachwuchszentrums und Chefscout bei Union kennt Ruhnert die Branche aus dem Effeff. Folglich weiß er auch um die Bedeutung, dass es mit Union nach Jahren mal wieder einen echten Bundesliga-Debütanten gibt. „Weil man schon sagen muss, dass es durch die finanzielle Entwicklung kaum weitere Erstligisten geben wird“, als nun jene 56 Mannschaften, die es geschafft haben.

Ruhnert wagt einen Blick in die Zukunft

So wagt der Union-Geschäftsführer bereits einen Blick in Richtung Saisonende: „Wenn es dir gelingt, in der Liga zu bleiben, kommst du im zweiten Jahr in den Genuss, die Kaderplanung etwas anders zu gestalten.“ Dass er dann mehr Zeit für die Schiedsrichterei haben wird, ist dennoch zu bezweifeln. Das Amt als Bürgermeister von Iserlohn hat Ruhnert übrigens schon in diesem Jahr dankend abgelehnt.

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