Zweite Liga

Union-Torwart Gikiewicz: „Auf den Moment warte ich 31 Jahre“

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Michael Färber
Torwart Rafal Gikiewicz köpft den späten Ausgleich für Union gegen Heidenheim

Torwart Rafal Gikiewicz köpft den späten Ausgleich für Union gegen Heidenheim

Foto: O.Behrendt / imago/Contrast

Unions Torhüter bewahrt den Zweitligisten mit seinem Tor in der Nachspielzeit gegen Heidenheim vor der ersten Saisonniederlage.

Berlin.  Sohnemann Piotr war der erste, der nach dem Schlusspfiff auf seinen Papa zugelaufen kam. Und der Steppke verstand die Welt nicht mehr. „Wahnsinn, was machst du?“, habe er gefragt, erzählte Rafal Gikiewicz. Kurz darauf sprach der Pole von einem „großen Moment für alle, auch weil meine Familie im Stadion gewesen ist“.

Ein Moment, „auf den ich 31 Jahre gewartet habe“. Am Sonntagnachmittag, im Zweitliga-Spiel gegen den 1. FC Heidenheim, war er für den Torwart des 1. FC Union gekommen. In Form eines Kopfballs, der den Köpenickern in der fünften Nachspielminute das 1:1 (0:0) gegen die Heidenheimer bescherte.

„Ich bin einfach nach vorn“, erzählte Gikiewicz: „Ich will am zweiten Pfosten bleiben, weil alle zum Ball gehen, und hoffe, Hübi spielt den Ball zu mir, aber Sebastian spielt ihn, das ist auch okay.“ Und grinste sich dabei eins. Florian Hübner hatte einen Freistoß von Christopher Trimmel in den Strafraum zu Sebastian Andersson verlängert. Und der Stürmer, gerade erst in die schwedische Nationalmannschaft berufen, brachte das Spielgerät vor das Tor. Dort stieg Gikiewicz höher als sein Gegenspieler Robert Strauß – und versetzte die Alte Försterei in Ekstase. Sogar die Ersatzspieler kamen auf das Feld gestürmt und begruben Unions Nummer eins in einer Jubeltraube. Auf den Rängen griffen sich viele der 20.108 Zuschauer fassungslos mit beiden Händen an den Kopf.

Fünfter Torwart, der aus dem Spiel heraus trifft

Wie schon im Heimspiel zuvor gegen Kiel (2:0), als Sebastian Polter seine Rückkehr per Fallrückzieher (von der ARD-Sportschau für das Tor des Monats September nominiert) zu einem Märchen werden ließ, verwandelte nun Gikiewicz die Alte Försterei in ein Theater der Träume. Unions Festung wankte, fiel aber nicht.

Doch sie hat trotz Einstellung des Klubrekords von (saisonübergreifend) elf Ligaspielen ohne Niederlage Kratzer abbekommen. „Es freut mich für Rafa“, sagte Union-Trainer Urs Fischer, „er ist gut hochgestiegen zum Kopfball. Aber ich habe es mir schon anders vorgestellt.“

Denn trotz des furiosen Schlusspunkts, durch den Gikiewicz nun zum Kreis jener Torhüter aufschloss, die aus dem Spiel heraus ein Tor erzielt haben (zuvor Jens Lehman für Schalke 1997, Frank Rost für den HSV 2002, Marwin Hitz für Augsburg 2015, Martin Männel 2015 für Aue), muss festgehalten werden: Die Chance, zu Spitzenreiter 1. FC Köln (am Montag gegen Duisburg) zumindest punktemäßig aufzuschließen, konnte Union zu keiner Zeit nutzen.

Ein Duell mit vielen Nickeligkeiten

Im Gegenteil, „am Ende musst du noch froh sein, dass du einen Punkt holst“, erklärte Fischer. Bis auf Robert Zulj für Felix Kroos im offensiven Mittelfeld schickte der Schweizer die gleiche Startelf ins Rennen, die am Montag Ingolstadt 2:1 schlug. Doch nach rund 15 Minuten, in denen Union versuchte, die Gäste an die Wand zu spielen und durch Zulj eine hochkarätige Möglichkeit vergab (10.), neutralisierten sich beide Teams immer mehr.

„Uns war wichtig, das Spiel offen zu halten und diszipliniert zu verteidigen“, erklärte Heidenheims Coach Frank Schmidt seine Marschroute. So entwickelte sich eine Partie mit zahlreichen Nickeligkeiten, in deren Folge Unions Grischa Prömel und Heidenheims Timo Beermann mit einem Kopfverband weiterspielen mussten und Schiedsrichter Benedikt Kempkes (Thür) sieben Gelbe Karten zeigte, drei davon für Union.

Über eine war Union-Kapitän Trimmel durchaus dankbar. „Vielleicht hätte man sogar Rot geben können“, sagte der Österreicher. In der 90. Minute hatte er Gäste-Stürmer Robert Glatzel als letzter Mann zu Fall gebracht. Beim anschließenden Freistoß durch Nikola Dovedan war Torwart Gikiewicz zur Stelle.

Hartels Ballverlust führt zum Gegentreffer

Es war das einzige Mal, dass er wirklich eingreifen musste. Beim 0:1 durch Glatzel war er machtlos (56.). Nach einem Eckball „müssen wir den Ball einfach lang spielen“, analysierte der Union-Schlussmann. Doch Marcel Hartel verlor ihn an Marc Schnatterer. Heidenheims Fußball-Ikone spielte auf Niklas Dorsch, dessen Flanke Glatzel am Fünfmeterraum mühelos einköpfte.

Union, das durch Akaki Gogia (45.+2), Hartel (46., 51.) und Andersson (73.) weitere gute Chancen vergab, musste reagieren. Fischer brachte mit Sebastian Polter (für Defensivmann Manuel Schmiedebach) und Simon Hedlund für Hartel frische Offensivkräfte. später kam noch Kenny Prince Redondo für Gogia. Doch erst Gikiewicz brach den Bann.

Schon fünf Minuten vor seinem Tor wollte er in des Gegners Strafraum eilen, wurde aber zurückgepfiffen. „Da war mir noch zu lange zu spielen“, sagte Coach Fischer. Dann kam die Nachspielzeit. „Ein Tor und eine Vorlage nach neun Spielen, das ist stark“, sagte Gikiewicz schelmisch. Beim 2:2 gegen Duisburg hatte er die Vorlage zu Hübners Last-Minute-Ausgleich gegeben. Jetzt muss er für sein Tor „mehr als 200 Nachrichten auf meinem Handy“ beantworten. Gikiewicz: „Ich hoffe, ich bekomme die schwarze Karte bei Fifa 19.“ Ins Team der Woche gehört er nach diesem Auftritt nicht nur beim Konsolenspiele-Klassiker.