Zweite Liga

Union und das Phänomen Sebastian Polter

Die Rückkehr von Union-Angreifer Sebastian Polter offenbart, wie sich die Stimmung nicht nur beim Berliner Zweitligisten verändert.

Sebastian Polter (2.v.r.) ist bei seinem Comeback gegen Kiel sofort als Zweikämpfer gefragt

Sebastian Polter (2.v.r.) ist bei seinem Comeback gegen Kiel sofort als Zweikämpfer gefragt

Foto: Britta Pedersen / dpa

Berlin.  Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte der Dienstagabend kein Ende gehabt. Nicht nach seinem Comeback im Trikot des 1. FC Union, schon gar nicht nach dem fulminanten Schlusspunkt mit dem Fallrückzieher zum 2:0 gegen Kiel. Dass Sebastian Polter nach diesem hochemotionalen Abend erst spät zur Ruhe kam, ist logisch. Trotzdem stand er am Mittwochmorgen wieder zum Spielersatztraining des Zweitligisten auf dem Platz. Schließlich waren es ja nur gut 15 Minuten, in denen der Profi gespielt hatte.

Doch in eben jener Viertelstunde war nicht zu übersehen, welchen Einfluss der 27-Jährige tatsächlich nimmt, auf die Mannschaft, den Verein, ja vielleicht sogar auf die gesamte Liga. Um das Phänomen Polter zu verstehen, muss man wissen, dass es für den gebürtigen Wilhelmshavener nur eine Denkweise gibt: die positive.

Sie hat ihn nach seinem Achillessehnenriss durch die sieben Monate Reha begleitet. „Nicht jeder Tag ist positiv verlaufen. Man denkt, eigentlich willst du schneller wieder zur Mannschaft zurück“, erzählte Polter. Doch eben die Teamkollegen gaben ihm immer zu verstehen: „Bleibe ruhig, du kommst zurück, arbeite hart – und das habe ich gemacht“, so Polter.

Präsenz der Köpenicker ändert sich mit Polter

Das schweißt eine Mannschaft zusammen und gab ihr gegen Kiel, als man sich schon auf das vierte Remis in Folge einzustellen begann, den entscheidenden Schub. Die Präsenz der Köpenicker war nach Polters Einwechslung eine ganz andere, mehr denn je dokumentierte Union, dass es in der Alten Försterei nichts zu holen geben soll. Wenn Spieler wie Robert Zulj, der erst Ende August zu Union gekommen ist, sagt, „bei Polters Tor hatte ich Gänsehaut“, beschreibt dies auch die Aura, die von Polter ausgeht und durch das Comeback sowie die Schwere der Verletzung vorher noch verstärkt wird.

„Dass mit Polters Einwechslung etwas passiert und die Spieler das auch wahrnehmen – natürlich. Das hat auch viel mit dem Publikum zu tun, aber auch mit der Spielweise, die Polter pflegt“, sagte Trainer Urs Fischer: „Ich glaube auch, dass es die Mannschaft, auch weil wir endlich einen Stürmer bringen konnten, noch einmal beflügeln kann.“ Bislang musste Sebastian Andersson den Alleinunterhalter im Angriff geben.

Die Tatsache, wie er sich durch all die Monate zurückgekämpft hat, kommt an bei Fußball-Fans, bei denen von Union erst recht. Polter gibt immer alles, im Kraftraum, im Training, im Spiel. Er ist die personifizierte Aufstiegshoffnung, seit er im Januar 2017 während des Wintertrainingslagers in Spanien zu Union zurückgekehrt ist. Zahlreiche Fans hatten ihn damals bei der Ankunft am Flughafen Alicante wie einen Messias gefeiert.

„Ich werde mich nicht zurücknehmen“

„Ich bin vom Kopf her komplett frei“, sagte Polter nun nach seinen ersten Minuten: „Das muss man nach so einer langen Verletzung auch sein, sonst hätte das nicht funktioniert. Gerade in der Zweiten Liga, wo es robust zur Sache geht.“ Eine Spielweise, die auch die seine ist, „ich werde auch immer so bleiben, mich nicht zurücknehmen.“

Die Liga wird aufgehorcht haben, dass nach Wochen, in denen Union nicht immer überzeugte und doch ungeschlagen blieb, mehr Offensivwucht auf sie zukommt. „Dass er für Probleme in der gegnerischen Abwehr sorgt, sollte bekannt sein“, frohlockte Grischa Prömel, Schütze des 1:0 gegen Kiel. Ähnlich wie in Köln, wo Ex-Unioner Simon Terodde (zehn Tore) zum Schrecken für die Konkurrenz geworden ist, kann auch Polter den Gegner zur Verzweiflung bringen.

Dank ihm kann Union ein gehöriges Wörtchen im Aufstiegsrennen mitreden – wenn seine Rückkehr zur Normalität weiter reibungslos verläuft. „Ich will jetzt erst mal weiter gesund bleiben. Ich war vorher sieben Jahre gesund, habe alles getan, um gesund zu bleiben – dann ist es passiert. Es können immer noch Rückschläge kommen, das muss man offen und ehrlich ansprechen. Ich hoffe es nicht“, sagte Polter. Jedes Training will er weiter nutzen, sich auch bei weiteren Kurzeinsätzen „voll reinhauen. Dann bin ich sicher, dass ich in den nächsten Monaten auch wieder über die volle Distanz spielen kann.“ Mit schönem Gruß an die Konkurrenz.