Zweite Liga

Union ist bereit für die Rolle des Gejagten

Unions Sieg in Ingolstadt zeigt, dass sich der Zweitligist weiterentwickelt hat. Doch nach dem ersten Spiel ist noch Luft nach oben.

Christopher Trimmel (l.) erzielt mit seinem satten Schuss den Siegtreffer in Ingolstadt

Christopher Trimmel (l.) erzielt mit seinem satten Schuss den Siegtreffer in Ingolstadt

Foto: FrankHoermann/SVEN SIMON / picture alliance / SvenSimon

Berlin.  Dass Jakob Busk wieder auf die Sonnenseite des Torwartlebens zurückgewechselt ist, lässt sich leicht feststellen. Man braucht dem Dänen nur ins Gesicht zu schauen. Auch sein Hals hat gut Farbe abbekommen. Erst mit Beginn der Schulterpartie, die im Normalfall vom Trikot bedeckt ist, hört die Bräune auf. Sommerliche Begleiterscheinungen, wenn man sich den Status der Nummer eins beim Berliner Fußball-Zweitligisten zurückgeholt hat und folglich auch im ersten Saisonspiel beim FC Ingolstadt (1:0) zwischen den Pfosten stand. Und viel in der Sonne.

Wenn der Däne nun wissen lässt, wie froh er ist, "dass wir zu Null gespielt haben", beweist dies Dreierlei. Busk hat das Vertrauen seines Trainers Jens Keller in ihn gerechtfertigt. Zugleich unterstrich er, dass er im Vergleich zur vergangenen Saison einen Schritt nach vorn gemacht hat. Und er zeigte seinem Konkurrenten Daniel Mesenhöler, an den er seinen Stammplatz verloren hatte, dass er bereit ist für die Rolle des Gejagten. Die beiden letzten Punkte treffen auch auf die gesamte Mannschaft zu.

Der Sieg der Köpenicker beim Top-Favoriten für den Aufstieg in die Bundesliga und die Frage, wie man damit umgeht. Ein Ausrufezeichen an die Liga? "Schwer zu sagen", meint Steven Skrzybski. "Der Anfang war zu zögerlich, aber es gibt dann immer wieder Aktionen, die einen mitreißen", erklärte der Stürmer. Gut sei gewesen, "dass wir kompakt standen und jeder für den anderen gelaufen ist."

Die Offensive muss sich steigern

Also doch nur drei Punkte zum Start in die Saison? "Es war auf jeden Fall ein Statement", will Marcel Hartel den Sieg nicht zu klein geredet wissen. Aber auch nicht zu groß, "schließlich war es erst der erste Spieltag, das dürfen wir nicht zu hoch hängen", so der Mittelfeldspieler: "Aber die drei Punkte kann uns keiner mehr nehmen."

Angesichts der Tatsache, dass es gerade die Niederlagen bei den Mitfavoriten Hannover, Stuttgart und Braunschweig gewesen sind, die die Aufstiegsträume in der vorigen Spielzeit zerstört hatten, ist es nicht verwerflich, von einem Big Point zu sprechen. Eine Einschätzung, die Trainer Keller dennoch zu weit geht: "Es ist nichts passiert. Es waren drei wichtige Punkte beim Topfavoriten der Liga, die für das Selbstvertrauen gut sind. Aber nicht mehr." Seine Reaktion beim Abpfiff untermauert hingegen, dass es doch mehr war: die Siegerfaust war energischer als sonst, der Jubel mit den Co-Trainern Henrik Pedersen und Sebastian Bönig befreiender. Dass der Coach derart defensiv reagiert, ist nachvollziehbar. Er möchte in Ruhe und konzentriert weiterarbeiten, um das Ziel Bundesliga zu erreichen.

Fakt ist: Der Auftritt in Ingolstadt hat gezeigt, dass sich die Mannschaft im Vergleich zur Vorsaison weiterentwickelt hat. Aber auch, dass längst noch nicht alles Gold war, was geglänzt hatte. Die Köpenicker verloren trotz des Drucks, den Ingolstadt in der ersten halben Stunde ausübte, nicht die Ruhe. Mit Beginn der zweiten Halbzeit schaltete sie in Sachen Tempo und Spielwitz einen Gang hoch. Und auch in der hektischen Schlussphase gelang es ihnen, nicht übermäßig in Hektik zu verfallen, um doch noch den Ausgleich zu kassieren. "Wir haben auch in der vergangenen Saison in vielen Spielen die Nerven behalten", sagte Kapitän Felix Kroos. Nur eben nicht in den entscheidenden. Ingolstadt war ein erstes Zeichen dafür, dass es diese Saison anders laufen könnte. "Wichtig ist, dass wir uns zurückgekämpft haben", so Kroos: "Wenn wir so weiterspielen, wird es schwer sein, uns zu schlagen."

Torrejon überzeugt in der Defensive

Jemanden wie Marc Torrejon nun in den eigenen Reihen zu wissen, gibt zusätzlichen Auftrieb. Skrzybski spricht von "guten Charakteren, die leicht in unser System zu integrieren sind" und lobt Unions neuen Führungsspieler: "Es geht um einfache Kommandos, die aber wichtig sind." Der Spanier bedankte sich artig: "Ich bin mit 31 Jahren ein erfahrener Spieler, auf den man schon hört. Aber es ist auch keiner in der Mannschaft dabei, der die Diva gibt, das macht es um so einfacher."

Dennoch bleibt – nachvollziehbar nach erst einem Spieltag – Luft nach oben. "Beim Spiel in die Spitze müssen wir uns steigern", weiß Skrzybski. Immerhin kam er in Ingolstadt auf drei Torschüsse. Stürmer Sebastian Polter nicht auf einen einzigen. Zu selten wurde er in Szene gesetzt, zu selten konnte er sich in Szene setzen. Was für die Offensivbemühungen im Allgemeinen gilt, gilt für Polter im Speziellen. Denn mit Philipp Hosiner steht ein Teamkollege bereit, der sich in der Vorbereitung im Minimum gleichwertig präsentiert hat, wenn nicht sogar besser. Dass Polter sich den Assist für das Traumtor von Christopher Trimmel gutschreiben lassen kann, entsprang auch eher dem Zufall als einer durchdachten Aktion.

Den vielversprechenden Saisonstart schmälert dies jedoch nicht. Zumal man bei einem Sieg viel richtig gemacht haben muss. So wie Jakob Busk, der eine neue Qualität bewies, als Ingolstadts Dario Lezcano allein auf ihn zulief: "Ich habe versucht, ihn zu blocken, es hat funktioniert und er wusste nicht mehr weiter. Ich habe gelernt, bei Eins-gegen-eins-Situationen mehr Geduld zu haben, lange und sicher stehen zu bleiben." Soll heißen: Für Jäger gibt es gegen Union wenig zu holen.

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