1. FC Union

Eisern Union: Das Jubiläum der Unangepassten

Union Berlin wird 50. Klublegende Wolfgang Matthies freut sich, dass es dem Verein zum Geburtstag so gut geht wie nie zuvor.

So schön ist bei Union im Stadion an der Alten Försterei

So schön ist bei Union im Stadion an der Alten Försterei

Foto: Hannibal Hanschke / picture alliance / dpa

Berlin.  Vergangene Woche musste Wolfgang Matthies (62) hetzen. Erst mit der Mutter zu Terminen, dann zu Union. Karten besorgen für Sonntag. Das lässt einen erst einmal staunend zurück, der offiziell wertvollste Spieler aller Zeiten des 1. FC Union bekommt seine Karten nicht zugeschickt. „Nee, die muss ick mir selber holen“, sagt Matthies, der einstige Fußball-Torwart. Er freut sich auf die Partie. Es ist das Spiel zum großen Jubiläum, Union wird 50 Jahre alt und empfängt Borussia Dortmund (17 Uhr, Alte Försterei).

Die Feier des Zweitligisten findet bereits am Mittwoch statt. „Das ist eine schöne Sache“, sagt Matthies, „Union hat sich aufgerappelt in den vergangenen Jahren. Ich bin sehr zufrieden damit.“ Einfach war es nämlich nicht, so lange durchzuhalten. Erst kämpfte man in der DDR gegen die Verhältnisse an. Nach der Wende ging es lange um das Geld, das meist nicht da war. „Beide Zeiten waren schwer“, erzählt Matthies.

Einst beschnitten, dann klamm

In der DDR wurde Union als kleiner Klub aus politischer Willkür stark beschnitten in seinen Möglichkeiten und klein gehalten. „Die guten Spieler mussten weggehen, neue durften nicht dazukommen“, erinnert sich Matthies. Finanziell stand der Klub oft am Abgrund, als die Beschränkungen in der DDR wegfielen. Bis in die Vierte Liga ging es runter. „Da hatte jeder Angst, dass was schief geht.“ Doch jetzt wird gefeiert. Trotz allem. Und jetzt erst recht, wo es den Köpenickern so gut geht wie nie zuvor.

Über 4000 von mehr als 12.000 Klubmitgliedern kommen am Mittwoch zur Feier – und zur größten Mitgliederversammlung der Vereinsgeschichte. Sein größter Wunsch zum 50.? Da muss Matthies nicht lange nachdenken: „Sie sollen so solide weitermachen wie zuletzt.“ Na, und vielleicht noch einen großen Sponsor ranholen. Ach ja, eines noch: „Sportlich um Gottes Willen keinen Aufstieg.“ Was? Gut, die Gefahr besteht in dieser Saison sowieso nicht. Aber generell würde der Kult-Torsteher den Klub lieber noch eine Weile in der Zweiten Liga sehen. Das ist ihm alles noch nicht stabil genug, was er da Woche für Woche auf dem Platz anschauen muss. Er ist ja immer im Stadion und kann das gut einschätzen.

>>>Das große Union-Quiz

Ein Teil vom Stadion gehört ihm sogar, ein ganz kleiner. Zwei Aktien besitzt Matthies. Mitgeholfen beim Bau hat er auch. „Das Miteinander mit den Fans ist einmalig bei Union. Was die Fans für Union machen und Union umgekehrt wiedergibt“, erzählt der Rentner. Das macht den Klub für ihn aus. Deshalb krauchte er nachts über die Baustelle: „Weil ich gesundheitlich bedingt keine Höchstleistungen mehr bringen kann, war ich als Nachtwächter tätig und habe aufgepasst, dass nichts geklaut wird.“ Wurde nicht.

Zweimal musste Matthies weg

Vor zehn Jahren, zum 40., wählte der Klub-Anhang den Torwart, der von 1971 bis 1988 für Union auflief, zum Besten aller Unioner. „Das bedeutet mir eine ganze Menge, weil es eine Auszeichnung der Fans ist“, sagt Matthies. Derzeit sieht er keinen, der ihm den Titel irgendwann streitig machen könnte. Torsten Mattuschka, der hätte das Potenzial gehabt. Aber das Thema hat sich seit Sommer 2014 erledigt, da ging Mattuschka nach Cottbus. Matthies war auch mal weg. In Magdeburg spielte er zwei Jahre. „Ich war Unioner mit Leib und Seele, aber es ging nicht anders“, sagt er. Mit Trainer Harry Nippert kam er einfach nicht aus. Als Nippert weg war, ließ Magdeburg ihn sofort wieder zurück zu Union. Weil er zur Armee eingezogen wurde, verpasste er noch zwei Jahre.

Diese Episoden waren nicht der schönste Teil seiner Karriere, obwohl er mit Magdeburg in Barcelona spielte. Ganz besondere Momente verbindet er mit den Siegen nach dem Aufstieg 1976 in die Oberliga gegen den BFC Dynamo, den großen Rivalen aus Hohenschönhausen, den Stasi-Verein. Zweimal 1:0. Und niemals vergessen. Eine Legende nahm ihren Lauf, ein Mythos begann zu leben. Diese Siege trugen einiges zum Image des Klubs bei. Immer mehr Zuschauer kamen in das Stadion an der Alten Försterei. Union wurde zu einem Hort der Unangepassten.

Letzter großer Anker

Das passte zu Matthies. Ein bisschen fühlte er sich zu Ostzeiten als Aufmüpfiger. Als die Wende kam, machte er rüber. Aber nicht weit weg. In Britz wohnt er jetzt. Und betreut bei Union immer noch die Traditionsmannschaft. Union ist sein Leben. Aufstieg, klar, den würde er auch gern sehen. „Vielleicht in fünf Jahren, wenn es Schritt für Schritt vorwärts geht“, sagt Matthies. Wenn das Gefühl weg ist, dass doch immer mal wieder der Abstieg drin sein könnte. Aber vom neuen Trainer Sascha Lewandowski hält er eine Menge. Die Klubführung hat auch längst nachgewiesen, dass sie gute Arbeit leistet. Die beste von allen Ex-DDR-Teams, Union ist der letzte große Anker des Ost-Fußballs bei den Profis.

Wolfgang Matthies geht gern feiern am Mittwoch im Velodrom. Klub-Idole wie er sind dort geladene Gäste. „Die Karten dafür habe ich zugeschickt bekommen.“ Na bitte.