1.FC Union

Benjamin Köhler sorgt in Spanien für Gänsehaut pur

Nach überstandenem Lymphdrüsenkrebs steht der Mittelfeldspieler beim Test gegen eine spanische Auswahl erstmals wieder auf dem Platz.

Foto: Matthias Koch

Oliva Nova.  Es gibt Momente, die größer sind als Fußball, viel größer. Weil sie ans Herz gehen, weil sie einem zeigen, worauf es wirklich ankommt: auf das Leben selbst. An einem solchen Moment durften am Sonntagnachmittag all jene teilhaben, die sich auf dem Sportplatz 2 der Trainingsanlage des Hotels Oliva Nova eingefunden hatten.

Man brauchte nicht lange, um zu erkennen, dass die Gänsehaut nicht dem kühlen Wind entsprang, der den sonnigen Tag an der spanischen Costa del Azahar begleitete.

Es war exakt 15.16 Uhr, als sich die Blicke auf Benjamin Köhler richten, beim Auflaufen der Mannschaften zum Testspiel des 1. FC Union gegen die Auswahl arbeitsloser Profis der spanischen Spielergewerkschaft AFE.

Kurz nach dem Anstoß der erste Ballkontakt – ein Vorgang, wie er normaler kaum sein kann im Fußball, im Falle von Köhler mit Normalität rein gar nichts zu tun hat. Es war das erste Mal seit fast einem Jahr, dass der Berliner wieder im Trikot des Berliner Fußball-Zweitligisten auflief.

Das erste Mal, nachdem bei Köhler Anfang Februar vergangenen Jahres Lymphdrüsenkrebs diagnostiziert wurde. Unions Nummer sieben ist zurück.

81 Minuten im Einsatz

„Ich freue mich, wieder unter Wettkampfbedingungen zu spielen, mal wieder gegen einen anderen Gegner“, sagt Köhler, „mal wieder auf dem Platz zu stehen“. Nicht in Trainingskleidung, nicht in einer Übungseinheit, sondern in einem offiziellen Spiel.

Es sind 81 Minuten, die ihm Trainer Sascha Lewandowski gönnt, bevor Köhler strahlend und unter lautem Applaus der rund 150 Fans den Platz verlässt. „Geplant waren nur 60 Minuten, aber jede Minute mehr ist gut für die Fitness“, sagte Köhler und gestand: „Ab und zu ging mir schon die Pumpe.“

Sein Einsatz ist ein Zeichen dafür, dass Köhler immer noch zur Mannschaft gehört. Samt Bestätigung, dass sein Gesundheitszustand Profisport zulässt, auch wenn die vollständige Heilung erst nach fünf Jahren diagnostiziert werden kann.

„Ich bin überzuegt, dass ich eine Alternative sein kann“

„Stand jetzt bin ich noch nicht so weit“, verrät Köhler. Das sieht man in den Tagen an der Mittelmeerküste in jedem Training, in dem Köhler sich mit den Nachwuchsspielern Lukas Lämmel und Cihan Kahraman den Ball zuspielt, derweil seine Teamkollegen auf dem Platz Abläufe einstudieren.

Wie gern würde er jetzt dabei sein. Ihm bleibt immer nur der sehnsuchtsvolle Blick rüber zu den anderen. Später, beim Passspiel oder beim Sechs-gegen-Zwei, darf er endlich mitmischen. „Der Trainer muss natürlich auch sehen, dass er seine Elf auf den Platz bekommt“, sagt Köhler dann.

Jenen Augenblick der Erkenntnis, dass es vielleicht doch nicht mehr reichen könnte, dass sein am Saisonende auslaufender Vertrag bei Union eventuell der letzte gewesen sein könnte, wischt er einfach weg. „Ich bin überzeugt davon, dass ich dem Trainer noch mal zeigen kann, eine Alternative zu sein.“

Sein Blick schweift dabei hinaus in die Ferne, als wolle er sich den harten Weg noch einmal ins Gedächtnis zurückrufen. Um wenig später mit einem Lächeln den Triumph in seiner härtesten Prüfung auszukosten.

Rückblick auf eine lange Leidenszeit

4. Februar 2015, der Tag, der Köhlers Leben für immer verändern sollte. Aus den Bauchschmerzen, die Köhler in den Tagen zuvor verspürt hat, diagnostizieren die Ärzte die niederschmetternde Diagnose Krebs.

Ein Hodgkin-Lymphom, bösartig, selten und lebensbedrohlich, hatte seine Lymphdrüsen befallen. Köhler machte seine Krankheit öffentlich, postete Fotos in den sozialen Netzwerken aus seinem Krankenzimmer, um zu zeigen, dass er seine Ankündigung („Wir sehen uns wieder, ganz bestimmt“) nicht einfach nur so daher gesagt ist.

Fünf Monate und sechs Sitzungen im Rahmen der Chemotherapie später stößt Köhler in der Vorbereitung auf die Spielzeit 2015/16 in Bad Kleinkirchheim/Österreich wieder zur Mannschaft. Mit seinem Sohn kickt er auf dem Nebenplatz, derweil seine Teamkollegen für den Saisonstart schwitzen.

Ende August beginnt er mit dem individuellen Training, Mitte November dann die erste Einheit mit der Mannschaft. Köhler, der Kämpfer; Eisern Benny – sie haben ihm diverse Spitznamen gegeben. Nur einen Tag nach Bekanntwerden der Krankheit hatte Union seinen Vertrag um ein Jahr verlängert. Die Botschaft war immer dieselbe: Du bist nicht allein in deinem Kampf.

Mit Viererkette gegen Ungarns Meister

Am Sonntag, in Oliva Nova, bereitet er sich wie immer auf ein Spiel am Nachmittag vor. Anschwitzen, leichtes Mittagessen, derweil um die Mittagszeit die vermeintliche Anfangsformation für den Punktspielstart 2016 in Kaiserslautern (5.2.) mit 0:1 (0:0) gegen Ungarns Meister Videoton FC Szekesfehervar verlor.

Trainer Lewandowski ließ mit Viererkette agieren, Emanuel Pogatetz und Toni Leistner spielten in der Innenverteidigung flankiert von Testspieler Christopher Lenz (links), der einen guten Eindruck hinterließ, und Kapitän Benjamin Kessel.

Dabei war Union optisch überlegen, konnte Chancen durch Eroll Zejnullahu (13.), Bobby Wood (45.), Pogatetz (72.) und Damir Kreilach (77., 88.) nicht nutzen. Auf der Gegenseite reichte eine Unachtsamkeit für den Gegentreffer durch Robert Feczesin (36.).

Ein Tor und eine Vorlage zum Einstand

Am Nachmittag, beim 4:0 (1:0) von Unions zweitem Anzug gegen die AFE-Auswahl, versucht sich Köhler als Taktgeber im Mittelfeld und muss doch seinen eigenen Takt erst finden. Die lange Pause ist ihm anzumerken, sein Ehrgeiz hat darunter nicht gelitten.

Dass er die Führung durch Steven Skrzybski (25.) einleitet und das 3:0 per Elfmeter (76.) selbst schießt, passt ins Bild. Außerdem trifft Kenny Prince Redondo (82.).

Der Rückkehr in einem Union-Pflichtspiel fiebert er sichtlich entgegen. Auch wenn er sich des Öfteren bremsen muss. „Ich muss mir das immer wieder bewusst machen. Vor sechs Monaten haben mich die Leute noch im Krankenhaus besucht, da war an Fußball noch nicht zu denken.

Doch man muss sich ja irgendwo festhalten. Das ist für mich der Fußball“, sagt Köhler: „Viele trauen mir die Rückkehr nicht zu, ich werde sie aber eines Besseren belehren.“ Die Gänsehaut will gar nicht mehr weggehen.